Ein Aufbruch

Ein Aufbruch

 

Sie saßen am Frühstückstisch. Er las die Tageszeitung. Sie rührte in ihrem Kaffee. Es war still. Nur die Spatzen draußen krakeelten. Sie räusperte sich.

„Is was?“, fragte er hinter seiner Zeitung.  Sie antwortete nicht.

Sie hasste dieses „Is was?“. Es klang so vulgär und rüpelhaft – schlechtes Deutsch. Wenn er wenigstens „ist etwas?“ sagen würde, aber da war er doch zu bequem,

Warum fragte er überhaupt? Immerhin saßen sie gemeinsam am Frühstückstisch. Es wäre möglich, sich zu unterhalten. Vielleicht über Politik oder über das Wetter? Oder über den Jüngsten, der schon wieder eine Ehe in den Sand gesetzt hatte. Oder über die Enkelkinder? Sie unterhielten sich schon lange nicht mehr. Nicht beim Frühstück und auch sonst nicht.

Er hing hinter der Zeitung, als müsse er sich vor etwas schützen. Registrierte er  Ihr vorwurfsvolles Schweigen? Sie sah nur seine rechte Hand. Er hielt die Zeitung mit dem Daumen, dem Zeigefinger und dem Mittelfinger. Die zwei anderen Finger spreizte er ab. Er hatte lange Finger und gut gepflegte Nägel. Sonst war es mit seiner Pflege nicht so weit her.

Früher war er schlanker und sportlicher. Er war nicht so kahl auf dem Kopf.  Wenn er nur freundlicher wäre. Ein netter Blick am Morgen vielleicht.

Sie frühstückten immer hier, an dem großen Tisch in der Küche. Früher saßen sie über Eck. Aber seit einiger Zeit saß er oben und sie, weit entfernt, am unteren  Ende.

Sie kannte jede Ecke, jeden Fleck, jede Ritze in dieser Küche. Hier könnte sie blind kochen, putzen und abwaschen.

Ihre Blicke blieben an den dem großen Kühlschrank hängen. Der musste mal wieder mit Essigwasser ausgewaschen werden. An der Kühlschranktür hingen Kinderbilder, kraklig und unbeholfen.

An der Küchentür waren Buchstaben aufgeklebt. Die ersten Leseversuche ihrer Enkelkinder. Wie sie sich gefreut hatte, als die kleine Emma das große F erkannte.

In dieser Küche kochte sie seit dreißig Jahren. Sie hätte gern eine neue gehabt. Aber er war dagegen. „Sie tuts doch noch“, war der Satz, den er immer wieder sagte. Auch als sie um eine Spülmaschine bat, war seine Reaktion: „ Für zwei Personen eine Spülmaschine? Das ist Energieverschwendung. Wozu hat man zwei gesunde Hände.“

Er meinte natürlich ihre Hände.

„Aber wenn Gäste kommen. Dann wäre es doch praktisch.“

„Gäste, welche Gäste? Nicht  mal die Kinder kommen.“

 „Weil du sie mit deiner Besserwisserei vergrault hast.“ Das sagte sie besser nicht laut.

Und ein Wäschetrockner?

„Du kannst die Wäsche auf den Balkon hängen.“

„Unterhosen gehören nicht an die Öffentlichkeit, auch deine nicht“, wagte sie zu sagen.

„Dann hänge sie irgendwo hin. Du wirst schon eine Lösung finden.“

Immer musste sie Lösungen finden. Sie rührte in ihrem Kaffee und träumte.

In ihrem eigenen Bad würde ein Wäschetrockner stehen und in ihrer kleinen Küche eine Spülmaschine.

Hier würde sie sich feine Gemüseessen bereiten, nicht immer Fleisch. Auf dem kleinen Balkon würde sie Kräuter pflanzen, von allen Sorten. In die Kästen kämen keine stinkigen Geranien, sondern zarte Petunien, Stiefmütterchen oder Buschröschen. Eine Tomate mit kleinen Früchten und winzige Paprika würde sie pflanzen.

Sie träumte von einem Wohnzimmer mit eigenen Möbeln und einer Schlafcouch für Gäste, und in das Schlafzimmer käme ein großes französisches Bett.

Für einen Moment wich ihre drückende Unzufriedenheit. Sie wollte sich jeden Morgen auf den Tag freuen dürfen, das Wetter begrüßen, ob Sonne oder Regen. Sie wollte laufen und das Grüne der Welt umarmen.

Der Gedanke an eine eigene Freiheit machte sie ganz kribblig. Sie fuhr sich durch die kurzen grauen Haare und trommelte mit den Fingern auf den Tisch.

„Was is?“ Er sah wieder über den Rand der Zeitung.

„Nichts, nichts, ich denke nur nach.“

Er schüttelte seinen kurzgeschorenen Kopf und widmete sich wieder der Zeitung.

Sie könnte ins Kino, ins Theater gehen, ohne zu fragen oder ohne seine Kommentare zu ihren Plänen anhören zu müssen.

„Was willst du denn mit Brecht? Willst du dir wieder den Schniedelwutz von Herrn Eidinger ansehen? Du hast es wohl nötig“, würde er sagen.

Sie träumte. Aber etwas störte sie plötzlich.

„Hallo, Schlafmütze. Es hat geklingelt“, hörte sie, noch ganz versunken.

Langsam tauchte sie aus ihrem Tagtraum auf.

„Mach auf, es hat geklingelt. Es wird die Post sein.“

Was wollte er von ihr?

Da überkam sie ein Gefühl, wie sie es nie verspürt hatte. Es schlich sich über ihren Rücken bis zu ihrem Kopf. Hier explodierte es.

„Verflucht noch mal, dann mach du doch auf. Kannst du nicht laufen?“

Sprachlos sah er sie an. Er schmiss die Zeitung auf die Butter und ging zur Haustür. Dann verschwand er in seinem Zimmer.

Sie holte tief Luft.

„Jetzt!“, flüsterte sie, nahm die Zeitung von der Butter, legte sie auf seinen Stuhl und verließ mit schnellen Schritten die Küche.

Im Schlafzimmer wechselte sie hastig ihre Kleidung. Sie hatte wie immer im Morgenrock gefrühstückt. Dann zog sie einen großen Koffer unter ihrem Bett hervor. Leise öffnete sie die Schlafzimmertür und rollte ihn vorsichtig den langen Flur entlang. Aber er hörte es.

„Is was? Hast du dich wieder beruhigt?“, tönte es aus seinem Arbeitszimmer. Er öffnete die Tür.

„Ja, es ist etwas“, sie zögerte, „ich gehe.“

„Wieso das denn?“

„Du hörst von mir“, sie zog ihren Koffer durch die Wohnungstür und sah nicht mehr zurück.

 

16.10.19 10:17, kommentieren

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Besuch

Besuch

 

Sie sind so richtig dick. Wie sagt man so schön? Adipös. Sie füllen das Wohnzimmer in unserem Ferienhaus. Im Schnitt 600 bis 700 Kilo stehen  auf der kleinen Fläche des Fliesenbodens zwischen Sofa und Kaffetisch. Zum Glück haben sie den Hund nicht mitgebracht. Der würde sich wahrscheinlich wieder unter den Kaffeetsch verkriechen und still vor sich hin furzen. Das haben wir erlebt. Es stinkt fürchterlich.

Das Familienoberhaupt steht breitbeinig etwas weiter vorn. Seine drei Frauen, Ehefrau und Töchter, drapieren sich hinter ihm. Etwas schüchtern hält sich ein junger Mann seitlich dieser ausladenden Familienmitglieder. Er ist offenbar der Freund der jüngeren Tochter. Er ist auch schon leicht verfettet. Seine Kappe, die er natürlich aufbehält, bedeckt seine Haare und der Schirm ist hochgeklappt. Die Stirn ist frei, was etwas dümmlich wirkt..

Die Familie macht regelmäßig einen Pflichtbesuch mit oder ohne Freund, wenn wir Ferien in unserem Häuschen machen. Man muss sich ja schließlich um die alten Schwiegereltern kümmern, zumal sie etwas zu vererben haben.

Sie stellen den mitgebrachten Kuchen auf den Tisch und setzen sich. Es gibt Buttercremetorte, schokoladige Sachertorte, zum Glück auch eine kleine aufgetaute Obsttorte.

„Wir wissen ja, dass du sonst keinen anderen Kuchen magst“, rücksichtsvoll schiebt die Schwiegertochter die Obsttorte in meine Richtung.

Der Kaffee wird eingegossen und die Gespräche beginnen. Das heißt, der Schwiegersohn beginnt zu schwätzen und hört nicht wieder auf. Mit hoher Fistelstimm schimft er auf die unfähigen Ärzte, es geht um Blutdruck und Diabetes, nicht zu vergessen um die Elektroschränke, die bis Moskau geliefert werden müssen. Zur Selbstbestätigung gibt er immer mal einen keligen Lut von sich, der sich von tiefen zu hohen Tönen aufschwingt. Die Ehefrau schweigt weitgehend. Ihre Arme sind über der Brust verschränkt. Sie kennt ihren Mann und lässt ihn reden.

Keine Frage wird gestellt zu dem Befinden der Gastgeber, ihre Interessen oder gar ihre Tätigkeiten.

Mir wird das Geschwafel des Schwiegersohns zu viel.

Ich wende mich an den jungen Mann, der bisher kein Wort verloren hat. Er rollt nur hie und da die Augen.

„Ws machen Sie denn beruflich?“Ehe er antworten kann, fährt ihm der Herr der Familie dazwischen und will die Frage beantworten. Da platzt mir der Kragen.

„Du hältst jetzt deinen Mund und lässt ihn antworten.“

Und siehe da, das Großmaul kuscht, flüstert zwar dazwischen, gibt aber einigermaßen Ruhe. Das ist aber nur eine kleine Erholung. Er beherrscht bald wieder das Feld und zwischendurch greift er zu einem Stück Buttercremetorte.

Die Töchter und der schüchterne junge Mann ziehen sich immer mal auf die Terrasse zum Rauchen zurück. Ich nutze die Gelegenheit und stelle mich zu ihnen. Da kann ich endlich erfahren, was die jungen Leute wirklich beschäftigt. Dann stellt sich ihre Mutter dazu und kommt auch endlich zu Wort. Das Treffen auf der Terrasse hat zur Folge, dass der Gastgeber mit dem Schwätzer allein bleibt. Das hat ihm nicht gefallen und er hat seiner Empörung Ausdruck gegeben.

Nach drei Stunden verlässt uns die Familie. Wir winken ihnen hinterher und wundern uns, wie langsam so viele Kilos die Treppe hinunterschleichen.

10.8.19 12:01, kommentieren