Das Mädchen und der Hund

Das Mädchen und der Hund

Sie stieg leichtfüßig ein und brachte einen Schwall heißer Luft mit in die gut klimatisierte Tram.

Sie trug einen Rucksack auf dem Rücken und im Arm einen kleinen goldfarbenen  Hund. Die Rasse war nicht erkennbar, aber er sah sehr edel aus.

Noch bevor sie sich setzte, entledigte sie sich ihres Rucksacks. Dabei hielt sie den Hund sicher und beschützt in ihrem Arm. Sie setzte sich und stellte ihre Füße auf die Zehen, damit ihr tierischer Gefährte gerade und ohne Rutschgefahr auf ihrem Schoß liegen konnte. Hie und da streichelte sie sein Köpfchen, wohl zur Beruhigung. Aber das Tier machte keinen nervösen Eindruck.

Sie zog einen Notizblock aus ihrem Rucksack und begann zu schreiben. Sie hielt den Block schwebend über dem Hund. Dann holte sie ihr Handy aus dem Rucksack, wischte ein wenig und schrieb wieder. Das wiedererholte sie einige Male. Zwischendurch streichelte sie ihren Hund.

Sie trug einen schwarzen Rock und eine rote Bluse. Diese rote stechende Farbe tragen zu Zeit viele Frauen, als Jacke, als Bluse, als Kleid und auch als Kostüm. Zählt man die Moderatorinnen im Fernsehen, die rot tragen, dann kommt man täglich auf einige Frauen. Sogar Frau Merkel zieht eine rote Kostümjacke an, obwohl ihr die  zartblauen oder grünen viel besser stehen. Dass die neuen Vorsitzenden der SPD rot tragen, verwundert nicht. Aber vor der roten Wand im Willy Brand Haus ein Hosenanzug und eine Jacke in rot - das war doch ein bisschen viel.

Die zierliche Hundebesitzerin trug eine hübsche Kurzfrisur, deren Löckchen sich über der Stirn und im Nacken kräuselten. Sie wäre längst nicht so attraktiv, wenn sie, wie viele Frauen im Moment, den kleinen Haarhaufen auf dem Kopf trügen. Ob echt, ob künstlich, es ist wirklich erstaunlich, wie viele Frauen diese Frisur tragen. Hübsch ist sie beileibe nicht, zumal jeder markante Hinterkopf unter der straff nach oben gezogenen Haarpracht verschwindet.

Sie fuhr bis zur Prenzlauer Allee. Elegant schlüpfte sie in die Träger ihres Rucksacks, wieder ohne den Hund aus dem Arm zu lassen. Sie stieg aus, freihändig und anmutig. Schnell und sportlich lief sie auf dem Bahnsteig entlang, bis sie, ihren  goldfarbenen Hund fest im Arm, in der Menschenmenge verschwand.

 

 

6.6.19 10:24, kommentieren

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Liebliches Land

Liebliches Land

Ein Flecken auf der Landkarte

 

Thüringen ist ein liebliches Land mit berühmten und schönen Orten. Die Menschen kennen Weimar, Jena, Erfurt und Gotha. Aber nur wenige kennen den Ort, um den es hier geht. Dabei hat er immerhin ca. 1500 Einwohner, eine kleine alte Kirche, einen gelben Turm und ein Bürgerhaus.

Wir haben den Flecken kennen gelernt. Ein fünftägiger Aufenthalt in der einzigen Pension des Ortes hat uns Gelegenheit gegeben, Eindrücke zu sammeln, die nichts Spektakuläres hatten, die aber die Atmosphäre kennzeichneten.

Wir folgten südlich von Erfurt der Autobahn 4 in Richtung Frankfurt am Main. Mit der Abzweigung Neudietendorf verließen wir sie und stießen links in eine Landstraße, die zu dem gesuchten Ort führen sollte.

Unser blauer Leihwagen rollte durch den Ortseingang. Es herrschte Ruhe, nur die Hunde bellten laut und ausdauernd. Es fehlte ihnen wohl die Erfahrung mit fremden Autos. Kein Mensch ließ sich blicken, es fuhr kein Auto auf der Straße. Vereinzelt parkten Wagen auf den Bürgersteigen.

Unser Ziel war die Pension, die uns von der Erfurter Tourismus Gesellschaft zugewiesen wurde. Wir fuhren an kleinen eng beieinander liegenden Häusern vorbei. Sie waren sich sehr ähnlich in ihrer niedrigen zweistöckigen Struktur. Kein Vorgarten mit Blumen und Büschen zierte ihre Vorderfront. Mit frisch aufgetragenen zart grünen und gelben Farben sahen sie aus wie eine Kulisse, die für eine Theateraufführung errichtet wurde. Nur wenige waren nicht renoviert.

Die Pension lag in der Hauptstraße. Wir erreichten sie ohne Schwierigkeiten und suchten nun nach jemandem, der uns die Zimmer zuweisen würde. Ein Schild klärte uns darüber auf, dass diese Person im schräg gegenüberliegenden Haus zu finden sei.

Man müsse nur klingeln.

Nach Befolgen dieser Anweisung, wieder bellte ein Hund fürchterlich, eilte eine geschäftige junge Frau herbei. Ihre etwas zerzauste Frisur ließ vermuten, dass wir sie aus einer wichtigen Tätigkeit herausgerissen hatten. Sie erzählte uns von einem dreizehn Monate alten Baby.

Sie wies uns in die Zimmer ein und berichtete von zwei weiteren Mietern, zwei russischen Arbeitern, die ganz ruhig seien und morgens früh zur Arbeit führen. Weitere Gäste wären nicht zu erwarten.

Auf unsere Frage, ob man im Ort einen Kaffee trinken und etwas essen könnte, empfahl sie uns das Bürgerhaus des  Ortes.

Frohgemut machten wir uns auf den Weg. Das empfohlene Bürgerhaus hatte nur verschlossene Türen. Als wir vor der dritten standen, öffnete uns unvermittelt eine freundliche Frau. Sie wies uns erstaunt darauf hin, dass eben an diesem Tag Ruhetag sei. Sie wedelte bedauernd mit gelben Gummihandschuhen. Offenbar hatten wir sie beim Putzen unterbrochen. Und im Nachbarort, in Neudietendorf, gäbe es nur die Linde und die hätte auch Ruhetag.

Unsere Mägen verkrampften sich. Sollten wir heute etwa ohne Abendessen in unsere Pensionsbetten sinken? Die Frau erkannte unsere Zwangslage. Sie könne uns etwas zu essen machen. Ob es uns um 18.00 Uhr recht sei?

Etwas frustriert, wir sehnten uns nach einem Kaffee, wanderten wir weiter durch die menschenleeren Straßen. Wir bewunderten die alte Kirche und das Rathaus des Ortes, ein schönes Fachwerkhaus. Wir gingen an dem kleinen Fluss entlang und genossen den Blick über die üppigen Wiesen.

Dann suchten wir einen Laden. Wir wollten eine Flasche Wein für den Abend in unserem Pensionszimmer erstehen. Aber hier schien man kein abendliches Leben zu pflegen, in Kneipen, in denen man noch einen Schoppen trinken könnte.

Wen konnte man nach einem Laden fragen? Es liefen kaum Leute durch die Straßen.

Ein junger Mann, schlank und hoch aufgeschossen, sollte unser Opfer werden. Er kam auf uns zu, zwei prall gefüllte weiße Plastiktüten in den Händen.

„Wo haben Sie eingekauft?“

Unsere unverfrorene Frage brachte ihn so aus der Fassung, dass er wie angewurzelt stehen blieb und stammelte:

„Die Tüten sind eigentlich von meinen Eltern...“

Nachdem er sich wieder gefasst hatte, bestätigte er unsere Vermutung. Es gab keinen Laden, in dem man die Dinge des täglichen Lebens kaufen konnte.

Allerdings entdeckten wir zwei Blumenläden. Was fängt so ein kleiner Ort mit zwei Blumenläden an? Zu unserem Glück gab es in einem von ihnen fünf Flaschen Rotwein. Die Besitzerin hatte wohl die Erfahrung gemacht, dass hie und da Bedarf an diesem Stoff bestand.

Wir fielen auf. Dass zwei ältere grauhaarige Frauen durch den Ort wandelten, war nicht alltäglich. Fünf Jugendliche umstrichen uns mit ihren Fahrrädern. Und wenn wir Einwohnern begegneten, wurden wir mit prüfend neugierigem Blick begrüßt. Wir waren vermutlich die Attraktion der Woche. Die örtliche Pension hatte neue interessante Gäste. Normalerweise beherbergte sie kräftige Arbeiter, die hier nur nächtigten und tagsüber ihrer Arbeit nachgingen.

Nach drei Tagen ruhigen Aufenthaltes wurden wir nachdrücklich mit dieser Spezies konfrontiert. Vier stramme Polen mieteten sich in unserer Pension ein. Sie tranken Wodka und rauchten durchdringend, verhielten sich aber in unserer Gegenwart höflich und bescheiden. Mit zwei Russen und vier Polen wurde unsere Bleibe zum multikulturellen Treffpunkt östlicher Prägung.

Es war behaglich, auch wenn der Pensionswirt eines Abends ohne Scheu in unserer Zimmer stürzte. Er wusste nichts von zwei älteren Damen in seiner Pension.

Auch dass die Autohupe der polnischen Einmieter morgens um 5.00 Uhr den ganzen Ort weckte, konnten wir ertragen.

Wir werden diesen kleinen gemütlichen Ort nie vergessen. Seine Eigentümlichkeit liegt in seiner Normalität, in seiner Beschaulichkeit und Ruhe. Jedes Ereignis wird bedeutsam.

Es gibt sicher viele solcher Orte in Deutschland. Aber wir waren hier und von hier aus führt die Autobahn 4 überall hin: nach Erfurt, Gotha, Weimar und Jena.

1.5.19 10:01, kommentieren