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Wartezimmer

Wartezimmer

Der Aufenthalt in einer Arztpraxis wird immer von unangenehmen und nervösen Gefühlen begleitet. Heißt das doch, dass in meinem täglichen Leben etwas nicht stimmt. Ich fühle mich nicht wohl, weil mein Körper an irgendeiner Stelle nicht funktioniert. Entweder ich bin erkältet oder ich puste beim Treppensteigen. Mein linkes Bein schwächelt. Das stört alles und ich setze mich in das Wartezimmer des zuständigen Arztes oder der Ärztin.

In dem Ort, in dem ich bislang gelebt habe, waren diese Zimmer, vielleicht besser Zimmerchen, meist klein und eng bestuhlt. Die Stühle waren hart und die Luft abgestanden. An der Wand hing eventuell ein Bild, auf dem eine sanfte Landschaft dargestellt wurde. Dieses Bild sollte möglicherweise die nervösen Gefühle der Patienten beschwichtigen. Auf dem Fensterbrett stand manchmal eine dürftige Pflanze, ein Rest Orchidee oder die letzte Blüte einer Geranie. Auf einem schlichten Tisch in der Mitte des Raums lagerten abgegriffene Zeitschriften, die mit Sicherheit Keimträger waren.

Das war nicht überall so. Aber die Dürftigkeit mancher dieser Wartezimmer wurde mir erst bewusst, als ich in Berlin die Wartezimmer einiger der hiesigen Ärzte aufsuchte. Schon der Eingangsbereich war häufig hell und weit. Manchmal standen hier sogar Stühle für Patienten, die auf ihre Anmeldung warteten. Palmen und Gummibäume begrüßten den Kranken und versetzten ihn in eine hoffnungsfrohe Stimmung. Auch die Ausstattung des Wartezimmers erstaunte ihn. Ein sehr großer Raum mit Sesseln an den Wänden, mit großen bodentiefen Fenstern empfing ihn. Leise Musik ertönte und in der Ecke des Raums gluckerte ein Wasserspender. Der Patient sollte trinken, stilles Wasser, ein bisschen Kohlensäure, kalt oder zimmerwarm, alles war beruhigend und sanft. Der Patient wurde eingelullt: „Keine Angst, es wird alles gut.“

Den Höhepunkt dieser Wartezimmerkultur habe ich erst neulich erlebt. Wie in allen diesen Räumen standen Stühle an den Wänden, aber weich und bequem gepolstert. Dessen nicht genug. In der Mitte stand ein flacher Couchtisch. Um ihn herum standen vier bequeme Sessel. Hier sollte die Wartezeit mit Stapeln wissenschaftlicher und künstlerischer Zeitschriften überbrückt werden. Es gab keine Infoblätter über die Royals oder die erneute Hochzeit irgendwelcher Promis.

In einer Ecke stand, wie in allen Wartezimmern, ein Wasserbehälter mit den bekannten Wasserangeboten. Neben ihm stand eine blonde Angestellte, die Patienten nach ihren Kaffeewünschen fragte: „Schwarz oder Milchkaffee, Lattemachiato oder Cappuccino?“

An der Wand stand ein golden verzierter runder Schrank mit vier, an Hühnerbeine gemahnende goldene Stützen, dessen Glastüren einige Wertgegenstände verbargen. Ich konnte nicht erkennen, worum es sich handelte. Neben diesem auffälligen Schrank stand ein hochlehniger Sessel mit roter Samtpolsterung und goldenen Fransen. Ähnliche Sessel standen vor dem Schreibtisch der Ärztin im Behandlungszimmer, nur mit goldener Polsterung. Ich versank in dem weichen Sitzkissen.

Aber zurück in das komfortable Wartezimmer. Die Affinität der Ärztin für Kunst aller Art zeigte sich auch an den großen Bildern, die an den Wänden hingen. Moderne Kunst in grellen Farben, gelb, rot, blau, lila und grün. Ob diese Farborgien eine beruhigende Wirkung haben, ist die Frage. Aber es gab immer noch den großen Fernseher, der sanfte Musik zu anmutigen Tierfilmen ausstrahlte.

Auf einer Kommode neben dem Fernseher stand sogar ein Kärtchen mit dem Hinweis auf Wlan.

Der Patient sollte auf nichts verzichten. Es fehlte nur noch eines, nämlich etwas zum Liegen. Bequeme Liegestühle oder gar eine Couch wären nicht schlecht. Dann könnte er sich wirklich wie zu Hause fühlen.

Ich war so beschäftigt, die Einzelheiten dieses Raums zu bewundern, dass ich meinen Namen überhörte. Er wurde von einem smarten jungen Mann mit schwarzer Hose und weißem Hemd - die Standartkleidung der jungen männlichen Angestellten dieser Praxis - ausgerufen.

Die Einrichtung dieses Raums hat bei mir erreicht, was sie sollte. Ich vergaß kurzfristig den Grund für meinen Aufenthalt in diesem Wartezimmer.

10.9.17 10:52, kommentieren

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Der nächtliche Vogelflug

Der nächtliche Vogelflug

Meistens sind es Brummfliegen oder Mücken, die den müden Menschen vom Schlafen abhalten. Sie brummen oder sirren. Oft ernähren sie sich von ihrem erschöpften Opfer. Das gilt für die Mücken. Die dicken Fliegen, die erst die helle Nachtischlampe umkreisen, geben dann Ruhe, wenn das Licht gelöscht ist.

Der nächtliche Ruhestörer, der mich in der letzten Nacht etwa um zwei Uhr überfallen hat, brummte oder sirrte nicht. Er machte sich auf meinem metallenen Fenstersims zu schaffen. Es klapperte und raschelte, pickte und knisterte. Schlaftrunken lauschte ich den Geräuschen. Regnet es oder fliegen die jetzt reifenden Kastanien gegen mein Fenster? Nein, das hört sich anders an. Außerdem fallen Kastanien senkrecht nach unten und fliegen nicht im Bogen gegen Fenster.

Sollten es Einbrecher sein? Aber die müssten eine Leiter anlegen, um zu mir in den zweiten Stock zu gelangen. Allerdings ist es durchaus einfach, in unser Haus einzubrechen. Die Haustür wurde schon mehrfach zerstört.

Also was tun? Ich machte meine Nachtischlampe an, richtete mich in meinem Bett auf und versuchte, diesen merkwürdigen Geräuschen auf den Grund zu gehen. Dann stand ich auf und schob die Gardinen beiseite. Auf dem Fensterbrett war nichts zu sehen, aber hinter mir, oben an der Zimmerdecke schwirrte etwas in Kreis. Ich drehte mich um und sah nach oben. Ein Vogel hatte sich in mein Schlafzimmer verirrt und kreiste, wohl etwas irritiert, wohin ihn seine Neugier gebracht hatte, um die Schlafzimmerlampe. Verschreckt sah ich seinem Treiben zu. Es war ein größerer dunkler Vogel.

Was sollte ich jetzt tun? Ich konnte auf der Couch in meinem Arbeitszimmer weiter schlafen oder versuchen, diesem Eindringling den Weg nach draußen zu weisen.

Ich entschied mich für die zweite Alternative. Er brauchte Luftzug. Wenn die Fenster offen sind, wird ihn der nächtliche Wind treffen und er wird ihm durch das Fenster folgen. Gesagt, getan, ich öffnete die Fenster und beobachtete das umher fliegende Geschöpf. Der Vogel drehte seine Runden um die Deckenlampe und den Feuermelder. Aber er flog immer haarscharf an den geöffneten Fenstern vorbei.

Inzwischen sah ich dieses nächtliche Ereignis etwas gelassener. Ich verließ das Schlafzimmer und verzog mich für kurze Zeit auf die Toilette. Vielleicht fand mein nächtlicher Besuch den Ausgang durch die Fenster leichter, wenn ich nicht im Raum war.

Diese Therapie war wohl die richtige. Als ich die Schlafzimmertür vorsichtig einen Spalt öffnete, sah ich keinen kreisenden Vogel mehr. Die Luft schien rein. Ich schloss die Fenster, nicht ohne vorher kontrolliert zu haben, ob sich der Irrflieger nicht irgendwo im Raum versteckt hatte.

Ich legte mich wieder ins Bett. Aber an Schlafen war jetzt nicht zu denken. Jetzt kreisten meine Augen durch den Raum. Hatte er sich vielleicht doch versteckt, müde von seinen nächtlichen Flügen?

Aber dann fielen mir die Augen zu. Ich löschte meine Nachtischlampe und wachte erst gegen acht Uhr morgens auf.

Zwei Fragen stellten sich mir im Nachhinein. Was für ein Vogel war es? Der Größe und Farbe nach vielleicht eine Amsel? Und die zweite Frage ist ein Rätsel. Wie schafft es ein Vogel durch ein Fenster, das nur abgeklappt ist, in einen Raum einzudringen, dazu noch in der dunklen Nacht. Er muss sich oben durch den größeren Spalt gedrängt haben.

Beide Fragen kann ich nicht beantworten, aber ich bin froh, dass mein ungebetener Gast keine Spuren hinterlassen hat. Meine Bettdecke und der Boden des Zimmers waren frei von Vogelkot. Meine Nähe zu diesem Produkt ist allen bekannt, die meine Geschichten lesen.

28.8.17 16:19, kommentieren