Übersiedlung

Übersiedlung

Sie saß mit ihrer Mutter im Zug. Sonst saß niemand auf den harten Holzbänken. Sie waren allein in dem großen Waggon. Es war kalt. Im Februar ist es nun mal kalt, ob im Osten oder Westen. Ihre lila Wollmütze, die hinten eine Öffnung für ihren langen Pferdeschwanz ließ, wärmte ihre Ohren, aber ihre Hände waren eiskalt. Sie schob sie auf den Schoß ihrer Mutter, stieß dort aber auch auf kalte Hände.

Zwischen den Beinen, unter ihrem weiten Poncho, verbarg sie ihre Geige. Die durften die Kontrolleure aus dem Osten nicht entdecken. Denn wer fuhr schon eine Geige durch die Gegend, ohne dass er für längere Zeit wegwollte.

Aber der Mann von der NVA interessierte sich nur für ihre Ausweise und für die Fahrkarte. Sehr unfreundlich war er, eher belästigt. Wegen zweier Fahrgäste musste er kontrollieren.

Wieso saß sie plötzlich in einem Zug nach Berlin, nach Charlottenburg, wo ihre Großmutter lebte. Bislang lebte sie in einer Kleinstadt, ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. Sie las die vielen Bücher ihrer Eltern. Tolstoi, Dickens und Goethe, sie las alles, was in den Regalen stand.

Jetzt hatte sie richtig Angst. Angst vor dem Neuen, das auf sie zukommen sollte.

„Ich möchte wieder nach Hause“, sie legte ihren Kopf auf die Schulter ihrer Mutter.

Die Mutter legte den Arm um ihre Schulter.

„Klar, ich verstehe das, aber du wirst sehen, es wird alles gut.“

 Es hatte damit angefangen, dass ein Freund ihres Bruders zu Besuch kam. Sie hatte ihn auf einer Fahrradtour im Westen kennen gelernt. Damals hatte er sie geküsst. So richtig hatte ihr das nicht gefallen. Und jetzt wollte er sie heiraten. Er war schon sechsundzwanzig Jahre alt und hatte wohl Frauenhunger. Das dachte sie aber nur für sich. Was sie unter „Frauenhunger“ verstand, sagte sie niemandem. Aber sie wusste, dass Männer Frauen brauchen. Wofür, wusste sie nicht genau, aber sie ahnte es.

„Ich möchte Sie heiraten“, schrieb er an ihre Eltern und sie amüsierten sich über seinen Rechtschreibfehler. Er hatte das „sie“ großgeschrieben.

Sollte sie so bald heiraten? Sie war doch erst siebzehn Jahre alt. Aber es war eine Möglichkeit, in den Westen zu kommen. Ihre beiden älteren Geschwister waren auch schon drüben. Mit dem Heiraten musste es nicht so eilig sein.

Es brach das große Planungschaos aus.

Natürlich musste alles über Westberlin gehen. Sie könnte erst einmal bei ihrer Großmutter leben und von dort aus nach Stuttgart fliegen. Dort wohnten seine Eltern und dort sollte sie vorläufig wohnen. Sie sollte dann auf die Kirchenmusikschule in Esslingen gehen. Provisorischer Pass, Geld, Flugzeug, alles war neu. Alles glitt an ihr vorbei. Sie wurde überhaupt nicht gefragt.

Sie saß erschöpft auf der harten Holzbank und weinte. Sie weinte, weil sie Abschied nehmen musste von ihrer besten Freundin, von der Ruhe des langweiligen Alltags, von der Sicherheit einer geschlossenen Welt.

Als sie in Charlottenburg ankamen, stand ihre Großmutter auf dem Bahnsteig. Sie nahm ein Taschentuch, trocknete ihre Tränen und schloss sie ganz fest in die Arme.

„Morgen bekommst du dein Lieblingsessen - Fischfilet, Kartoffelbrei und Gurkensalat, zum Nachtisch Obstsalat.“

In Berlin musste sie von Amt zu Amt laufen und sich die Unterlagen für eine Übersiedlung in den Westen holen. Sie füllte Formulare aus und lernte mühsam die Selbstständigkeit, die sie in Zukunft brauchen würde. Ihre Mutter war klug beraten. Sie ließ sie alle diese Hürden allein nehmen. Völlig erschöpft stand sie nach einigen Tagen auf dem Flughafen. Sie sollte nach Stuttgart fliegen, zu der Familie, bei der sie wohnen sollte. Jetzt weinte die Mutter. Das war ihr drittes Kind, das sie in den Westen abgab.

Sie fühlte sich unsäglich einsam und allein. Musste das alles sein? Ein neues Land, eine neue Stadt, eine neue Familie und was sie besonders beunruhigte, ein junger Mann. Was erwartete er von ihr?

Der junge Mann stand am Flughafen. Heftig schloss er sie in seine Arme.

Dann fuhren sie mit der Straßenbahn zu seinen Eltern. Der Vater war nett und fürsorglich, aber die Mutter sah sie mit ihren grauen Augen kritisch an.

Aber es gab ein leckeres Essen, das sie nicht kannte. Nudelauflauf mit Schinken und Feldsalat. Zu Hause gab es nur grünen Salat aus dem Garten. Aber die kleinen grünen Blättchen mit der süßen Salatsoße schmeckten auch sehr gut.

Sie fühlte sich jetzt besser, aber der junge Mann sah sie so sehnsüchtig an. Jetzt dachte sie wieder an den Frauenhunger, den Männer haben konnten. Sie hatte es in Anna Karenina und auch in Bel Ami von Maupassant gelesen.

 

 

 

 

4.1.19 16:45, kommentieren

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Orgeldienste

Orgeldienste – am Heiligen Abend

Sie war inzwischen eine passable Orgelspielerin und das machten sich die Nachbargemeinden Amesdorf und Osmarsleben zunutze. Das waren zwei kleine Orte nahe Güsten. Also wurde die 15jährige Pfarrerstochter aus dem Ort Güsten engagiert. Sie war billig und es wurde erwartet, dass sie diese Dienste willig erfüllte. Sie spielte Gottesdienste, Trauungen, Taufen und Beerdigungen. Für jede Amtshandlung bekam sie 5 Mark.

Es war nicht so einfach, diese Orte zu erreichen. Busse gab es nicht, von Zügen ganz zu schweigen.

Aber sie hatte ein Rad. Es war außerordentlich primitiv. Von mehreren Gängen konnte man nur träumen und es hatte eine Vollgummibereifung. Da sie mit diesem Gerät mehrere Kilometer fahren musste, war sie schließlich im wahrsten Sinne „gerädert“. Sie spürte jeden Stein, jeden Stoß zwischen ihren Beinen und sie brauchte einige Zeit, bis sie auf der Orgelbank bequem sitzen konnte.

 

Es war das Weihnachtsfest 1953. Am Heiligen Abend sollte sie in Amesdorf und in Osmarsleben die Christvesper spielen. Sie sollte um 18 Uhr in Osmarsleben und um 19.30 Uhr in Amesdorf sein. Von Güsten aus musste sie etwa 7 Kilometer zurücklegen, und das bei Schnee, Glätte und eisigem Wind.

Es war unsäglich kalt. Die Kirche war auch kalt und die Orgel machte wieder, was sie wollte. Sie hatte keinen elektrischen Motor, der die benötigte Luft in die Pfeifen blies und der Spielerin die Möglichkeit gab, Töne zu erzeugen. So musste die Küsterin mit der Kraft ihrer Beine für den erforderlichen Wind sorgen. Sie stand auf zwei Balken und trat auf und ab. So versorgte sie einen Blasebalg mit Luft, der sie an die Pfeifen weitergab. Aber die Luftzufuhr funktionierte nicht ganz wie sie sollte. Zu Beginn jeden Spielens gelangte Luft in alle Pfeifen. Das gesamte Orgelwerk dröhnte über die Köpfe der Gemeinde hinweg. Es quietschte, sauste und brummte. Und die Menschen fragten sich, warum die Organistin, bevor sie die Choräle intonierte, erst einmal auf alle Tasten schlug.

Einen Vorteil hatte die Blasebalgkonstruktion. Man war unabhängig vom Strom, der immer mal abgeschaltet wurde. Das waren die Stromsperren in der DDR.

Und das passierte auch an diesem Abend. Das Orgelwerk war gerad mit jammerndem Gewimmer erstorben. Sie spielte die Einleitung zu dem Lied „O du fröhliche…“ und dann die erste Strophe. Plötzlich lag die Kirche in tiefer Dunkelheit. Nur die Kerzen auf dem Weihnachtsbaum flackerten. Geübt, wie sie war, fand sie die richtigen Tasten und konnte die unverdrossen singende Gemeinde begleiten. Ein Glück, dass es die Küsterin gab, die wacker den Blasebalg bediente.

In Amesdorf kam sie zu spät an. Es hatte begonnen zu schneien und sie kam nur langsam vorwärts. Vorwurfsvoll sahen der  Pfarrer und der uralte Küster sie an.

„Welche Lieder soll ich denn spielen? Sie haben mir keine genannt.“

„Ich bin davon ausgegangen, dass du sie ohne Vorbereitung spielen kannst. Du nimmst doch immer nur das Gesangbuch mit der Melodie.“

„Aber ich muss doch wissen, welche Melodie gesungen werden soll.“

Nachdem sie trotz aller Widrigkeiten an der Orgel saß, die zum Glück einen richtigen Motor hatte, intonierte sie den ersten Choral und begann zu spielen. Was war denn das? Die Gemeinde sang ja etwas ganz anderes? Sie nahm die Hände von den Tasten und lauschte. Der Herr Pastor hatte ihr ein falsches Lied genannt.

Sie ließ die Gemeinde eine Strophe allein singen und fügte sich dann bei der zweiten mit der Begleitung ein. Erst bei den bekannten Weihnachtsliedern herrschte weihnachtliche Einigkeit zwischen den Gläubigen und ihr.

Aber sie hatte einen weiteren Kampf auszufechten.

Der uralte schrumpelige Küster stand neben ihr und zog die Register der Orgel, wie er so Lust hatte. Mal brummte der Bordun, mal schrillten die Pfeifen.

Es war unerträglich.

„Lassen Sie das“, zischte sie ihm zu, aber es nutzte nichts. Ungerührt zerrte er an den Knöpfen und sah sehr selbstzufrieden aus.

Die Rückfahrt nach Hause war der Höhepunkt dieses Weihnachtsabends. Es schneite inzwischen dichter und der scharfe Wind trieb ihr die Flocken ins Gesicht. Bei jedem Tritt hatte sie das Gefühl, gegen eine zähe weiße Wand zu fahren. Dann versagte das Licht an ihrem Rad und sie sah gar nichts mehr.

Sie musste ihr Rad zu Fuß nach Hause führen.

Als sie endlich dort ankam, liefen ihr die Erschöpfungstränen über das Gesicht und sie konnte kaum noch stehen. Sogar der Vater war sehr mitfühlend.

„Jetzt legst du dich erstmal hin und ruhst dich aus. Wenn wir den Heringssalat essen, dann sagen wir dir Bescheid.“

Jetzt ging es ihr schon besser. Es war gemütlich und warm und sie musste nicht mehr in die kalte Nacht. Niemand wollte etwas von ihr.

25.12.18 15:17, kommentieren