Besuch

Besuch

 

Sie sind so richtig dick. Wie sagt man so schön? Adipös. Sie füllen das Wohnzimmer in unserem Ferienhaus. Im Schnitt 600 bis 700 Kilo stehen  auf der kleinen Fläche des Fliesenbodens zwischen Sofa und Kaffetisch. Zum Glück haben sie den Hund nicht mitgebracht. Der würde sich wahrscheinlich wieder unter den Kaffeetsch verkriechen und still vor sich hin furzen. Das haben wir erlebt. Es stinkt fürchterlich.

Das Familienoberhaupt steht breitbeinig etwas weiter vorn. Seine drei Frauen, Ehefrau und Töchter, drapieren sich hinter ihm. Etwas schüchtern hält sich ein junger Mann seitlich dieser ausladenden Familienmitglieder. Er ist offenbar der Freund der jüngeren Tochter. Er ist auch schon leicht verfettet. Seine Kappe, die er natürlich aufbehält, bedeckt seine Haare und der Schirm ist hochgeklappt. Die Stirn ist frei, was etwas dümmlich wirkt..

Die Familie macht regelmäßig einen Pflichtbesuch mit oder ohne Freund, wenn wir Ferien in unserem Häuschen machen. Man muss sich ja schließlich um die alten Schwiegereltern kümmern, zumal sie etwas zu vererben haben.

Sie stellen den mitgebrachten Kuchen auf den Tisch und setzen sich. Es gibt Buttercremetorte, schokoladige Sachertorte, zum Glück auch eine kleine aufgetaute Obsttorte.

„Wir wissen ja, dass du sonst keinen anderen Kuchen magst“, rücksichtsvoll schiebt die Schwiegertochter die Obsttorte in meine Richtung.

Der Kaffee wird eingegossen und die Gespräche beginnen. Das heißt, der Schwiegersohn beginnt zu schwätzen und hört nicht wieder auf. Mit hoher Fistelstimm schimft er auf die unfähigen Ärzte, es geht um Blutdruck und Diabetes, nicht zu vergessen um die Elektroschränke, die bis Moskau geliefert werden müssen. Zur Selbstbestätigung gibt er immer mal einen keligen Lut von sich, der sich von tiefen zu hohen Tönen aufschwingt. Die Ehefrau schweigt weitgehend. Ihre Arme sind über der Brust verschränkt. Sie kennt ihren Mann und lässt ihn reden.

Keine Frage wird gestellt zu dem Befinden der Gastgeber, ihre Interessen oder gar ihre Tätigkeiten.

Mir wird das Geschwafel des Schwiegersohns zu viel.

Ich wende mich an den jungen Mann, der bisher kein Wort verloren hat. Er rollt nur hie und da die Augen.

„Ws machen Sie denn beruflich?“Ehe er antworten kann, fährt ihm der Herr der Familie dazwischen und will die Frage beantworten. Da platzt mir der Kragen.

„Du hältst jetzt deinen Mund und lässt ihn antworten.“

Und siehe da, das Großmaul kuscht, flüstert zwar dazwischen, gibt aber einigermaßen Ruhe. Das ist aber nur eine kleine Erholung. Er beherrscht bald wieder das Feld und zwischendurch greift er zu einem Stück Buttercremetorte.

Die Töchter und der schüchterne junge Mann ziehen sich immer mal auf die Terrasse zum Rauchen zurück. Ich nutze die Gelegenheit und stelle mich zu ihnen. Da kann ich endlich erfahren, was die jungen Leute wirklich beschäftigt. Dann stellt sich ihre Mutter dazu und kommt auch endlich zu Wort. Das Treffen auf der Terrasse hat zur Folge, dass der Gastgeber mit dem Schwätzer allein bleibt. Das hat ihm nicht gefallen und er hat seiner Empörung Ausdruck gegeben.

Nach drei Stunden verlässt uns die Familie. Wir winken ihnen hinterher und wundern uns, wie langsam so viele Kilos die Treppe hinunterschleichen.

10.8.19 12:01, kommentieren

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Küsse in der Tram

Küsse in der Tram

Sie saßen eng aneinander geschmiegt. Die junge Frau hielt ein offenes Buch in der Hand und fuhr langsam mit ihrem zart glänzend lackierten Fingernagel unter den Zeilen entlang. Der junge Mann folgte ihrem Finger, las schräg von der Seite mit. Manchmal hielt der Finger an, wiederholte seine Bewegung. Sie hob dann den Kopf, sah ihn an. Dann kicherten sie. Was hatten sie gelesen, das sie so erheiterte? War es etwas Anzügliches, Erotisches? Es wäre spannend, das zu wissen. Was war das für ein Buch? Aber in einer derartigen Situation fragt man natürlich nicht.

Nach einer Weile klappte sie das Buch zu und steckte es in ihren Rucksack. Was dann kam, könnte Aufschluss über den  Inhalt des Buches geben. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und sah ihn an. Er drehte ihr seinen Kopf zu und küsste sie. Er küsste sie laut, zärtlich und lange, immer und immer wieder. Sie strich ihre dunklen glatten Haare zur Seite, so als könne sie nicht nah genug bei seinem Mund sein. Er schob sich immer näher an sie heran. Seine krausen kurzen Haare fielen auf seine Stirn und seine weißen Beine kreuzten sich.

Plötzlich war alles vorbei. Er richtet sich auf und küsste sie noch einmal ganz kurz, wie verabschiedend. Dann setzte er sich gerade, strich sein altrosa T-Shirt glatt und holte das Handy aus der Tasche.

Sie brauchte länger. Ihre blaugrauen Augen wanderten durch die Tram. Was ging in ihr vor?

Dachte sie vielleicht an die nächste Zeit? Wie ist das mit der Liebe? Gibt es sie und wenn ja, wie lange?

„Friedrichstraße, wir müssen aussteigen“, sie  nahm ihren Rucksack, ging zur Tür und verließ die Tram. Er stopfte sein Handy in die Hosentasche und hastete hinter ihr her.

 

 

 

17.6.19 11:16, kommentieren