Küsse in der Tram

Küsse in der Tram

Sie saßen eng aneinander geschmiegt. Die junge Frau hielt ein offenes Buch in der Hand und fuhr langsam mit ihrem zart glänzend lackierten Fingernagel unter den Zeilen entlang. Der junge Mann folgte ihrem Finger, las schräg von der Seite mit. Manchmal hielt der Finger an, wiederholte seine Bewegung. Sie hob dann den Kopf, sah ihn an. Dann kicherten sie. Was hatten sie gelesen, das sie so erheiterte? War es etwas Anzügliches, Erotisches? Es wäre spannend, das zu wissen. Was war das für ein Buch? Aber in einer derartigen Situation fragt man natürlich nicht.

Nach einer Weile klappte sie das Buch zu und steckte es in ihren Rucksack. Was dann kam, könnte Aufschluss über den  Inhalt des Buches geben. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und sah ihn an. Er drehte ihr seinen Kopf zu und küsste sie. Er küsste sie laut, zärtlich und lange, immer und immer wieder. Sie strich ihre dunklen glatten Haare zur Seite, so als könne sie nicht nah genug bei seinem Mund sein. Er schob sich immer näher an sie heran. Seine krausen kurzen Haare fielen auf seine Stirn und seine weißen Beine kreuzten sich.

Plötzlich war alles vorbei. Er richtet sich auf und küsste sie noch einmal ganz kurz, wie verabschiedend. Dann setzte er sich gerade, strich sein altrosa T-Shirt glatt und holte das Handy aus der Tasche.

Sie brauchte länger. Ihre blaugrauen Augen wanderten durch die Tram. Was ging in ihr vor?

Dachte sie vielleicht an die nächste Zeit? Wie ist das mit der Liebe? Gibt es sie und wenn ja, wie lange?

„Friedrichstraße, wir müssen aussteigen“, sie  nahm ihren Rucksack, ging zur Tür und verließ die Tram. Er stopfte sein Handy in die Hosentasche und hastete hinter ihr her.

 

 

 

17.6.19 11:16, kommentieren

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Das Mädchen und der Hund

Das Mädchen und der Hund

Sie stieg leichtfüßig ein und brachte einen Schwall heißer Luft mit in die gut klimatisierte Tram.

Sie trug einen Rucksack auf dem Rücken und im Arm einen kleinen goldfarbenen  Hund. Die Rasse war nicht erkennbar, aber er sah sehr edel aus.

Noch bevor sie sich setzte, entledigte sie sich ihres Rucksacks. Dabei hielt sie den Hund sicher und beschützt in ihrem Arm. Sie setzte sich und stellte ihre Füße auf die Zehen, damit ihr tierischer Gefährte gerade und ohne Rutschgefahr auf ihrem Schoß liegen konnte. Hie und da streichelte sie sein Köpfchen, wohl zur Beruhigung. Aber das Tier machte keinen nervösen Eindruck.

Sie zog einen Notizblock aus ihrem Rucksack und begann zu schreiben. Sie hielt den Block schwebend über dem Hund. Dann holte sie ihr Handy aus dem Rucksack, wischte ein wenig und schrieb wieder. Das wiedererholte sie einige Male. Zwischendurch streichelte sie ihren Hund.

Sie trug einen schwarzen Rock und eine rote Bluse. Diese rote stechende Farbe tragen zu Zeit viele Frauen, als Jacke, als Bluse, als Kleid und auch als Kostüm. Zählt man die Moderatorinnen im Fernsehen, die rot tragen, dann kommt man täglich auf einige Frauen. Sogar Frau Merkel zieht eine rote Kostümjacke an, obwohl ihr die  zartblauen oder grünen viel besser stehen. Dass die neuen Vorsitzenden der SPD rot tragen, verwundert nicht. Aber vor der roten Wand im Willy Brand Haus ein Hosenanzug und eine Jacke in rot - das war doch ein bisschen viel.

Die zierliche Hundebesitzerin trug eine hübsche Kurzfrisur, deren Löckchen sich über der Stirn und im Nacken kräuselten. Sie wäre längst nicht so attraktiv, wenn sie, wie viele Frauen im Moment, den kleinen Haarhaufen auf dem Kopf trügen. Ob echt, ob künstlich, es ist wirklich erstaunlich, wie viele Frauen diese Frisur tragen. Hübsch ist sie beileibe nicht, zumal jeder markante Hinterkopf unter der straff nach oben gezogenen Haarpracht verschwindet.

Sie fuhr bis zur Prenzlauer Allee. Elegant schlüpfte sie in die Träger ihres Rucksacks, wieder ohne den Hund aus dem Arm zu lassen. Sie stieg aus, freihändig und anmutig. Schnell und sportlich lief sie auf dem Bahnsteig entlang, bis sie, ihren  goldfarbenen Hund fest im Arm, in der Menschenmenge verschwand.

 

 

6.6.19 10:24, kommentieren