Anbaden

Anbaden

Der See war noch verschlafen. An seinem Rand schaukelten kleine schaumige Pflanzen. Das Wasser war grünlich trüb. Kleine weiße Blütenreste bedeckten seine ruhige Oberfläche.

Lud dieser See zum Schwimmen ein? Wenn man den einschlägigen Untersuchungen glauben soll, dann sind Berlins Seen sauber.

Ich erinnerte mich an das Chlor, das mich in den Wintermonaten bei meinen Schwimmterminen im Hallenbad begleitete. Noch Stunden hatte ich den Geruch auf der Haut und in der Nase. Der Badeanzug roch noch nach der zweiten Wäsche nach Chlor. Da war doch ein bisschen trübe Natur eine Alternative.

Vorsichtig stieg ich die rutschige Treppe hinunter, Stufe für Stufe. Ich wollte nicht ins Wasser fallen. Unten angekommen, trafen meine Füße auf sandigen Matsch. Ich überwand Trübung und Kälte und schwamm los. Das Wasser war frisch. 20 Grad sollten es sein, so wurde gesagt., Nach einigen kräftigen Schwimmzügen glaubte ich die 20 Grad. Ein tiefes Wohlgefühl überkam mich. Ich drehte mich auf den Rücken und sah in den blauen Himmel. Die Sonne schien und die Bäume bewegten sich in dem kräftigen Ostwind.

Ich eroberte den See. Außer mir war nur noch eine ältere Frau im Wasser. Wir beide waren wahrscheinlich die ersten Badegäste in diesem See.

Das erste Mal in diesem Jahr schwamm ich ohne ein Dach über dem Kopf, ohne Kampfschwimmer, die meinten jetzt und im Moment Weltmeister zu werden. Der See gehörte mir.

Ich blieb im Wasser, bis meine Fingerspitzen weiß wurden. Dann stieg ich die rutschige Treppe wieder hinauf, wickelte mich in mein Badetuch und ließ meinen Blick wandern. Ich sah die lebendigen Bäume, das Wasser, das jetzt etwas bewegter war. Immerhin hatten zwei Frauen darin geschwommen. Frauen pflegen oft etwas in Bewegung zu setzen.

Ich hatte es geschafft. Meine persönliche Badesaison hatte begonnen.

 

 

 

 

17.5.18 17:08, kommentieren

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Die Sache mit dem Briefkasten

Die Sache mit dem Briefkasten

Es werden Autos und Fahrräder gestohlen. Supermärkte rechnen mit Verlusten, die durch Diebstähle entstehen. Geldautomaten werden gesprengt und geleert.

Auch der normale Bürger, ob groß oder klein, nimmt sich häufig etwas, was nicht für ihn gedacht ist. Da ist der Enkel, der die Kekse der Großmutter aus der Dose nimmt. Da geht der Sohn an den Geldbeutel der Mutter und der Vater vergisst seine Steuern zu bezahlen. Gehört das auch zum Stehlen, wie man es auch immer nennen will?

Meist haben diese menschlichen Verhaltensweisen einen Grund. Die Menschen gewinnen etwas, das ihren Alltag verschönt. Der Autodieb kann das Auto gut verkaufen, der Automatenknacker braucht einige Jahre nicht zu arbeiten, wenn seine Aktion ergiebig war. Dem Enkel schmecken die Plätzchen so gut, Das Geld aus dem Geldbeutel der Mutter ermöglicht den nächsten Discobesuch. Der Vater ist zufrieden, wenn ihm keine Steuern abgezogen werden. Sein Konto bleibt stabil.

Aber der Diebstahl, den ich neulich entdeckt habe, lässt sich so nicht erklären. Ich komme aus dem Urlaub und betrete den Eingangsbereich meines Hauses. Ich will den Briefkasten öffnen, um die Tageszeitung heraus zu holen. Aber irgendetwas stimmt nicht in der Front der fünf Briefkästen. Da fehlt doch einer. Und richtig, der vorletzte, der vierte Kasten ist nicht mehr da. Nur noch fünf etwas rostige kleine Löcher und die Lücke, weißgrau tapeziert und verschmutzt, starren mich an.

Warum wurde dieser Briefkasten entfernt? Wollte der Besitzer einen neuen installieren? Hat er vielleicht einen Wutanfall bekommen und ihn aus der Wand gerissen?

Alle diese Spekulationen stellen sich als falsch heraus. So wie es aussieht, wurde der Kasten gestohlen. Zum Glück enthielt er nicht Wichtiges.

Und da komme ich zu meinen obigen Überlegungen zurück. Welchen Lustgewinn hat der Dieb durch den Diebstahl dieses alten klapprigen Briefkastens? Vielleicht sammelt er Briekästen und brauchte noch einen dieser Art? Er hat sicher schon rote, grüne und schwarze in seiner Sammlung.

Oder es war ein Racheakt? Wollte der Dieb an Briefe gelangen, die für ihn wichtig waren? Hatte er sich vielleicht auf eine Wette eingelassen? „Wer stiehlt den ältesten Briefkasten?“

Ich werde es nie erfahren. Aber ich frage mich, wo der Kasten letztlich gelandet ist. Wahrscheinlich auf dem Müll. Und wenn ein neuer Briefkasten installiert wird, dann passt er nicht zu den anderen alten grauen Briefkästen.

10.4.18 16:19, kommentieren