Letztes Feedback

Meta





 

Verloren

 

Verloren

Sie kam die Treppe zum Bahnsteig in Richtung Wittenau herunter. Im rechten Arm hielt sie eine kleine Palme, die nicht in einem Topf stand, sondern durch das feste Wurzelwerk gehalten wurde. Mit dem linken Arm presste sie eine große Handtasche fest an ihre Seite.

Es sah aus, als schwebe sie. Sie setzte vorsichtig einen Schritt nach unten und hob erst dann den nächsten Fuß, wenn sie den anderen sicher auf der nächsten Stufe stehen hatte.

Sie war klein, aber nicht alt. Sie trug einen halblangen Rock, der wahrscheinlich schon lange getragen worden war. Ihre Jacke war früher einmal ein teures Pelzchen. Ihre Strümpfe waren lila und ihre Füße steckten in grauschwarzen Turnschuhen. Die Haare waren frisch gewaschen und lockten sich graublond in ihrem Nacken. Sie trug eine Sonnenbrille mit Riesengläsern.

Langsam lief sie über den Bahnsteig, gefolgt von den Augen der Mitreisenden. Sie blieb vor jeder Bank stehen. Endlich fand sie eine, die ihr zusagte. Sie stellte die Pflanze auf den Sitz. Selbst setzte sie sich nicht, sondern sie holte eine große Flasche Wasser aus der Tasche. Sie schraubte den Deckel ab und goss die Pflanze. Dabei murmelte sie etwas, das nicht zu verstehen war. Es klang fast wie ein Zauberspruch. Dann hob sie die Flasche und kontrollierte die verbliebene Füllung. Ohne zu zögern goss sie dann den Rest Wasser über ihren Kopf.

Die Flüssigkeit lief bis zu den Brillengläsern, auf denen sie kleine Wasserbahnen hinterließ. Ihr Haar hing nass und strähnig auf ihren Schultern.

Sie drehte und wendete die leere Flasche hin und her. Dann ging sie zum nächsten Mülleimer und warf sie hinein. Sie holte einen großen Lappen aus ihrer Tasche und begann die Bank trocken zu reiben. Sie kniete sich hin und wischte den Boden.

Inzwischen hatte sich ein Kreis von Neugierigen gebildet. War das modernes Theater? In Berlin war man ja manches gewöhnt. Oder war das nur eine lästige Alte, die Probleme hatte.

Die Frau stand auf und ging auf einen älteren Mann zu, der verschreckt zurückwich.

„Ich habe dir immer gesagt, dass ich verloren bin.“ Sie wandte sich ab, nahm ihre Pflanze und die Tasche und schlich leise die Treppe wieder hinauf.

8.1.18 10:51, kommentieren

Werbung


London

London

Sie froren erbärmlich, die Schwimmer und Schwimmerinnen des englischen Vereins „Serpentine swim“ in Londons Hyde Park, als sie aus dem kalten Wasser stiegen.

Etwa dreißig bis vierzig mutige Männer und Frauen, unter anderem meine Schwiegertochter, sprangen am 1.Feiertag in den ein Grad kalten See. Sie schwammen 100 Meter. Der älteste Schwimmer war 94 Jahre alt. Voller Bewunderung standen wir Zuschauer am Rand und froren schon beim Zusehen, vor allem, als die schnatternden Schwimmer nach dem eiskalten Bad an uns vorbei liefen.

Nachdem die Sieger geehrt wurden und die mit roten Zipfelmützen versehenen Vereinsmitglieder „Hipp, hipp, hipp, Hurra“ brüllten, durften alle Beteiligten in die Wärme streben – ein heißer Kaffee für ein Königreich!

Aber das war nicht das einzige Highlight, das wir während unseres Aufenthalts in London erlebt haben. In der Tate hat uns Modigliani bezaubert. Ich habe selten so schöne Bilder von nackten Frauen gesehen. Und wir durften auf den geistigen Spuren Oxfords wandern. Wir wissen jetzt, wie die Gebäude aussehen, in denen unsere Enkelin wohnt und studiert. Die Universitätsgebäude sind alt und machen auf den ordentlichen Deutschen einen dringend renovierungsbedürftigen Eindruck.

Anschließend waren wir in ein altenglisches Schloss zu einem vorweihnachtlichen Umtrunk eingeladen. Es hieß Broughton Castle und lag in der Grafschaft Oxfordshire. Nachbarn, nähere und weitere Bekannte trafen sich dort zum Singen von Weihnachtsliedern. Ein Countertenor sang voraus, ein Harmonium und eine Violine begleiteten die in fröhlicher Naivität schmetternden Gäste.

Wir standen in einem großen kalten Saal mit Ölgemälden und Rüstungen an den Wänden. Schlösser haben etwas merkwürdig Statisches. Es bleibt immer so, wie es war. Sogar die Kälte und die Luft scheinen uralt und abgestanden.

Es gab Fingerfood und Glühwein.

Aber das war nicht alles, was wir erlebt haben. Es wird immer gesagt, dass man eine Stadt kennenlernt, indem man sie erläuft. Dass dieser Satz zumindest teilweise stimmt, haben wir während unseres Aufenthalts in London erfahren. Wir sind an der Themse entlang gelaufen, wir haben Westminster Abbey gesehen, wir standen bewundernd vor dem englischen Parlament. Wir haben Churchill getroffen und sind an Lincoln vorbei gelaufen. Ich habe die Feministin Emily Pankhurst fotografiert.

Wenn man dem roten Herzchen auf meinem Handy glauben darf, dann bin ich innerhalb einer Woche 46, 9 Kilometer und fast siebzigtausend Schritte gelaufen. Mein Mann hat einen Tag ausgesetzt, ist aber auch sehr effektiv gewesen.

Am letzten Abend saßen wir in der Westminster Abbey und hörten den Evensong, eine Andacht mit Chorgesang, Zitaten aus der Bibel, Gebeten und Orgelmusik. Zu meiner Verwunderung wurde sogar für die Royal Family gebetet. Während dieser Vorstellung ließ ich meine Augen durch die prächtige Kirche wandern. Die hohen gotischen Bögen, die Goldverzierungen, nicht zu viel, aber kunstvoll, waren beeindruckend.

Dann sind wir mit der Familie in ein hochvornehmes Lokal gegangen. Wir wollten unseren Aufenthalt mit einem leckeren Essen beschließen. Das Essen war gut, wenn auch die Kleinheit der Portionen durch spektakuläres Design verdeckt wurde. Und man musste eine Stunde warten, ehe die Hauptspeise serviert wurde. Es sollte wohl in der Zeit eine zweite Flasche Wein getrunken werden.

Aber das haben wir mit Fassung getragen. Es war sehr interessant in London. Geregnet hat es erst am letzten Abend.

30.12.17 17:03, kommentieren