Charlotte

    Aufbruch

    Charlotte

    Gut war die Torte, aber ein bisschen schmierig. Eine Wespe krabbelt über die Cremereste. Lass sie. Sie tut dir nichts. Sie will nur Zucker, kein altes Frauenfleisch.

    Sie leckt ihre Finger ab. Aber sie bleiben klebrig. Sie kennt diesen zuckrigen Film, den man nur unter fließendem Wasser abwaschen kann. Aber jetzt muss es ein Tempo tun. Sie will nicht auf die Toilette gehen. Wer weiß, was sie da vorfindet.

    Es ist gemütlich hier draußen. Sie schiebt ihre Füße aus den Schuhen und legt sie auf den Nachbarstuhl. Wie dünn ihre Beine sind. Das waren sie schon immer. Sie ist überall dünn. Ihre Schüler nannten sie die Streichholzschachtel. Sie bewegt die Zehen. Das entspannt. Sie lehnt sich zurück und sieht nach oben. Der Baum hinter dem Zaun winkt mit seinen kleinen grünen Blättern. Die Sonnenstrahlen flimmern auf ihren Flächen. Was ist das eigentlich für ein Baum? Mit Biologie hat sie es nicht so. Sie hat Deutsch und Musik unterrichtet. Es gibt Leute, die behaupten, dass Bäume miteinander sprechen können. Wenn das so wäre, würden sie vielleicht auch mit ihr sprechen? Wahrscheinlich nicht.

    Eine Kindergartengruppe, bekleidet mit orangen Westen, dackeln an ihr vorbei. Viele etwas blöde Augen sehen sie an, fragend und doch gleichgültig. Was interessiert sie denn die alte Frau, die da sitzt. Die Leiterin ruft regelmäßig mit scharfer Stimme Kommandos über die Schar. Ein Junge bleibt vor Charlotte stehen.

    Was is?“ Sehr freundlich ist das nicht. Das Kind rennt greinend zu der Kitatante. Ein vorwurfsvoller Blick trifft Charlotte und tröstende Worte ergießen sich über das Kind.

    Nein, sie will das nicht mehr. Keine tumpen Gören, kein Babygequake und kein Geschrei. Sie hat genug davon gehabt. Ihre Enkel sind fast erwachsen und sie muss das nicht mehr haben.

    Aber sie muss jetzt nach Hause. Die zwei Worte „zu Hause“ haben eigentlich etwas Vertrautes, Heimeliges. Aber für sie sind es Mahnungen, die Befehle vermitteln. Sie will nicht dorthin. Dort wird zwar nicht gequakt, aber stattdessen anspruchsvoll geschwiegen. Beides ist schlecht. Sie weiß, dass sich etwas ändern muss.

    Er wartet auf sein Abendessen. Warum kann er nicht einmal allein essen? Nein, sie muss ihm das Essen vorsetzen und dabei sein. Sie fragt sich immer wieder warum. Sie wechseln kein Wort miteinander. Wenn er das Salzfass will, dann zeigt er mit dem Finger dahin, wo es steht. Kein bitte, kein danke.

    Sie zahlt und zieht ihre Schuhe wieder an. Sie drücken. Klar, sie sind ohne Schuhe dick geworden. Sie zieht sie wieder aus und steckt sie in einen rosa Rossmannbeutel. Es geht auch ohne Schuhe. Der Straßenbelag ist zwar nicht sehr fußgängig und die Leute sehen sie schräg an. Aber das ist ihr egal. Sie kennt einen jungen Mann, der nie Schuhe oder Strümpfe anzieht, im Sommer, wie im Winter nicht. Der Matsch kann zwischen den Zehn hervorquellen, das macht ihm nichts. Er ist ein Freund ihrer Nichte. Charlotte nennt ihn den Barfüßer.

    Ein Taxi hält neben ihr am Bürgersteig.

    Kann ich helfen?“ Der Taxifahrer zeigt auf ihre Füße.

    Oh ja, danke, es ist doch etwas unbequem ohne Schuhe.“

    Sie steigt ein und sitzt hinter einem alten Mann mit grauen Haaren. Er hat ein Pferdeschwänzchen im mageren Nacken . Er ist überhaupt sehr mager. Er trägt ein buntes kurzärmeliges Hemd. Die Arme ragen wie Stöcke aus den Ärmeln.

    Wohin kann ich Sie fahren?“

    Sie sagt es ihm und er fährt los.

    Jetzt sagen Sie mir mal, warum Sie so allein und trübsinnig durch die Straßenlaufen und auch noch ohne Schuhe.“

    Ich habe ein Problem, aber ich möchte nicht darüber sprechen.“

    Er sagt nichts und hält vor ihrem Haus.

    Wenn Sie Beistand brauchen, hier ist meine Karte.“

    Charlotte liest: „Jederzeit Beratung und Flexibilität bei Otto.“

    Warum fährt er dannTaxi? Charlotte hat keine Lust zu fragen. Sie zahlt und steigt aus.

    Jetzt muss sie zwei Stockwerke steigen. Ohne Schuhe geht das nicht so einfach. Jeden Huppel spürt sie, jede raue Stelle. Außerdem hat sie keine Lust, in diese Wohnung zu gehen. Da sitzt er und wartet. Er will versorgt werden. Sie weiß, wie er sie ansieht. Schmale kritische Augen, keine Freude über ihr Nachhausekommen. Er sagt nichts, aber wie ist das mit den Blicken, die töten können? Sie können töten, jedes Gefühl können sie abtöten. Seine Blicke werden an ihren Füßen hängen bleiben, fragend, verächtlich. Schweigend wird sie den rosa Rossmannbeutel schwenken.

    Sie öffnet die Wohnungstür. Was ist los? Etwas stimmt nicht. Stille steht im Flur. Keine bösen Blicke, nur Stille, eine etwas miefige Stille. Lüften müsste man mal wieder, aber das ist ihm immer zu kalt.. Wo ist er nur? Er ist doch sonst nie weg. Hat er sich versteckt? Aber das würde er nie tun. Witzig und überraschend ist er nie.

    Sie wirft den Rossmannbeutel auf den Boden, läuft durch die Wohnung und sieht in alle Zimmer. Kein Roland! Sein Mantel ist auch nicht da. Er ist sicher sauer, dass sie so lange weg war. Aber weg war er noch nie.

    Das muss sie genießen. Kein Abendessen, nein, kein Abendessen. Ein Käsebrot und ein Glas Wein, begleitet von einer Schnulze im Fernsehen – das reicht ihr.,

    Wo könnte er denn sein? Er geht doch nie fort. Ach verflucht, soll der Mistkerl doch bleiben, wo der Pfeffer wächst. Der erste Happen ihres Käsebrots verschwindet in ihrem Mut. Ein Schluck Wein und sie hustet vor Schreck. Es kracht etwas an der Wohnungstür. Ein Knall - sie ist zu. Die Wohnzimmertür schlägt gegen die Wand. Er steht da, schwankend und stinkend. Das riecht sie bis an das Sofa.

    Da ist ja die gnädige Frau wieder. Mit wem war sie denn unterwegs und hat ordentlich Geld ausgegeben?“

    Du bist betrunken“, sie stellt sich hinter das Sofa, da ist sie sicher. Er wirkt schlagbereit. Aber das hat er noch nie getan. Seine Augen sind unruhig und glasig.

    Ja, ich bin betrunken, so betrunken wie ein...“, er lallt und fällt auf den Boden.

    Dort liegt er - eine matschige breiige Masse. Sein Altherrenbauch drängt sich unter dem blauen Hemd hervor, sein Hosenstall ist halb offen. Ein Jammerbild – und das ist ihr Ehemann Roland. Sie sieht auf ihn herunter. Schon scheußlich, so da zu liegen. Sie zieht das blaue Hemd über den fetten Bauch und schließt den Hosenstall. Dann breitet sie eine Decke über ihn und schiebt ein Kissen unter seinen Kopf. Wie unwürdig ist das alles. Ist sie schuld? Muss sie sich kümmern? Nein, er ist nicht krank, sondern betrunken. Er schnarcht wie ein Weltmeister.Sie holt ihre Handtasche und verlässt die Wohnung. Auf der Treppe bemerkt sie, dass sie ohne Schuhe ist. Also zurück. Die Wohnung ist erfüllt von seinem lauten Schnarchen. Leise sucht sie passende Schuhe und verlässt zum zweiten Mal die Wohnung.

    Eine Nachbarin seht vor der Wohnungstür. Warum ist diese Frau immer da, wenn etwas passiert? Hat sie nichts anderes zu tun als Nachbarn zu beobachten? Sie trägt meist eine Kittelschürze. Wie viele davon hat sie wohl? Diese blumige Bekleidung ersetzt jedes andere Kleidungsstück. Auch im Sommer tragen viele Frauen Kittelschürzen, meist ohne Ärmel. Charlotte erinnerte sich an Tante Dörte und ihre wabbeligen Oberarme, an die weichen hängenden Schluppen.

    Na, wollen Sie weg gehen? Ohne Ihren Mann?“

    Das hatten die Leute schon immer gefragt, wenn sie ausnahmsweise einmal allein unterwegs war.

    Charlotte antwortet nicht. Sie zückt ihr Handy.

    Maria, kann ich zu dir kommen?“

    Natürlich kann sie. Ihre große kräftige Tochter steht schon in der Wohnungstür.

    Was ist los? Komm, es wird alles gut.“ Ein kräftiger Griff und Charlotte sitzt auf einem Sofa, mit einem Glas Wein in der Hand.

    Das tut gut. Aber sie zittert und stellt das Weinglas auf einen Tisch. Marias Teppich ist hell.

    Stell dir vor, er war völlig betrunken. So habe ich ihn noch nicht erlebt. Bin ich schuld? Ich war doch nur in einem Café und habe Kuchen gegessen.“

    Du bist nich schuld. Rede dir das nicht ein. Jetzt legst du doch erst mal hin und ich sehe nach ihm.“

    Charlotte liegt auf Marias Sofa. Die Beine auf einem Kissen zeigt sie auf ihre schmutzigen Füße.

    Der Dreck an meinen Füßen hat eine lange Geschichte. Geh du erst mal zu deinem Vater.“

    Sie beobachtet ihre Tochter. Prachtvoll ist sie und schön, groß und tatkräftig. Sie hat es nicht mit den Männern. Charlotte weiß das schon lange, aber ihr Vater nicht.

    Muss er auch nicht, Er würde sich nur aufregen. Weiß es ihr Bruder Phillip? Aber das findet sie auch nicht wichtig.

    Charlotte wird so müde, so schrecklich müde.

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18.6.20 16:20, kommentieren

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Maria

Maria


Nachdem sie ihre Mutter ins Bett gebracht hat. geht sie auf Zehenspitzen aus dem Zimmer. Wie, gut, dass sie dieses Männergedönse nicht hat. Mit Frauen kommt sie gut klar. Wie das kommt, weiß sie nicht. Sie findet Frauen zärtlicher und einfühlsamer, vor allem beim Sex. Sie liebt ihre weiche Haut auf dem Bauch und zwischen den Beinen.

Seit sie das weiß, hat sie nie wieder mit einem Mann geschlafen. Sie sind so grob und ruppig und keine Körperöffnung ist vor ihnen sicher. Und dann die Rammelei, nicht zu erwähnen, die schmerzhaften Spuren, die sie hinterlassen. Auch weibliche Liebe nutzt die körperlichen Angebote, aber es geht sanfter dabei zu.

Außerdem liebt sie ihre Unabhängigkeit. Männer wollen besitzen und bestimmen. Wie sie das hasst. Ihr Beruf als Journalistin füllt sie aus und sie braucht keinen männlichen Berater.

In ihrem Schlafzimmer angekommen löst sie ihren langen dunklen Zopf, der wie ein dickes Seil über ihrem Rücken hängt. Sie bürstet die Haare hundert Mal. Das macht sie jeden Abend. Auf ihre langen dunklen Haare ist sie stolz. Sie zieht jede Strähne durch ihre Finger und bürstet sie glatt. Dann schüttelt sie ihren ihren Kopf so heftig, dass sich die Haare wie ein Vorhang über ihre Schultern legen. Sie bindet die Haare zu einem Pferdeschwanz. Dieses Ritual findet allabendlich statt.

Wie gut, dass sie allein ins Bett gehen kann. Auch mit Sexpartnerinnen vermeidet sie gemeinsamen Nachtschlaf. Sie braucht die morgendliche Schweigsamkeit und den ersten Kaffee ohne Kontakte.

Sie zieht sich aus und legt ihre Kleidungsstücke ordentlich auf einen Stuhl. Ehe sie ihr Nachthemd anzieht, stellt sie sich vor den großen Spiegel. Groß ist sie und kräftig. Ihre Brüste sind erstaunlich klein für ihre Größe. Ein Meter achtzig – für eine Frau viel, aber für sie nicht. Sie dreht sich und versucht, einen Blick auf ihren Hintern zu erhaschen. Schwierig, aber egal. Sie weiß, dass er zu klein ist für ihre Statur.

Ihr Gesicht ist schief. Woran das liegt, ist schwer zu sagen. Liegt es an der großen Nase? Sie stakst in die Welt wie ein dritter Zeigefinger. Sie ist spitz und groß, Die hat sie von ihrer Mutter. Oder liegt es an den dunklen Augenbraun, deren Höhe über den grauen Augen sehr unterschiedlich ist und die sich, wenn sie die Stirn runzelt, übereinander schieben?

Am nächsten Morgen, nach einem Kaffee, schwingt sie sich auf ihr Rad und fährt zu ihrer Arbeit. Ihre Mutter lässt sie schlafen.

Wie ein Sturm dringt sie in den Konferenzraum ein. Alle Augen wenden sich ihr zu.

Entschuldigung, dass ich zu spät komme. Meine Mutter...““ Die Augen, die auf sie gerichtet sind, zwinkern entschuldigend. Können so viele Augen zwinkern? Sie können und sie lächeln sogar.

Setz dich zu mir“, ein Kollege weist auf den leeren Stuhl, der neben ihm steht. Aber Maria setzt sich an das Ende des Tisches. Sie will sich nicht neben diesen Kollegen setzen. Er macht ihr schon länger Avancen und sie will seine Annäherungen nicht. Die Kollegen grinsen. Aber sie können den Kollegen verstehen, obwohl sie wissen, dass Maria nichts mit dem männlichen Geschlecht zu tun haben will. Aber wie Männer so sind, sie versuchen es immer wieder.



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20.6.20 11:15, kommentieren