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Geräusche

Geräusche

Wenn ich über die Straße gehe, dann höre ich Autos fahren. Das gleichmäßige Geräusch der Räder auf dem Straßenbelag bin ich gewöhnt und es beunruhigt mich nicht. Wenn ich in eine Schule komme, dann weiß ich, dass hier Kinder lärmen. Es würde mich wundern, wenn an diesem Ort lautlose Stille herrschte. Wenn ich im Wald spazieren gehe, dann bin ich nicht überrascht, wenn Vögel zwitschern. Ich bin an einem Ort und erwarte bestimmte Töne und Geräusche. Sie gehören zu diesem Platz und ich bin an sie gewöhnt.

Was aber passiert, wenn sich Geräusche einmischen, die da nicht hingehören. Was ist, wenn mich auf der Straße ein plötzliches Krachen aufschrecken lässt? War das ein Unfall? Ich sehe mich um, entsetzt und gestört. Was ist, wenn die zwitschernde Waldesluft durch einen Knall unterbrochen wird? Der Knall gehört da nicht hin. Ich bleibe stehen, drehe und wende mich, und versuche die Ursache für dieses Geräusch zu finden.

Neulich Abend besuchte ich eine Lesung in einer kleinen Buchhandlung. Es ging um ein neu erschienenes Buch, wie meist bei solchen Lesungen. Der Raum war voll besetzt. Die Leute nippten an ihren Weingläsern und hörten den Autoren zu, die ihr Werk mit Witz vorstellten. Es war still, sehr still. Wenn einer der Besucher sein Glas hätte fallen lassen, dann wäre ein Aufstöhnen durch die Stuhlreihen gegangen.

Aber keine fallenden Gläser störten die andächtigen Hörer, sondern ein Handy. Es klingelte penetrant mit einem lauten Glöckchen. Das Publikum erstarrte, die Autoren unterbrachen ihre Vorstellung. Wer hatte sein Handy nicht ausgeschaltet? Die Sünderin war schnell gefunden. Eine ältere Frau, die in der Reihe vor mir saß, wühlte in ihrer Tasche. Sie war mir schon vorher aufgefallen. Sie hatte, bevor sie sich auf den Stuhl vor mir setzte, ungeniert ihre Unterhose in die richtige Position geschoben. Fast wäre ihre goldfarbene Überhose auf den Oberschenkeln gelandet.

Sie wühlte in ihrer Tasche und fand das Handy nicht. Es klingelte und klingelte. Als die Frau endlich das Gerät in der Hand hatte, konnte sie es nicht abschalten. Sie suchte nach dem richtigen Knopf und erreichte nur, dass sich eine laute Stimme meldete.

„Kann man das nicht endlich ausstellen?“ Eine zornige Stimme zeterte aus dem Hintergrund. Und endlich klingelte das Handy nicht mehr. Ein Aufatmen ging durch den Raum und die Autoren konnten ihre Lesung fortsetzen.

Ich brauchte einige Zeit, um mich wieder auf die Thematik des Buches einzustellen. Warum war das Publikum so erstarrt, warum reagierte es so heftig auf das Klingeln eines Handys? Wie der Knall im Wald und der Krach auf der Straße ist das Handyklingeln ein störendes Geräusch. Es gehört nicht in eine literarische Lesung.

Vielleicht sollte man, wie in vielen öffentlichen Veranstaltungen, darauf hinweisen, dass die Handys ausgeschaltet werden müssen. Dann allerdings sollte der Besitzer oder die Besitzerin das Gerät so gut kennen, dass er oder sie es auch ausschalten kann. Ansonsten ist es am besten, wenn es zu Hause bleibt. Aber dann ist man nicht erreichbar und das geht gar nicht.

 

 

 

 

17.5.17 11:19, kommentieren

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Europa und der Taubenschiss

Europa und der Taubenschiss

Wie fast jeden Sonntag fand gestern um 14 Uhr auf dem Gendarmenmarkt eine Demonstration für Europa statt. Als ich mich dem Platz näherte, war er schon gut gefüllt und es kamen immer mehr Leute dazu. Die Medien sprachen von 6000 Teilnehmern. Die Demonstranten wollten Europa und zeigten das durch ihre Anwesenheit, durch kleine Vorträge und Musik.

Frankreich und seine Wahl war Themenschwerpunkt. Besonders bemerkenswert war das gemeinsame Rufen von Liberté, Égalité und Fraternité. Dabei wurden blaue, weiße und rote Blätter in die Höhe gehoben, die Farben der französischen Flagge. Tausende von Menschen waren sich einig. Sie wollten Europa.

Zum Schluss sangen wir die Europahymne. Ich bin eigentlich ein rationaler Mensch, aber jetzt bekam ich doch Gänsehaut. Angesichts der chaotischen Weltlage war ich glücklich, so viel Einigkeit zu erleben.

Schließlich fassten sich die Menschen bei den Händen und zogen gemeinsam über den Markt. Sie bildeten Kreise und nahmen Mitstreiter bei der Hand, um mit ihnen zusammen weiter zu gehen.

Als sich die Versammlung auflöste und die Leute ihrer Wege gingen, machte ich mich auf den Heimweg. Die Sonne schien und trotz des kühlen Windes duftete es nach Frühling.

Ich lief heiter durch die Friedrichstraße und schwenkte das blaue Fähnchen mit den 27 goldenen Sternen. Sollte ich mit der Tram fahren oder die halbe Stunde laufen? Die 12 entschied das für mich. Als ich am Bahnhof Friedrichstraße ankam, fuhr sie mir vor der Nase weg.

Also machte ich mich auf den Weg. Ich marschierte unter der Bahnbücke durch und wollte an dem Eingang des Admiralspalastes vorbeigehen. Da musste ich meinen strammen Schritt bremsen. Eine Schar von Eltern mit Kindern kam aus dem Eingang. Offenbar hatte eine Kindervorstellung stattgefunden. Geduldig wartete ich, bis ich eine Lücke fand, durch die ich weiterlaufen konnte. Ich hätte noch länger warten sollen. Denn mit dem Schritt in die Lücke spürte ich einen dunklen Flügelschlag über meinem Kopf und es landete etwas auf meinen Haaren. Ich fasste nach oben und griff in einen weichen Brei. Hatte sich da etwa eine Taube erleichtert? Das schien so zu sein, denn ich hatte eine schmierige grüngelbe Hinterlassenschaft auf meinen Fingern. Im ersten Moment stand ich entgeistert auf der Friedrichstraße. Konnte das sein? Träumte ich? Warum musste mir das passieren?

Es hätte genauso ein Familienmitglied aus der Kindervorstellung treffen können, aber es hatte mich getroffen. Wenn ich nur nicht so geduldig gewartet hätte.

Es half nichts. Die Taube hatte zufällig mich ausgewählt und ich musste damit umgehen. Zum Glück hatte ich Tempotaschentücher dabei. Ich versuchte, mit wenig Erfolg, die Schmiere von meinem Kopf zu entfernen. Schließlich lief ich mit einem Knäuel grüngelber Taschentücher in der Hand über die Spreebrücke. Wo war ein Mülleimer? Berlin ist voller oranger Mülleimer, aber jetzt fand ich natürlich keinen. Kurz vor dem Friedrichstadtpalast leuchtete mir einer entgegen und ich entledigte mich der klebrigen Last.

Meine gute Europastimmung hatte sich verflüchtigt. Jetzt war das dringliche Ziel mein Zuhause. Ich wollte die Spuren der Taubenattacke tilgen. Aber wirklich entspannt war ich erst, als ich meinen Kopf gewaschen und meinem Mann alles erzählt hatte.

Wer kann sich schon damit brüsten, mit einem satten Taubenschiss auf dem Kopf durch die Stadt gelaufen zu sein?

 

 

1.5.17 17:01, kommentieren