Liebliches Land

Liebliches Land

Ein Flecken auf der Landkarte

 

Thüringen ist ein liebliches Land mit berühmten und schönen Orten. Die Menschen kennen Weimar, Jena, Erfurt und Gotha. Aber nur wenige kennen den Ort, um den es hier geht. Dabei hat er immerhin ca. 1500 Einwohner, eine kleine alte Kirche, einen gelben Turm und ein Bürgerhaus.

Wir haben den Flecken kennen gelernt. Ein fünftägiger Aufenthalt in der einzigen Pension des Ortes hat uns Gelegenheit gegeben, Eindrücke zu sammeln, die nichts Spektakuläres hatten, die aber die Atmosphäre kennzeichneten.

Wir folgten südlich von Erfurt der Autobahn 4 in Richtung Frankfurt am Main. Mit der Abzweigung Neudietendorf verließen wir sie und stießen links in eine Landstraße, die zu dem gesuchten Ort führen sollte.

Unser blauer Leihwagen rollte durch den Ortseingang. Es herrschte Ruhe, nur die Hunde bellten laut und ausdauernd. Es fehlte ihnen wohl die Erfahrung mit fremden Autos. Kein Mensch ließ sich blicken, es fuhr kein Auto auf der Straße. Vereinzelt parkten Wagen auf den Bürgersteigen.

Unser Ziel war die Pension, die uns von der Erfurter Tourismus Gesellschaft zugewiesen wurde. Wir fuhren an kleinen eng beieinander liegenden Häusern vorbei. Sie waren sich sehr ähnlich in ihrer niedrigen zweistöckigen Struktur. Kein Vorgarten mit Blumen und Büschen zierte ihre Vorderfront. Mit frisch aufgetragenen zart grünen und gelben Farben sahen sie aus wie eine Kulisse, die für eine Theateraufführung errichtet wurde. Nur wenige waren nicht renoviert.

Die Pension lag in der Hauptstraße. Wir erreichten sie ohne Schwierigkeiten und suchten nun nach jemandem, der uns die Zimmer zuweisen würde. Ein Schild klärte uns darüber auf, dass diese Person im schräg gegenüberliegenden Haus zu finden sei.

Man müsse nur klingeln.

Nach Befolgen dieser Anweisung, wieder bellte ein Hund fürchterlich, eilte eine geschäftige junge Frau herbei. Ihre etwas zerzauste Frisur ließ vermuten, dass wir sie aus einer wichtigen Tätigkeit herausgerissen hatten. Sie erzählte uns von einem dreizehn Monate alten Baby.

Sie wies uns in die Zimmer ein und berichtete von zwei weiteren Mietern, zwei russischen Arbeitern, die ganz ruhig seien und morgens früh zur Arbeit führen. Weitere Gäste wären nicht zu erwarten.

Auf unsere Frage, ob man im Ort einen Kaffee trinken und etwas essen könnte, empfahl sie uns das Bürgerhaus des  Ortes.

Frohgemut machten wir uns auf den Weg. Das empfohlene Bürgerhaus hatte nur verschlossene Türen. Als wir vor der dritten standen, öffnete uns unvermittelt eine freundliche Frau. Sie wies uns erstaunt darauf hin, dass eben an diesem Tag Ruhetag sei. Sie wedelte bedauernd mit gelben Gummihandschuhen. Offenbar hatten wir sie beim Putzen unterbrochen. Und im Nachbarort, in Neudietendorf, gäbe es nur die Linde und die hätte auch Ruhetag.

Unsere Mägen verkrampften sich. Sollten wir heute etwa ohne Abendessen in unsere Pensionsbetten sinken? Die Frau erkannte unsere Zwangslage. Sie könne uns etwas zu essen machen. Ob es uns um 18.00 Uhr recht sei?

Etwas frustriert, wir sehnten uns nach einem Kaffee, wanderten wir weiter durch die menschenleeren Straßen. Wir bewunderten die alte Kirche und das Rathaus des Ortes, ein schönes Fachwerkhaus. Wir gingen an dem kleinen Fluss entlang und genossen den Blick über die üppigen Wiesen.

Dann suchten wir einen Laden. Wir wollten eine Flasche Wein für den Abend in unserem Pensionszimmer erstehen. Aber hier schien man kein abendliches Leben zu pflegen, in Kneipen, in denen man noch einen Schoppen trinken könnte.

Wen konnte man nach einem Laden fragen? Es liefen kaum Leute durch die Straßen.

Ein junger Mann, schlank und hoch aufgeschossen, sollte unser Opfer werden. Er kam auf uns zu, zwei prall gefüllte weiße Plastiktüten in den Händen.

„Wo haben Sie eingekauft?“

Unsere unverfrorene Frage brachte ihn so aus der Fassung, dass er wie angewurzelt stehen blieb und stammelte:

„Die Tüten sind eigentlich von meinen Eltern...“

Nachdem er sich wieder gefasst hatte, bestätigte er unsere Vermutung. Es gab keinen Laden, in dem man die Dinge des täglichen Lebens kaufen konnte.

Allerdings entdeckten wir zwei Blumenläden. Was fängt so ein kleiner Ort mit zwei Blumenläden an? Zu unserem Glück gab es in einem von ihnen fünf Flaschen Rotwein. Die Besitzerin hatte wohl die Erfahrung gemacht, dass hie und da Bedarf an diesem Stoff bestand.

Wir fielen auf. Dass zwei ältere grauhaarige Frauen durch den Ort wandelten, war nicht alltäglich. Fünf Jugendliche umstrichen uns mit ihren Fahrrädern. Und wenn wir Einwohnern begegneten, wurden wir mit prüfend neugierigem Blick begrüßt. Wir waren vermutlich die Attraktion der Woche. Die örtliche Pension hatte neue interessante Gäste. Normalerweise beherbergte sie kräftige Arbeiter, die hier nur nächtigten und tagsüber ihrer Arbeit nachgingen.

Nach drei Tagen ruhigen Aufenthaltes wurden wir nachdrücklich mit dieser Spezies konfrontiert. Vier stramme Polen mieteten sich in unserer Pension ein. Sie tranken Wodka und rauchten durchdringend, verhielten sich aber in unserer Gegenwart höflich und bescheiden. Mit zwei Russen und vier Polen wurde unsere Bleibe zum multikulturellen Treffpunkt östlicher Prägung.

Es war behaglich, auch wenn der Pensionswirt eines Abends ohne Scheu in unserer Zimmer stürzte. Er wusste nichts von zwei älteren Damen in seiner Pension.

Auch dass die Autohupe der polnischen Einmieter morgens um 5.00 Uhr den ganzen Ort weckte, konnten wir ertragen.

Wir werden diesen kleinen gemütlichen Ort nie vergessen. Seine Eigentümlichkeit liegt in seiner Normalität, in seiner Beschaulichkeit und Ruhe. Jedes Ereignis wird bedeutsam.

Es gibt sicher viele solcher Orte in Deutschland. Aber wir waren hier und von hier aus führt die Autobahn 4 überall hin: nach Erfurt, Gotha, Weimar und Jena.

1.5.19 10:01, kommentieren

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Ein Hund, eine Oberleitung und laute Kräcker

Ein Hund, eine Oberleitung und laute Kräcker

Wir saßen in der kleinen Regionalbahn von Soest nach Hamm. Wir wollten in Hamm den ICE nach Berlin erreichen. Plötzlich hielt die Bahn auf einem kleinen Bahnhof. Hier sollte eigentlich nicht gehalten werden.

Personenschaden oder technische Probleme, ist der Lokomotivführer krank geworden? Bei der Bahn ist alles möglich.

Geduldig saßen wir auf den karierten Sitzen und hofften auf Weiterfahrt. Es gab schließlich Verpflichtungen oder Termine. Entweder musste ein Anschlusszug erreicht werden oder die Arbeit begann pünktlich, so wie die Schule auch. Aber es stürmte und regnete nicht und es lagen auch keine Bäume auf den Schienen. Also keine höhere Gewalt. Die Sonne schien und die Luft war ruhig.

Nach einiger Zeit hörten wir eine Durchsage.

„Wir wissen nicht, wann wir weiter fahren können. Es handelt sich um eine technische Störung.“

Das geht doch gar nicht. Die erwartungsvolle Stille wurde von lauten Protesten abgelöst.

Als eine Bahnangestellte erschien, wurde sie bestürmt.

„Wann geht es weiter? Das ist doch mal wieder typisch.“

Die Frau konnte keine Details nennen. Entsprechen zorniger wurden die Beschwerden. Eine russische Gruppe versuchte auf Russisch der Frau klar zu machen, in welcher schwierigen Situation sie wären. Sie hätten Kinder an Bord. Die Bahnangestellte versuchte zu beruhigen, aber die russischen Damen wurden immer lauter.

„Ich weiß es nicht, wann wir weiterfahren können.“ Hilflos versuchte sie einen Mann zu beruhigen, der unflätig brüllte.

„Ich brauche eine Bescheinigung für meine Arbeit.“

„Die bekommen Sie in jedem Reisezentrum“, ich wollte der Fahrleiterin beistehen.

„Halt du dich da raus“, blökte er mich an.

Dann plötzlich die Ansage.

„Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir nach Soest zurückfahren müssen.“

Der Mann am Lautsprecher ahnte wohl, was sich in seinem Zug abspielen würde. Mit jeder Ansage wurde seine Stimme leiser.

Jetzt wurde es unübersichtlich. Jeder Fahrgast wollte wissen, wie er am besten zu seinem Ziel kommen könnte. Alles brüllte durcheinander, zückte Fahrkarten und verlangte Bestätigungen für eine Entschädigung.

In Soest verteilten sich die Reisenden, um an die verschiedenen Ziele zu gelangen. Wir mussten weiter nach Dortmund fahren, um dort unseren ICE zu erreichen.

Der Bahnsteig in Dortmund war voll. Die Fahrgäste warteten auf den ICE nach Berlin oder auf andere Züge. Warum waren so viele verspätet? Hatte es etwas mit unserem Aufenthalt vor Hamm zu tun?

Jung und alt, dick und dünn schlich, das Handy am Ohr, über die steinerne Fläche mit dem weißen Streifen. Sogar ein bekannter Politiker wartete auf den Zug nach Berlin und lief auf und ab.

Die Bänke waren besetzt. Da war ein junges Ehepaar, das vergeblich versuchte, sein Baby zu beruhigen.

„Die haben kein Händchen für ihr Baby“, eine kleine alte Frau verzog ihr faltiges Gesicht. Sie wusste es natürlich besser. Sie war gerade auf einer Ayurveda-Kur gewesen. Da lernte man, wie viele Hände man hätte auflegen müssen, um das Kind zu beruhigen.

„Man muss nur die Hand auf seine Brust legen“, siehe da, die erste Hand wird erwähnt. Dass das Kind vor Müdigkeit schrie und immer wieder die Augen schloss, das war ihr und auch den Eltern entgangen. Sie rissen das Kind immer wieder aus dem beginnenden Schlaf.

Die Ayurveda-Frau lächelte eigentlich immer, es sei denn, sie nickte weg. Ihre Haare waren grau und hingen ihr auf die Schulter. Sie hatte etwas von einer Jüngerin. Sie trug einen langen lila Rock und ein lila Tuch. Hat die Farbe etwas mit der praktizierten Heilkunde zu tun?

Sie ernährte sich von eingeweichten Körnern und kleinen weißen Kräckern. Sie knackten laut zwischen ihren Zähnen.

Jetzt hatte unser Zug 40 Minuten Verspätung. Eine muntere dicke Frau setzte sich auf die Bank neben uns. Ihre schwarzen ausladenden Oberschenkel nahmen so viel Platz ein, dass ich meine Beine zusammenpressen musste, um sitzen zu können. Ihre schwarzen Haare krausten sich feucht über der Stirn.

„Solange wir am Leben sind…“, sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und wischte auf ihrem Handy herum.

Nach einer Weile verkündete sie:„Jetzt haben wir schon 80 Minuten Verspätung“, sie kicherte.

„Das macht nichts – immer positiv denken.“

Nach vier Stunden Verspätung kamen wir endlich zu Hause an.

Wir erfuhren, dass unser unfreiwilliger Aufenthalt vor Hamm von einem Berner Sennenhund verursacht wurde, der auf die Schienen gesprungen war. Das unübersichtliche Chaos der Fernverbindungen in Nordrhein-Westfalen war durch eine Störung der Oberleitung bei Duisburg entstanden.

Ein Trost blieb uns. Wir hatten auf dem Bahnsteig in Dortmund interessante Leute getroffen. Vor allem die Ayurveda-Jüngerin mit ihren lauten Kräckern hat uns gefallen. Sie war so leise und sanft.

1 Kommentar 12.4.19 08:42, kommentieren