Heute schon getropft?

Heute schon getropft?

Ich betrete um 10 Uhr die weiträumige Praxis. Mein treuer Begleiter, mein Mann, setzt sich und ich stelle mich an. Vor dem Tresen, an dem man sich anmelden soll, stehen etwa fünf Leute, die wie ich neue Augen, das heißt, neue Linsen bekommen sollen. Sie leiden alle an grauem Star, so vermute ich jedenfalls.

„Heute schon getropft?“, fragt die Dame jeden Patienten, der sich dem Tresen nähert. Noch zu Hause sollte man in regelmäßigen Abständen linsenerweiternde Tropfen in die Augen träufeln.

Meine Augen sollen in einem Abstand von zwei Wochen operiert werden. Heute ist mein linkes Auge dran. Aber ehe ich zu dem Eingriff zugelassen werde, muss ich bezahlen. Das ist eigentlich nicht üblich. Normalerweise bekomme ich Rechnungen zugeschickt und begleiche sie dann.

„Frau Doktor operiert niemanden, der nicht bezahlt hat“, höre ich und zücke meine EC Karte. Aber das Gerät meldet immer wieder „Zahlung kann nicht erfolgen.“ Mein Banklimit ist nicht so hoch, dass ich die geforderte Summe überweisen kann. Ich kann nicht bezahlen.

„Ich laufe auf die Bank und erhöhe mein Banklimit. Dann kann ich bezahlen.“ Mein Mann verlässt schnellen Schrittes die Praxis. Nach etwa einer Viertelstunde kommt er unverrichteter Dinge zurück.

„Ich habe meinen Personalausweis nicht dabei.“

Jetzt sind wir ratlos. Die Dame hinter dem Tresen wartet.

Da ich meinen Personalausweis immer dabei habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als mit erweiterten Pupillen auf die Bank zu eilen und mein Banklimit zu erhöhen.

Dann klappt es endlich und ich werde in das pompöse Wartezimmer geschickt. Hier sitze ich etwa zwei Stunden und warte. In regelmäßigen Abständen kommen Patienten aus dem im Hintergrund gelegenen Operationsbereich, noch etwas wacklig durch die Narkose, mit einem Verband über dem operierten Auge. Sie bekommen eine Tablette, Wasser und nach Wunsch einen Kaffee. Ein smarter bärtiger Mann sorgt für das Wohl der Betroffenen.

Dann endlich, um 12 Uhr, werde ich in einen kleinen Raum gebeten. Ich werde in grünes dünnes Plastik gekleidet, vom Kopf bis zu den Füßen. Ich warte wieder eine Weile, bis eine ältere Frau in den Raum geführt wird, noch sehr benommen. Ich werde einen Stuhl weiter gesetzt und warte wieder. Dann endlich werde ich in die heiligen Räume gebeten. Eine bequeme Liege wartet auf mich.

Die junge Frau, die meinen Blutdruck misst und mir einen Port setzt, ist kaum fertig, als ich schon wieder aufwache und es ist alles vorbei. Ein Auge ist verbunden und ich bekomme eine Tablette und einen Cappuccino.

Nachdem auch das rechte Auge mit einer neuen Linse ausgestattet ist, sehe ich klarer. Die Farben sind deutlicher, die Konturen der Gegenstände schärfer. Die Welt ist etwas schöner, wenn auch sicher nicht besser.

7.11.17 17:30

Letzte Einträge: Schwafler, Güsten, Lunchkonzert, Orgeldienste, Übersiedlung

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Maria (8.11.17 00:21)
Liebe Grüsse aus Holland!

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