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Multitasking im Taxi

Multitasking im Taxi

Sie war schrecklich müde. Es war früh morgens und der Flug war lang und unbequem. Jetzt schnell nach Haus.

„Sollen wir ein Taxi nehmen? Aber von Schönefeld bis Mitte kostete es sicher 50 Euro.“ Wie immer bedachte ihr sparsamer Gatte die Kosten.

„Das macht nichts. Wir sind doch zu dritt.“

Ihr Freund öffnete die Tür eines Taxis.

„Sind Sie frei?“

Der Fahrer schien beschäftigt. Er murmelte etwas Undeutliches.

Sie nahmen das als Zustimmung und rollten ihre schweren Koffer zum Kofferraum, in der Erwartung, dass der Fahrer ihnen helfen würde, das Gepäck zu verstauen. Der aber blieb in seinem Taxi sitzen, ungerührt und ohne Gefühl für Fahrgäste.

Sollten sie ein anderes Taxi nehmen? Aber wie sich zeigte, standen nur wenige zur Verfügung. Also hoben sie ihre Koffer in das Auto und stiegen ein.

Sie saß vorn, die Männer hinten.

„Wohin?“

Er wurde informiert und sie lehnte sich zurück. Jetzt würde sie schlafen. Die Männer hinter ihr atmeten schon gleichmäßig und laut.

Aber die Ruhe war ihr nicht vergönnt. Sie wachte durch einen heftigen Ruck wieder auf. Was war denn jetzt schon wieder los? Aber es war nichts passiert. Der Fahrer hatte lediglich die Parklücke verlassen und sauste jetzt durch die Straßen.

Jetzt war sie hellwach. Irgendetwas stimmte mit diesem Taxi nicht oder es lag an dem Fahrer. In einem Taxi herrschte sonst eine durch Fahrt und Verkehr konzentrierte Stimmung. Es wurde gesprochen, ein bisschen Konversation gemacht oder mögliche Streckenalternativen erwogen. Aber in diesem Wagen fand nichts dergleichen statt.

Der Fahrer bot ein besonderes Bild. Den kugelrunden Kopf hatte er gesenkt. Mit der linken Hand lenkte er, mit der rechten werkelte er zwischen seinen breit aufgestellten Beinen. Was tat er da? Sie wollte sich das nicht vorstellen.

Ihre ängstlichen Gedanken wurden durch ein Fahrmanöver unterbrochen, das sogar die Männer auf dem Rücksitz weckte. Mit quietschenden Reifen wechselte der Fahrer die Spur, touchierte dabei fast einen Golf und schwenkte nach links in eine Nebenstraße. Kurzfristig musste er beide Hände benutzen.

Bei dieser Aktion polterte etwas auf den Boden, direkt zwischen seine Beine. Sie beugte sich vor und sah ein Handy neben dem Bremspedal liegen.

„Wo kommt das Handy her? Spielen Sie etwa, während Sie fahren?“

„Spielen, wieso spielen. Ich nicht spielen.“

Empört reckte er sich auf und schob seine Beine zusammen. Dann trat er hart auf die Bremse und hielt. Seine Fahrgäste wurden nach vorn geschleudert. Dass er in der zweiten Reihe stand, machte ihm nichts aus. Er bückte sich und fischte nach seinem Handy, das immer wieder wegrutschte. Als er es endlich in der Hand hatte, öffnete er das Handschuhfach und schob es hinein.

„Sie wissen, dass Sie Ihr Handy, während Sie fahren, nicht benutzen dürfen. Wenn ich Sie anzeige, verlieren Sie Ihre Konzession.“ Sie war wütend. Der Mann gefährdete seine Fahrgäste.

„Na, so schlimm ist es auch nicht.“ Ihr Mann, jetzt richtig wach, wollte nach Hause.

Sie schnaubte.

„Das sagst nur du“, aber sie gab sich zufrieden. Sie war froh, dass sie heil davon gekommen war. Sie wollte auch nach Hause.

„Trinkgeld bekommt er keins.“

Es war bewundernswert. Ein Taxifahrer beschäftigt sich mit seinem Handy. Er spielt Spiele, während er seine Gäste durch das belebte Berlin fährt. Das ist Multitasking.

1.6.17 18:30, kommentieren

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Das Selfi mit einer Nymphe

Das Selfi mit einer Nymphe

Sie nimmt Anlauf und springt. Sie wirft mit Schwung einen Speer in den Park. Den Speer sieht man nicht, aber sie hat ihn geworfen. Das zeigt ihr angespannter Körper. Den linken Arm reckt sie nach vorn, den rechten seitlich. Ihr linkes Bein fliegt im Sprung in die Höhe. Das rechte steht auf einem Sockel. Neben ihr befinden sich zwei aufgeregte Hunde, ebenfalls sprungbereit.

Sie ist nackt und gut gebaut. Nur Sandalen hat sie an. Die schwarze Bronze glänzt auf ihrem wohlgerundeten Hinterteil. Ihre Haare sind kurz und kraus gelockt. Diese Frisur sieht man heute noch.

Wen sollte der Speer treffen? Wen wollte sie grüßen? Vielleicht die Leute, die sich im Park befinden? Der Rosengarten im Humboldthain ist beliebt bei Leuten, die ein bisschen Ruhe suchen. Sie freuen sich im Frühling an den duftenden Glyzinien und den bunten Rhododendren, im Sommer an den unzähligen Rosen. Sie blühen in allen Farben. Familien flanieren über die Wege, setzen sich auf die Bänke. Eine Mutter stillt ihr Baby. Junge Paare sitzen im Schatten der alten Bäume. Da picknicken Familien zwischen den Beeten, Kinder rasen auf ihren Laufrädern über die Wege. Ein Schwarzer nimmt ein Sonnenbad. Sein Oberkörper ist nackt und er will Sonne und Wärme. Er hat seine gesamten Habseligkeiten neben sich auf der Bank liegen. Rollstuhlfahrer nutzen die Gelegenheit und fahren im Kreis. Der imaginäre Speer der schönen Nymphe streift alle diese Menschen und macht sie glücklich.

Einen kleinen Türken mit grauen stoppeligen Haaren hat die schwarze Schöne ins Herz getroffen. Er steht bewundernd vor ihr und fotografiert. Dann läuft er mit flinken Schritten zu einer Bank, auf der vermutlich seine Frau und noch ein älteres Ehepaar sitzen. Stolz zeigt er sein Bild und er erntet wohlgefälliges Murmeln. Dann läuft er zurück und stellt sich mit dem Rücken zu der schwarzen Schönen. Er knipst ein Selfi und ist glücklich. Er läuft wieder zu der Bank und zeigt auf sein Smartphone. Dabei redet er laut. Was er sagt, ist nicht zu verstehen, aber es klingt hingerissen. Endlich darf er sich ungeniert an einer nackten Frau erfreuen.

25.5.17 11:08, kommentieren