Im Zug

Im Zug

Hinfahrt

Du sitzt bequem. Der Platz neben dir ist frei und du hast ein Tischchen zur Verfügung. Hinter deinem Rücken ist das Bistro. Das hat seine Nachteile. Die Tür öffnet sich ständig, um einen diensteifrigen Reisebegleiter mit einem Tablett voller Kaffeetassen durchzulassen. Er eilt in die erste Klasse, um die Fahrgäste zu bedienen.

Aber das stört dich nicht. Du holst dein Buch aus dem Rucksack, ruckelst dich in deinem Sitz zurecht und streckst die Beine aus. Aber aus dem Lesen wird nichts.

Da redet doch jemand laut und durchdringend. Du inspizierst die Sitze in deiner Nähe und entdeckst zwei Fahrgäste. Sie sitzen zwei Reihen vor dir und du kannst sie nur durch die Lücke zweier Sitze sehen. Eine dunkelhaarige Frau ist deutlich erkennbar. Ihre Augen sehen gebannt zu ihrem Gegenüber. Da sitzt offenbar die Stimme, die dich in deinen Entspannungsversuchen gestört hat. Es ist ein Mann, der seiner Mitreisenden Bewunderung abringt. Du siehst immer mal einen grauen Kopf in zwischen den beiden Sitzen.  

Es bleibt dir nichts anderes übrig, als zuzuhören. Der Mann breitet sein üppiges Wissen aus wie ein Automat, den man nicht ausschalten kann. Erst kommt die Politik dran. Von Brandt bis Merkel, von März bis Schäuble  - alles vermittelt er seiner Zuhörerin. Sie nickt mal bestätigend, mal winkt sie ab, Das passiert häufig, wenn ihr Unterhalter von der SPD spricht. Dann breitet er seine beruflichen Qualitäten vor ihr aus. Offenbar ist er oder war er Journalist. Sie scheint geblendet, wenn man ihren Gesichtsausdruck so interpretieren möchte.

Alle diese Informationen präsentiert er mit einer gleichmäßig geschwätzigen Stimme, aber doch so durchdringend, dass man zuhören muss. Vom Lesen kannst du nur träumen.

Beide Reisende steigen in Hamburg Hauptbahnhof aus. Du siehst ihn jetzt von vorn. Etwa sechzig Jahre alt ist er und er kommt dir bekannt vor. Er sieht dich an, als erwarte er das. Er zwinkert dir zu, wünscht gute Reise und verlässt den Zug.

Du steigst in Altona in einen Regionalzug nach Husum und hoffst auf ein bisschen Ruhe. Diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Ein Kleinkind nörgelt. Es sitzt mit seiner Mutter hinter dir und sie kämpfen um eine Portion Pommes.

„Ich will keine Pommes“, jault das Kind mit dieser Stimme, die dich zur Mörderin machen könnte.

„Ich habe Hunger, dann esse ich die Pommes“, so die Mutter und das Kind jault wieder.

„Nein, du sollst sie auch nicht essen.“ Dieser Dialog wiederholt sich mehrfach.

Wie grässlich können Kleinkinder sein.

Mutter und Kind steigen aus und wieder hoffst du auf Ruhe. Aber das soll dir nicht gegönnt sein. Als hättest du nicht genug von männlichen Selbstdarstellern gehabt, tritt der Nächste auf die Bühne. Diesmal sitzt er etwas weiter entfernt auf der anderen Seite. Von seinem weiblichen Gegenüber siehst du nur eine bunte Pudelmütze und hie und da ein ältliches Profil. Er ist älter als sein Vorgänger, aber ähnlich grau behaart. Er schwadroniert auch über die aktuelle Politik, leitet dann aber zu seinen Weltreisen über. Argentinien, Brasilien – er vergisst nicht zu erwähnen, dass seine Tochter in Brasilien studiert. Schließlich erklärt er, dass er zu seinem Glück nur ein Buch brauche und ein bisschen Ruhe, dann wäre er zufrieden.

Du bist es nicht. Du hast zwar ein Buch, aber von Ruhe kann keine Rede sein.

Rückfahrt

Es scheint, als könntest du jetzt in Ruhe nach Hause fahren. Du betrittst dein 1.Klasseabteil, deponierst deinen Koffer und setzt dich auf deinen Fensterplatz. Dir gegenüber sitzt kein Mann, der dich eventuell stören könnte, sondern eine kleine sehnige Frau mit golden getönten kurzen Haaren. Sie sieht aus wie eine typische Sylt-Urlauberin, schmal, eine sportliche Eleganz und viel Gepäck. Sie liest und ist offenbar nicht geneigt, ein Gespräch zu beginnen.

Froh über diese angenehme Reiseruhe nimmst du dein Buch und vertiefst dich in die Abenteuer deines Protagonisten. Aber in dem Ort Büchen ist alles vorbei. Es öffnet sich die Abteiltür und ein großer Mann stürmt herein. „Guten Abend“, ruft er und wirft seinen Rucksack auf den Sitz neben dir, reißt sich seine Jacke vom Leib und setzt sich in die Ecke neben der Abteiltür. Dann kramt er ein IPad aus seinem Rucksack und fingert darauf herum. Nach Weile setzt er Kopfhörer auf.

Du hast einige Männer auf deiner Reise erlebt. Auch dieses Exemplar ist bemerkenswert. Seine Haare sind  grau, kurz und elegant gepflegt. Er trägt einen leuchtend roten Pullover. Erstaunlicherweise sind auch seine blanken Halbschuhe rötlich, nicht ganz rot, aber doch so, dass eine Verbindung zu dem Pullover vermutet werden könnte.

Es ist ruhig im Abteil, bis die Schaffnerin kommt und die Fahrkarte des zugestiegenen Fahrgastes fordert. Er zieht die Online-Fahrkarte aus dem Rucksack und reicht sie der Frau.

„Ihnen zuliebe unterbreche ich den Genuss, den mir eine Dvoraksinfonie bereitet, aber nur Ihnen zuliebe. Das müssen Sie sich hoch anrechnen.“ Die Schaffnerin sieht ihn verständnislos an und verlässt das Abteil.

„Sie meinen doch sicher die Sinfonie aus der Neuen Welt“, das konntest du dir jetzt nicht verkneifen. Andere Leute können auch angeben. Das findet wohl auch dein weibliches Gegenüber.

„Ich habe sie neulich in der Philharmonie gehört.“

Es geht dann hin und her. Es wird über Hörgewohnheiten und andere Sinfonien gesprochen, bis der Mitfahrer genug hat. Er hat ja deutlich gemacht, wie gebildet er ist.

„Ich muss mich leider aus unserem so interessanten Gespräch verabschieden. Ich möchte weiter lesen und hören.“ In Ludwigslust steigt der musikinteressierte Mitfahrer aus und in Spandau verlässt dich auch dein Gegenüber, nicht ohne das Wetter auf Sylt zu preisen.

Auf dieser Reise hast du vieles angetroffen. Meinungen über Musik, über andere Länder, über die Politik des Landes und im weiteren Sinn über Bücher und Kindererziehung. 

Was willst du mehr? Du brauchst in Zukunft eigentlich kein Buch mehr einzupacken.

 

 

 

 

 

  

 

 

                                

25.11.18 11:09

Letzte Einträge: Biodeutsch, Schwafler, Güsten, Lunchkonzert

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen