Letztes Feedback

Meta





 

Irmtraut und Isolde

Irmtraut und Isolde

Die zwei kleinen alten Frauen gingen leise durch die Regale, ganz unauffällig. Wie verloren gingen sie nebeneinander her, einen Einkaufskorb zwischen sich. Die eine kleine Frau hielt den Korb mit der rechten, die andere mit der linken Hand. In dem Korb standen zwei gelbe Topfpflanzen, eine rechts, die andere links. Mehr hatten sie noch nicht eingekauft.

Sie waren sehr klein. Wahrscheinlich waren sie vor Zeiten größer, aber sicher nicht viel. Wie geschrumpft sahen sie aus. Ihre Gesichter waren faltig und ihre Augen blau, etwas wässrig, wie so häufig im Alter. Sie trugen beide eine rosa Wollmütze. Ihre Mäntel waren vom gleichen grüngrauen Stoff.

Ihre Frisur unter der Mütze schien kurz und die Haarfarbe war grau. Das sah man an den kleinen Löckchen, die sich auf der Stirn unter dem Mützenrand hervorwagten.

Die kleinen Frauen bewegten sich zwischen den vollen Regalen wie zwei zierliche Außerirdische, die eigentlich hier nicht hingehörten. Die Rastlosigkeit der vielen Menschen, die an ihnen vorbeihasteten, störte sie nicht. Sie gingen leise ihren Weg und hielten sich an dem Einkaufskorb fest. Wenn der nicht gewesen wäre, dann hätten sie sich wohl an den Händen gehalten.

Hie und da blieben sie vor einem Produkt stehen, sahen sich an und meist gingen sie einfach weiter, ganz klein und leise gingen sie weiter. Manchmal nahm eine von ihnen ein Produkt aus dem Regal. Fragend sah sie dann ihre Partnerin an. Sie sprachen nicht, aber sie verstanden sich offenbar auch ohne Worte. Das Schicksal des Produkts wurde durch Nicken oder Kopfschütteln entschieden.

Wie alt waren sie? Neunzig oder mehr? Waren sie Zwillinge? Wie lebten sie wohl? Im betreuten Wohnen oder zusammen in einer kleinen Wohnung, Bettwäsche und Kommodendeckchen gleich? Das sind alles Spekulationen, aber zwischen ihnen herrschte eine wortlose Einigkeit, die sie wie ein unsichtbares Band durch den belebten Supermarkt leitete.

Vielleicht hießen sie Irmtraut und Isolde.

16.12.17 15:39, kommentieren

Werbung


Nachtrag

Nachtrag

Endlich ist der kleine Knopf zu Hause angekommen. Er ist fest verankert auf der Knopfleiste des rotkarierten Schlafanzugs. Er liegt nicht mehr auf dem Nachttisch, er rutscht nicht mehr auf dem Schränkchen hin und her. Er hat das türkische Schälchen verlassen. Er sieht zufrieden aus, denn er sorgt wieder dafür, dass der blanke Bauch des Hausherrn abgedeckt ist. Hoffentlich ist er so fest angenäht worden, dass er nicht wieder das Weite suchen kann.

10.12.17 10:20, kommentieren