Nur ein kleines Lächeln

Nur ein kleines Lächeln

Sie saß in der vollen U-Bahn, eng gedrückt in einer Ecke. Ihre schwere Schultasche hielt sie auf dem Schoß fest. Neben ihr saß ein breiter Mann, der seinen rechten Arm immer wieder in ihre Richtung schob und sie noch mehr in die Ecke klebte.

Er wischte mit seinen dicken Daumen auf seinem Handy hin und her, als gäbe es Feueralarm und er müsste Hilfe holen. Fast alle Leute, die mit ihr in der Bahn saßen, wischten auf ihren Displays herum. Eigentlich müssten die längst verschwunden sein bei so viel Reibung.

Eine dicke Frau, deren Baskenmütze tief über ihren Augenbrauen hing, wischte ganz langsam. Offenbar war sie noch nicht geübt. Außerdem passten ihre dicken Finger nicht auf die Tasten. Die Finger der anderen Leute flitzten hin und her. Wie viele Finger es wohl in dieser U-Bahn gab, die flitzten?

Der Zug hielt am Alexanderplatz. Ein großer dünner Mann stieg ein. Er hatte lange dunkle Locken, die unter der Schirmmütze auf seine Schultern fielen. Er hatte freundliche Augen. Ihr fiel seine lange spitze Nase auf. Sie ragte zwischen zwei hageren Backen hervor. Sein Jeansanzug hätte eine Wäsche nötig gehabt.

Er trug einen Packen Zeitungen unter dem Arm. Sie kannte die Zeitung. Es war die Motz, die Obdachlosenzeitung.

Der Mann lief zwischen den Sitzen hin und her. Immer mal blieb er stehen und sah auf die wischenden Fahrgäste.

„Ich will Ihnen nichts verkaufen. Ich möchte Sie nur um eins bitten“, sagte er vergnügt und lächelte. Niemand achtete auf ihn. Alle Augen hingen auf ihren Displays.

„Ich möchte nur ein kleines Lächeln von Ihnen“, er sah auf die gesenkten Köpfe.

Niemand lächelte. Auch der breite Mann neben ihr dachte nicht daran.

Das konnte doch nicht wahr sein. Ein Lächeln kostet doch nichts. Sie kramte in ihrer Schultasche und förderte einen Euro zutage.

Sie legte ihn flach auf ihre Hand und schob sie in seine Richtung. Sie sah ihn an.

„Mehr habe ich nicht“, und sie lächelte.

„Das macht nichts - Hauptsache, du hast gelächelt.“ Der Mann nahm den Euro und drückte ihr eine Motz in die Hand.

„Vielen Dank, kleine Dame.“

21.1.18 17:15

Letzte Einträge: Schwafler, Güsten, Lunchkonzert, Orgeldienste, Übersiedlung

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Alix (1.2.18 19:58)
liebe Bärbel, die Geschichte gefällt mir! So viel los in der Hauptstadt, wenn man guckt!
Alles liebe Alix

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