Reha und Corona

Reha und Corona


Ankunft


Ankunft in Angermünde. Ein gesprächiger rundlicher Mann transportiert dich in die Klinik, die dich in den nächsten vierzehn Tagen fit und gesund machen soll.

Die Sonne scheint und alles ist grün. Bäume, Sträucher und Wiesen begrüßen dich und vor allem der Wolletzsee – groß und breit.

Die Rezeption schickt dich in das Zimmer mit der Nummer 250. Der Koffer wird abgestellt und schon musst du zu Schwester Petra, die dich auf Corona testet, Blut abnimmt und Blutdruck misst, der erstaunlicherweise seine Auswüchse diesmal lässt. Vielleicht liegt es am Ambiente, dass er in Kliniksituationen normal ist. Du bekommst ein blaues Bändchen umgeschnallt, das zeigt, das du getestet, aber noch nicht in den Therapieplan integriert bist. Es ist noch nicht sicher, dass du infektionsfrei bist. Du musst in einem abgegrenzten Areal essen und bekommst auch noch keinen Tagesplan, der dir sagt, was du alles zu leisten hast, um gesund zu werden.

Schwester Petra geht und Dr. Meier kommt. Er ist breit und kräftig und hat einen runden Kopf. Er ist so rund wie seine Brillengläser, durch die er dich etwas verschleiert ansieht. Du kannst seine Augen nicht sehen.

Er kommt aus Russland und spricht nicht besonders gut Deutsch, aber er ist sehr interessiert und diagnostiziert Ruhebedürftigkeit bei dir.

Du bist jetzt in die Krankengemeinde der Klink aufgenommen worden, auch wenn Corona deinen Gesundheitsaktivitäten noch im Wege steht.

Endlich kannst du dein Zimmer in Besitz nehmen. Es ist schmal und zweckmäßig. Es hat zwei Betten. Du konntest den Leuten in der Klink nicht verständlich machen, dass du ohne Begleitperson kommst. Wie allerdings zwei Personen in diesem schmalen Zimmer Wochen miteinander auskommen sollen, ohne sich umzubringen, dass ist dir schleierhaft. Auch mit deiner lieben Freundin Gaby, die dich bis zum Bahnhof Angermünde begleitet hat, wäre das Zimmer zu eng gewesen.

Das erste Mittagessen – Kartoffeln mit Seelachsfilet - ist mäßig, so wie das Essen eben in Krankenhäusern ist – viel Mehlsoße und mit einem Berg Kartoffeln.

Nachmittags gehst du an den Wollerzsee. Ein bequemer Fußweg mit vielen Bänken geleitet dich von einer schönen Aussicht zur anderen. Nach einer Stunde sitzt du im klinikeigenen Café und belohnst dich mit einem Eiskaffee.

Du hast die erste Nacht gut geschlafen, auch wenn du bei schwungvollen Drehungen nach rechts an eine harte Holzwand gestoßen bist und nicht an deinen weichen Gatten.


Die Kurgäste


Es ist ungerecht, aber du hast den Eindruck, dass die Menschen, die um dich herumschleichen, schlapp und kränklich sind. Das ist an sich kein Wunder, denn sie leiden alle an irgendwelchen Krankheiten, sonst wären sie nicht hier in der Klinik. Aber gehört nicht zur Gesundung ein gewisses Maß an Optimismus? Vielleicht sind für diese Defizite die Psychologen zuständig.

Da gibt es die Rollatorpatienten, die Rollstuhlfahrer und die Leute, die sich mühsam mit Krücken vorwärts bewegen. Diese Ansammlung von Gebrechen nimmst du in Kauf. Es gibt auch Rehabilitanden , wie sie genannt werden, die stramm laufen können und keine offensichtlichen Leiden ertragen müssen.

Aber warum gehen sie wortlos an dir vorbei, versunken in ihr Leid und ihren Schmerz. Eine junge Frau mit Pferdeschwanz wendet sich demonstrativ von dir weg. Du willst doch nichts von ihr. Du fragst dich, ob Krankheit, sei sie noch so belastend, ein Freibrief für Unhöflichkeit ist. Aber mit den Tagen wurde es besser. Grummelige oder gehauchte Begrüßungen begegnen dir auf deinen langen Wegen zu den Zentren deiner Therapien.

Auch bei den Treffen im Speisesaal ist wenig Kommunikation zu spüren. Das Mittagessen wird dir an deinen Platz gebracht. Du hattest am Tage vorher deinen Menüwunsch geäußert.

Das Frühstück und das Abendessen wird am Buffet serviert. Lange Schlangen von hungrigen Menschen, bewaffnet mit einem Tablett, stehen rechts und links von den Buffet und bekommen ihren gewünschten. Aufschnitt und den Quark, der in verschiednen Varianten zur Verfügung steht. Die verpackten Waren, wie zum Beispiel Butter, darfst du selbst nehmen, aber Aufschnitt und Käse wird dir nach Wunsch auf den Teller gelegt. Du gehst dann zu den Tischen, an denen jeweils nur zwei Personen diagonal zueinander sitzen dürfen. Corona lässt grüßen. Der Tisch wird regelmäßig desinfiziert.

In drei Schichten geht das so und die fleißigen Serviererinnen aus der Küche tun dir leid,

Wenn du endlich sitzt und dein Käsebrot verspeist, wandern deine Augen durch den Saal.

Abgesehen von den unterschiedlichen Fortbewegungsarten fällt dir die Garderobe der Rehabilitanden auf. Die Frauen sind entweder sehr elegant oder einfach gekleidet, im Schnitt nicht besonders auffallend. Aber viele Männer schätzen knielange Hosen in allen Farben. Rot, kariert, blau, türkis und pink, alles ist vorhanden. Ob braune oder weiße, krumme oder gerade Beine, es muss eine kurze Hose sein. Dazu kurze Söckchen und Sandalen und und der Mann für ein Modejournal ist perfekt. Diese Männer erheitern durch Witze jeglicher Art die Frauen und das Ergebnis ist eine Mischung von kreischendem und brüllendem Gelächter.

Die älteren Herren schätzen die Jogginganzüge und der stille Mann, der sich gern allein an einen Tisch setzt, ist normal mit Jeans und Pullover gekleidet. Hat die Kleidung etwas mit Bildung zu tun?

Du weißt es nicht und du musst es auch nicht wissen.


Die Therapien


Du bist müde und angespannt. Das wird bemerkt und die Ärzte verordnen dir eine individuelle Reha. Du sollst zur Ruhe kommen und wieder fitter werden. Dein Therapietag verläuft sanft und vorsichtig. Du gehst viel spazieren, stabilisierst dich auf dem Ergometer und besuchst Seminare: Gesunde Ernährung, Verhaltensweisen bei bestimmten Krankheitsverläufen und Pflegemöglichkeiten.

Täglich besuchst du den Koronarsport. Hier wird deine Beweglichkeit, deine Reaktionsfähigkeit und deine Muskulatur gestärkt.

Sportliche, meist junge Trainer sitzen vor einem Kreis hinfälliger Rehabilitanden und zeigen, wie man es macht: Brust raus, Schultern nach oben, Füße im Wechsel nach oben bewegen und vieles mehr. Und immer atmen, atmen, atmen, atmen. Es werden Ringe, Bälle und Stäbe geworfen, gedrückt und unter den Beinen durchgeschoben.

Nach einer halben Stunde werden die Geräte und die Hocker desinfiziert und du verlässt die Sporthalle mit dem Gefühl, stark und gelenkig zu sein.

Die Werte, die du auf dem Ergometer schaffst, werden nach Beurteilung der Betreuer immer besser.Auch hier werden nach Abschluss der Trainingseinheiten die Geräte desinfiziert.

Der Therapiealltag wird von Corona bestimmt. Alle Maßnahmen und Trainingseinheiten stehen unter dem Stern dieses Virus.

Aber es gibt einen Ort, der nichts mit Corona zu tun hat. Der Wolletzsee, dicht neben der Rehaklinik, ist dein Ort der Erholung und Entspannung.

Du läufst und sitzt, hörst Musik und siehst in die dichten Blättersträuße an den alten Bäumen. Hier gibt es kein Corona, hier gibt es nichts, das dich beunruhigen könnte.

Ein Aufenthalt an diesem großen stillen See war die beste Therapie, die du nutzen konntest.




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16.9.20 10:55, kommentieren

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Leben mit Mundschutz

Leben mit Mundschutz

 

Wenn man eine Gruppe von Politikern sieht, die sich maskentragend mit den Ellbogen begrüßen, dann mutet die große weiße Maske über der unteren Gesichtshälfte merkwürdig an. Man hat den Eindruck eines Rudels sonderbarer Wesen. An diesen Anblick wird man sich gewöhnen müssen. Man sieht nicht viel von ihrem Gesicht. Da sind wohl die Augen, die lachen, weinen und rollen können. Die Stirn drückt Stimmungen aus. Falten senkrecht über der Nase oder quer verlaufend sind ein Zeichen für Gereiztheit, Nachdenklichkeit und Müdigkeit. Aber es fehlt die untere Gesichtshälfte. Sie fehlt einfach. Der Mund, die Lippen, die Zunge -  es hat schon seinen Sinn, dass wir ein ganzes Gesicht haben.

Man wird sich auch daran gewöhnen müssen, dass die Politiker jede Nähe vermeiden. Fast macht es den Eindruck des Zurückschreckens. Sie müssen mit dem nötigen Abstand verhandeln.

Kann man unter diesen  Bedingungen zu konstruktiven Ergebnissen kommen? Nähe im Gespräch ist häufig fruchtbarer. Vielleicht hätten die Verhandlungen in Brüssel, was die Unterstützung der armen europäischen Länder betrifft, nicht so lange gedauert, wenn sie mit mehr Nähe und in gemütlichen Runden geführt worden wären.

Es ist zurzeit notwendig, den Mundschutz zu tragen und auf Abstand zu achten, um sich und andere gegen Corona, den heimtückischen Virus zu schützen.  Das betrifft arm und reich, prominent und weniger bekannt.

 Das haben viele Menschen nicht verstanden oder sie wollen es nicht verstehen, wie die häufigen Demonstrationen gegen die sogenannte Coronadiktatur  zeigen. Sie wollen keinen Mundschutz und sie wollen Nähe, keinen  Abstand.

Vor allem die jungen Menschen wollen nicht eingeschränkt werden. Sie wollen Spaß haben, lachen, tanzen, sich umarmen und trinken können. Das wurde vor Corona von niemandem hinterfragt.  Sie durften feiern, Party machen, wann und wo sie wollten.. Niemand hat sie daran gehindert. Und jetzt soll das vorbei sein? Sie können es nicht verstehen. Die jungen Menschen sind daran gewöhnt, dass sie bekommen, was sie wollen. Alle Vorsichtsmaßnahmen halten sie für übertrieben und sie fühlen sich entmündigt. Sie wollen frei sein in ihren Entscheidungen. Dass ihre eigene Freiheit Krankheit und Tod für andere Menschen bedeuten kann, das wollen sie nicht wissen, obwohl sie es wissen können. Es wird täglich in den Medien gepredigt. Die individuelle Freiheit kann nur dann gelten, wenn sie zugleich Rücksicht auf andere Menschen nimmt.

Die Krankheit nimmt keine Rücksicht auf demokratische und freiheitliche Gefühle. Sie schlägt da zu, wo man sie lässt. Und unreflektierte Verweigerung von Mundschutz und Abstand sind Brücken und Straßen zu ihrer Ausbreitung.

.Wir werden alle  in Zukunft den Mundschutz nicht vergessen dürfen, wenn wir aus dem Haus gehen oder mit der Tram fahren. Er wird zu uns gehören wie die Brille oder der Hausschlüssel, Er wird so wichtig sein, wie der richtige Abstand zwischen den Menschen, auch wenn sie sich nicht mehr umarmen und küssen dürfen.

 

 

 

 

12.8.20 09:39, kommentieren