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Integration

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Er stieg in den Zug nach Hamburg. Wieder keine Klarheit. Seit sieben Jahren musste er regelmäßig zur Anhörung nach Schwerin. Er musste sich einen Tag frei nehmen, nur um zu erfahren, dass noch keine Entscheidung getroffen werden konnte. Er wusste wieder nicht, ob er in Deutschland bleiben durfte. Aber immerhin schickten sie ihn nicht gleich wieder zurück.

Er fand einen Fensterplatz in einem Abteil. Gegenüber saß eine alte Frau, die ihn misstrauisch ansah. Diesen Blick kannte er. Was will der hier? Ist mein Geld auch gut verstaut? Sie brauchte nicht lange. Hastig ergriff sie ihre Handtasche und verließ das Abteil. Leider. Er konnte doch nichts für seine dunkle Haut und seine krausen Haare. Wie gut, dass er in Hamburg nette Leute kennen gelernt hatte. Besonders eine Frau war freundlich und hilfsbereit. Sie brachte ihm Deutsch bei und er pflegte dafür ihren Garten.

Er sah aus dem Fenster. Wie schön und friedlich war diese Landschaft. Ganz anders als die Landschaft in seiner Heimat Afghanistan. Da gab es viele Berge und zerstörte Städte. Er wusste, dass es auch wunderschöne Gegenden in seinem Heimatland gab, aber er hatte sie nie gesehen. Er war zu jung, als er das Land verließ. Mühsam hatte er sich durchgeschlagen, teilweise zu Fuß, durch den Iran und Pakistan. Er wusste oft nicht, wo er war und musste sich auf Leute verlassen, die ihn auf Pferdewagen mitnahmen oder in Heuschobern schlafen ließen.

Jedes Mal wollten die Leute bei der Anhörung wissen, warum er aus Afghanistan geflohen sei. Und jedes Mal hatte er ihnen erzählt, dass seine Familie bedroht worden und inzwischen in den Iran geflohen sei. Er selbst hatte in seinem Heimatland keine Chance, etwas zu lernen oder eine Arbeit zu finden. Er war nie in die Schule gegangen.

Aber hier hatte er seinen Hauptschulabschluss geschafft. Dann begann er seine Ausbildung als Friedhofsgärtner. In eineinhalb Jahren wäre er fertig, wenn er hier bleiben dürfte. Ganz stolz erzählte er seiner Deutschlehrerin, dass er seinen Führerschein geschafft hatte.

Für alles das hatten sich die Anhörungsleute nicht interessiert. Er sah die Gesichter vor sich, bei jeder Anhörung waren es andere. Ihre Augen sahen ihn an, als wäre er eine Ware, die gekauft oder nicht gekauft werden sollte. Heute war die Vorsitzende eine dürre Frau mit schmalen Lippen, die immer wieder fragte: „Warum mussten Sie aus Afghanistan fliehen.“

Als er berichtete, dass er sich in Mecklenburg-Vorpommern hätte taufen lassen, sagte einer der Beisitzer: „Geschickt, geschickt.“ So recht hatte er nicht verstanden, was der Mann damit meinte. Aber etwas Gutes war es sicher nicht.

Es konnte doch nicht sein, dass sie ihn nach sieben Jahren zurückschickten. Er hatte doch alles getan, was sie verlangten. Er hatte gelernt, konnte die Sprache und verdiente sein eigenes Geld. In seiner Heimat wäre er, wie viele andere, ein arbeitsloser Jugendlicher.

Als er wieder in Hamburg ankam, überkam ihn ein seltsames Gefühl. Er sah die Straßen, die Häuser, die Straßenbahnen und die Menschen, die an ihm vorüber liefen. Das war ihm alles so vertraut. Hier fühlte er sich zu Hause, hier kannte er Menschen, die ihm halfen und die ihn mochten, auch wenn seine Haut dunkel war.

Sie konnten ihn doch nicht zurückschicken.

Er holte sein Fahrrad und fuhr beschwingt nach Ohlsdorf. Dort hatte er gestern Gräber bepflanzt. Er wollte mal nachsehen, ob die Eisbegonien angewachsen waren.

8.7.17 17:28, kommentieren

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Liebe auf heißen Steinen

Liebe auf heißen Steinen

Sie lagen mitten auf dem Bürgersteig, eng aneinander geschmiegt. Etwas unbequem, dachte ich, als ich mit meinem Trolli um die Ecke bog. Außerdem war es heiß. Die Sonne schien vom Himmel und erhitzte jeden Stein, ob nun am Boden oder an den Häuserwänden.

Erst bemerkten sie mich nicht, aber als ich vor ihnen stand, in der Hoffnung, an ihnen vorbei zu kommen, hob der junge Mann seinen Kopf. Seine krausen langen Haare wurden durch ein buntes Bändchen zusammengehalten. Er setzte sich auf und starrte mich an, als käme er aus einer fremden Welt. Wahrscheinlich aus der Welt der Liebe. Sein nackter muskulöser Oberkörper war fast lückenlos mit bunten Tattoos bedeckt. Seine Jeans hatte er noch an. Er zog seine rechte Hand zwischen den Beinen seiner Partnerin hervor und lachte laut. Seine Liebste drehte sich jetzt auch zu mir und stimmte in sein Gelächter ein.

Lachten sie über mich? Ich glaube nicht. Sie lachten so glücklich. Dann standen sie auf und wandten sich zum Gehen. Besser gesagt, sie sprangen zum Gehen.

„Gibt es keine bequemeren Orte für die Liebe?“

Die junge Frau reckte sich auf und machte eine unbestimmte gebogene Bewegung mit ihren Händen. Ihr smartes Dekolleté mit dem Schlitzchen zwischen den kleinen Brüsten bebte ein bisschen. Sie strahlte mich an.

„Das ist doch egal“, sie lief hinter ihrem Gespielen her.

Wo sie recht hat, hat sie recht. Liebe kann man überall machen. Aber ich bin sicher, dass die Beiden ordentlich gekifft hatten. Sonst wäre ihnen der Bürgersteig doch zu hart gewesen.

 

1 Kommentar 14.6.17 16:35, kommentieren