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Das Selfi mit einer Nymphe

Das Selfi mit einer Nymphe

Sie nimmt Anlauf und springt. Sie wirft mit Schwung einen Speer in den Park. Den Speer sieht man nicht, aber sie hat ihn geworfen. Das zeigt ihr angespannter Körper. Den linken Arm reckt sie nach vorn, den rechten seitlich. Ihr linkes Bein fliegt im Sprung in die Höhe. Das rechte steht auf einem Sockel. Neben ihr befinden sich zwei aufgeregte Hunde, ebenfalls sprungbereit.

Sie ist nackt und gut gebaut. Nur Sandalen hat sie an. Die schwarze Bronze glänzt auf ihrem wohlgerundeten Hinterteil. Ihre Haare sind kurz und kraus gelockt. Diese Frisur sieht man heute noch.

Wen sollte der Speer treffen? Wen wollte sie grüßen? Vielleicht die Leute, die sich im Park befinden? Der Rosengarten im Humboldthain ist beliebt bei Leuten, die ein bisschen Ruhe suchen. Sie freuen sich im Frühling an den duftenden Glyzinien und den bunten Rhododendren, im Sommer an den unzähligen Rosen. Sie blühen in allen Farben. Familien flanieren über die Wege, setzen sich auf die Bänke. Eine Mutter stillt ihr Baby. Junge Paare sitzen im Schatten der alten Bäume. Da picknicken Familien zwischen den Beeten, Kinder rasen auf ihren Laufrädern über die Wege. Ein Schwarzer nimmt ein Sonnenbad. Sein Oberkörper ist nackt und er will Sonne und Wärme. Er hat seine gesamten Habseligkeiten neben sich auf der Bank liegen. Rollstuhlfahrer nutzen die Gelegenheit und fahren im Kreis. Der imaginäre Speer der schönen Nymphe streift alle diese Menschen und macht sie glücklich.

Einen kleinen Türken mit grauen stoppeligen Haaren hat die schwarze Schöne ins Herz getroffen. Er steht bewundernd vor ihr und fotografiert. Dann läuft er mit flinken Schritten zu einer Bank, auf der vermutlich seine Frau und noch ein älteres Ehepaar sitzen. Stolz zeigt er sein Bild und er erntet wohlgefälliges Murmeln. Dann läuft er zurück und stellt sich mit dem Rücken zu der schwarzen Schönen. Er knipst ein Selfi und ist glücklich. Er läuft wieder zu der Bank und zeigt auf sein Smartphone. Dabei redet er laut. Was er sagt, ist nicht zu verstehen, aber es klingt hingerissen. Endlich darf er sich ungeniert an einer nackten Frau erfreuen.

25.5.17 11:08

Letzte Einträge: Liebe auf heißen Steinen, Ein Sonntagmorgen auf dem Balkon, Die Sache mit den Schlüsseln, Toiletten, Der nächtliche Vogelflug, Wartezimmer

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Marianne (9.8.17 15:50)
Liebe Barbara,
ich bin gerade mal wieder auf den Link zu deinen Geschichten gestoßen. Ich habe 2 davon gelesen: die Taxifahrt mit dem ind.? Fahrer und Selfie mit einer Nymphe. Gerade die Zuwanderer, die sich noch zurecht finden müssen oder unsere Kultur erkunden,bieten amüsanten Stoff für Geschichten. Mir gefallen diese Beobachtungen und wie du sie darstellst.
LG Marianne

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