Liebe Leserinnen und Leser,

Ich habe in meinem Blog unter der Kategorie „Damals“ (Navigationszeile rechts) eine neue Seite geöffnet. Die ersten beiden Geschichten „Das schweigsame Mädchen“ und „Isi und der Floh“ gehören bereits dazu.

Ich habe demnächst Geburtstag. Das ist Anlass, zurückzublicken und euch einiges aus meinem langen Leben zu erzählen.

Viel Spaß beim Lesen

Barbara

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                                                                               

 

1 Kommentar 19.2.18 09:41, kommentieren

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Das schweigsame Mädchen

Das schweigsame Mädchen

Sie konnte sich nicht beklagen. Ihre Kindheit war freundlich und liebevoll, soweit sie sich erinnern konnte. Die Mutter war ihre Säule und ihr Hort. Der Vater war ein vielbeschäftigter Pfarrer und er konnte sich nicht mit seiner kleinen stillen Tochter abgeben. Mit ihren drei Geschwistern hatte sie anfangs wenig Kontakt. Der Älteste interessierte sich nicht für die kleine Schwester. Der Jüngste war noch ein Baby. Auch mit ihrer älteren Schwester hatte sie wenig Gemeinsames. Das lag sicher daran, dass sie schon in den Kindergarten ging. Sie hatte lange dunkelblonde Zöpfe und eine blühende Fantasie. Sie erzählte im Kindergarten, dass sie auf der Hochzeit ihrer Eltern Blumen gestreut hätte. Ein Kind vor der Ehe? Das war nicht passend. Aber das wusste ihre Schwester nicht. Sie erzählte auch irgendwann von einem weißen Elefanten, auf dem sie gesessen hätte.

Dem Mädchen war ziemlich egal, was ihre Schwester zusammen fantasierte. Sie war zufrieden mit der Welt. Sie saß am liebsten auf ihrer Schaukel, die an dem alten Birnbaum hing und mit ihrem Auf und Ab versuchte sie den Dingen auf den Grund zu gehen. Warum war die Sonne so warm, warum fraß die böse Nachbarskatze die kleinen kreischenden Amseln, wo kam der Regen her?

Aber es gab Leute in der Bekanntschaft ihrer Eltern, die meinten, dass die kleine dusslige Tochter von Pfarrer Schmidt nicht so viel mitbekommen hätte. Ihre Großmutter sah sie besorgt an, aber ihre Mutter verteidigte sie heftig.

„Lasst das Kind, das braucht eben noch eine Weile. Seht doch die Augen an, dann wisst ihr, dass es in Ordnung ist.“

Sie war still und schweigsam. Mit ja und nein äußerte sie sich. Aber Sätze waren ihr zu mühsam und oft nicht notwendig. Sie hatte einfach keine Lust zu sprechen. Ihre Gedanken beschäftigten sie so sehr, dass sie nicht zum Sprechen kam. Warum sollte sie auch? Die anderen Leute sprachen genug, oft alle durcheinander. Keiner hörte auf zu reden, wenn der andere etwas sagte. Ihre Geschwister schrien sogar. Das störte sie, weil jetzt niemand etwas verstand. Da musste sie sich nicht auch noch einmischen.

Aber eines Tages bewies sie ihrer Mutter und ihrer besorgten Großmutter, dass sie sprechen konnte und dass sie durchaus verständig war.

Ihre Mutter kämmte ihr die Haare. Damals trugen alle kleinen Mädchen lange Zöpfe. Wenn es besonders elegant sein sollte, saß oben auf dem Kopf ein sogenannter Hahnenkamm. Ein Teil der oberen Haare wurde auf einem Kamm zu einer Rolle gedreht. Eine weitere Variante waren Affenschaukeln. Die langen Zöpfe wurden nach oben gebunden und sahen jetzt wie Schaukeln aus.

Sie hasste Haare kämmen. Es ziepte und ihre Mutter war schnell, Das hieß, sie rupfte manchmal.

„Wenn es weh tut“, sagte sie, „dann schreie nur. Ich höre doch nicht auf.“ Was für ein grässlicher Spruch.

Sie saß auf einem Stuhl mitten in der Küche. Am Küchentisch saß ihre Großmutter und strickte. Peter, der älteste Bruder,  saß ihr gegenüber und machte Hausaufgaben. Er stöhnte und sie fand, er hatte recht. Die Sätze waren blöd, die er schreiben musste.

„Das Essen wird gekocht, das gekochte Essen.“ Wer sagt schon „Das gekochte Essen ist fertig“. Wenn das Essen fertig ist, dann ist es auch gekocht.

Aber vielleicht konnte sie ihm helfen?

„Das Kind wird gekämmt, das gekämmte Kind“, mit erhobener Stimme schleuderte sie diesen Satz in die Küche.

Die Mutter ließ den Kamm fallen und starrte auf ihre Tochter.

Da wundert ihr euch, dachte sie, bückte sich und hob den Kamm auf, der ihrer Mutter aus der Hand gefallen war. Sie reichte ihr den Kamm und sah sie an, ein bisschen triumphierend, ein bisschen stolz.

„Ich habe es ja immer gesagt. Das Kind ist in Ordnung.“ Die Mutter erwiderte den Blick. Wie war das mit den stillen Wassern?

Die Großmutter verlor eine ganze Stricknadel Maschen.

„Gott sei Dank!“ rief sie, „das Kind ist doch bei Verstand.“

In wilder Hast sammelte sie die verlorenen Maschen auf und murmelte.

„Dem Himmel sei Dank, dem Himmel sei Dank...“

„Prima“, sagte Peter und schrieb den Satz in sein Heft.

 

19.2.18 09:55, kommentieren