Eidinger oder Hamlet, das ist hier die Frage

Eidinger oder Hamlet, das ist hier die Frage

 

Es geschieht während einer Aufführung des „Hamlet“ in der Schaubühne. Eine  Zuschauerin unterbricht die Leibesübungen Eidingers und ruft „Angeber.“ Verwirrt setzt er sich auf, umgeben von matschiger Erde. Es entwickelt sich ein Sprachgeplänkel, das ohne Ziel ist. Die Zuschauerin sagt mehrfach: „Ist gut, mach weiter“, und Eidinger versucht mühsam, wieder in den Verlauf des Theaterstücks zu kommen.

War das inszeniert oder hatte die Zuschauerin wirklich genug von Eidingers Selbstdarstellung? Er liebt es, das Publikum  einzubeziehen, häufig recht herablassend. Deshalb könnte die Szene vorbereitet sein. Aber wer weiß das schon?

Jedenfalls geht das Stück weiter und jetzt schiebt sich Eidinger als ein verfetteter Hamlet über die Bühne. Schlaff schleicht er sich vorwärts und greift sich bei jeder Gelegenheit zwischen die Beine, als wolle er sich immer vergewissern, dass noch alles da ist. Diese Geste ist sehr beliebt bei den Akteuren. Immer packen sie sich ins Gemächte. Aber das gehört wahrscheinlich zu den Eigenarten der Theateraufführungen zu Shakespears Zeiten. Damals war das Publikum nicht so prüde und es liebte die drastischen Gesten und Dialoge.

Eidinger spielt den Hamlet mit großem Körpereinsatz und zeitweise vulgär. Auch hier lässt sich vermuten, dass er mit seiner Interpretation den Intentionen Shakespeares näher kommt.  Er ist verwirrt, er schreit, er tobt und er tötet. Außerdem macht er das Stück zu einem Leistungsshow seiner selbst. Er zeigt dem Publikum seine gekonnten Purzelbäume, überhaupt seine blendende Körperbeherrschung. Wie schlank er tatsächlich ist, beweist er in einer Szene, in der er sich und seinen Mitspieler auszieht, zum Glück bleibt die schwarze Unterhose da, wo sie hingehört. Überhaupt muss der Zuschauer wohlwollend feststellen, dass es in diesem Stück keine Nackten gibt.

Es gibt Sand, ganz viel Sand, der während des gesamten Stückes auf der Bühne liegen bleibt. Er ist der Friedhof für Hamlets Vater und Ophelia liegt schließlich auch dort. Der Sand wird gegessen, in die Männerunterhosen gesteckt und geworfen. Vor allem wird er genässt, durch einen Wasserschlauch, der bei jeder Gelegenheit benutzt wird. Er wird meist als Penisersatz an die betreffend Stelle gehalten. Allerdings zielt er auch einmal ins Publikum.

Nach zweieinhalb Stunden sind alle Akteure tot. Es wird es dunkel auf der Bühne und Hamlet/Edinger spricht den Satz: „Der Rest ist Stille.“

Vielleicht hätten einige erschöpfte Zuschauer gesagt: „Der Rest ist Schweigen“. Aber Eidingers Hamlet wurde durch den rauschenden Beifall des Publikums belohnt. Das Publikum heute und das Publikum des 17. Jahrhunderts sind wohl gleichermaßen entzückt von Mord, Matsch und Sex.

3.2.19 11:36, kommentieren

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Übersiedlung

Übersiedlung

Sie saß mit ihrer Mutter im Zug. Sonst saß niemand auf den harten Holzbänken. Sie waren allein in dem großen Waggon. Es war kalt. Im Februar ist es nun mal kalt, ob im Osten oder Westen. Ihre lila Wollmütze, die hinten eine Öffnung für ihren langen Pferdeschwanz ließ, wärmte ihre Ohren, aber ihre Hände waren eiskalt. Sie schob sie auf den Schoß ihrer Mutter, stieß dort aber auch auf kalte Hände.

Zwischen den Beinen, unter ihrem weiten Poncho, verbarg sie ihre Geige. Die durften die Kontrolleure aus dem Osten nicht entdecken. Denn wer fuhr schon eine Geige durch die Gegend, ohne dass er für längere Zeit wegwollte.

Aber der Mann von der NVA interessierte sich nur für ihre Ausweise und für die Fahrkarte. Sehr unfreundlich war er, eher belästigt. Wegen zweier Fahrgäste musste er kontrollieren.

Wieso saß sie plötzlich in einem Zug nach Berlin, nach Charlottenburg, wo ihre Großmutter lebte. Bislang lebte sie in einer Kleinstadt, ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. Sie las die vielen Bücher ihrer Eltern. Tolstoi, Dickens und Goethe, sie las alles, was in den Regalen stand.

Jetzt hatte sie richtig Angst. Angst vor dem Neuen, das auf sie zukommen sollte.

„Ich möchte wieder nach Hause“, sie legte ihren Kopf auf die Schulter ihrer Mutter.

Die Mutter legte den Arm um ihre Schulter.

„Klar, ich verstehe das, aber du wirst sehen, es wird alles gut.“

 Es hatte damit angefangen, dass ein Freund ihres Bruders zu Besuch kam. Sie hatte ihn auf einer Fahrradtour im Westen kennen gelernt. Damals hatte er sie geküsst. So richtig hatte ihr das nicht gefallen. Und jetzt wollte er sie heiraten. Er war schon sechsundzwanzig Jahre alt und hatte wohl Frauenhunger. Das dachte sie aber nur für sich. Was sie unter „Frauenhunger“ verstand, sagte sie niemandem. Aber sie wusste, dass Männer Frauen brauchen. Wofür, wusste sie nicht genau, aber sie ahnte es.

„Ich möchte Sie heiraten“, schrieb er an ihre Eltern und sie amüsierten sich über seinen Rechtschreibfehler. Er hatte das „sie“ großgeschrieben.

Sollte sie so bald heiraten? Sie war doch erst siebzehn Jahre alt. Aber es war eine Möglichkeit, in den Westen zu kommen. Ihre beiden älteren Geschwister waren auch schon drüben. Mit dem Heiraten musste es nicht so eilig sein.

Es brach das große Planungschaos aus.

Natürlich musste alles über Westberlin gehen. Sie könnte erst einmal bei ihrer Großmutter leben und von dort aus nach Stuttgart fliegen. Dort wohnten seine Eltern und dort sollte sie vorläufig wohnen. Sie sollte dann auf die Kirchenmusikschule in Esslingen gehen. Provisorischer Pass, Geld, Flugzeug, alles war neu. Alles glitt an ihr vorbei. Sie wurde überhaupt nicht gefragt.

Sie saß erschöpft auf der harten Holzbank und weinte. Sie weinte, weil sie Abschied nehmen musste von ihrer besten Freundin, von der Ruhe des langweiligen Alltags, von der Sicherheit einer geschlossenen Welt.

Als sie in Charlottenburg ankamen, stand ihre Großmutter auf dem Bahnsteig. Sie nahm ein Taschentuch, trocknete ihre Tränen und schloss sie ganz fest in die Arme.

„Morgen bekommst du dein Lieblingsessen - Fischfilet, Kartoffelbrei und Gurkensalat, zum Nachtisch Obstsalat.“

In Berlin musste sie von Amt zu Amt laufen und sich die Unterlagen für eine Übersiedlung in den Westen holen. Sie füllte Formulare aus und lernte mühsam die Selbstständigkeit, die sie in Zukunft brauchen würde. Ihre Mutter war klug beraten. Sie ließ sie alle diese Hürden allein nehmen. Völlig erschöpft stand sie nach einigen Tagen auf dem Flughafen. Sie sollte nach Stuttgart fliegen, zu der Familie, bei der sie wohnen sollte. Jetzt weinte die Mutter. Das war ihr drittes Kind, das sie in den Westen abgab.

Sie fühlte sich unsäglich einsam und allein. Musste das alles sein? Ein neues Land, eine neue Stadt, eine neue Familie und was sie besonders beunruhigte, ein junger Mann. Was erwartete er von ihr?

Der junge Mann stand am Flughafen. Heftig schloss er sie in seine Arme.

Dann fuhren sie mit der Straßenbahn zu seinen Eltern. Der Vater war nett und fürsorglich, aber die Mutter sah sie mit ihren grauen Augen kritisch an.

Aber es gab ein leckeres Essen, das sie nicht kannte. Nudelauflauf mit Schinken und Feldsalat. Zu Hause gab es nur grünen Salat aus dem Garten. Aber die kleinen grünen Blättchen mit der süßen Salatsoße schmeckten auch sehr gut.

Sie fühlte sich jetzt besser, aber der junge Mann sah sie so sehnsüchtig an. Jetzt dachte sie wieder an den Frauenhunger, den Männer haben konnten. Sie hatte es in Anna Karenina und auch in Bel Ami von Maupassant gelesen.

 

 

 

 

4.1.19 16:45, kommentieren