Ein Hund, eine Oberleitung und laute Kräcker

Ein Hund, eine Oberleitung und laute Kräcker

Wir saßen in der kleinen Regionalbahn von Soest nach Hamm. Wir wollten in Hamm den ICE nach Berlin erreichen. Plötzlich hielt die Bahn auf einem kleinen Bahnhof. Hier sollte eigentlich nicht gehalten werden.

Personenschaden oder technische Probleme, ist der Lokomotivführer krank geworden? Bei der Bahn ist alles möglich.

Geduldig saßen wir auf den karierten Sitzen und hofften auf Weiterfahrt. Es gab schließlich Verpflichtungen oder Termine. Entweder musste ein Anschlusszug erreicht werden oder die Arbeit begann pünktlich, so wie die Schule auch. Aber es stürmte und regnete nicht und es lagen auch keine Bäume auf den Schienen. Also keine höhere Gewalt. Die Sonne schien und die Luft war ruhig.

Nach einiger Zeit hörten wir eine Durchsage.

„Wir wissen nicht, wann wir weiter fahren können. Es handelt sich um eine technische Störung.“

Das geht doch gar nicht. Die erwartungsvolle Stille wurde von lauten Protesten abgelöst.

Als eine Bahnangestellte erschien, wurde sie bestürmt.

„Wann geht es weiter? Das ist doch mal wieder typisch.“

Die Frau konnte keine Details nennen. Entsprechen zorniger wurden die Beschwerden. Eine russische Gruppe versuchte auf Russisch der Frau klar zu machen, in welcher schwierigen Situation sie wären. Sie hätten Kinder an Bord. Die Bahnangestellte versuchte zu beruhigen, aber die russischen Damen wurden immer lauter.

„Ich weiß es nicht, wann wir weiterfahren können.“ Hilflos versuchte sie einen Mann zu beruhigen, der unflätig brüllte.

„Ich brauche eine Bescheinigung für meine Arbeit.“

„Die bekommen Sie in jedem Reisezentrum“, ich wollte der Fahrleiterin beistehen.

„Halt du dich da raus“, blökte er mich an.

Dann plötzlich die Ansage.

„Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir nach Soest zurückfahren müssen.“

Der Mann am Lautsprecher ahnte wohl, was sich in seinem Zug abspielen würde. Mit jeder Ansage wurde seine Stimme leiser.

Jetzt wurde es unübersichtlich. Jeder Fahrgast wollte wissen, wie er am besten zu seinem Ziel kommen könnte. Alles brüllte durcheinander, zückte Fahrkarten und verlangte Bestätigungen für eine Entschädigung.

In Soest verteilten sich die Reisenden, um an die verschiedenen Ziele zu gelangen. Wir mussten weiter nach Dortmund fahren, um dort unseren ICE zu erreichen.

Der Bahnsteig in Dortmund war voll. Die Fahrgäste warteten auf den ICE nach Berlin oder auf andere Züge. Warum waren so viele verspätet? Hatte es etwas mit unserem Aufenthalt vor Hamm zu tun?

Jung und alt, dick und dünn schlich, das Handy am Ohr, über die steinerne Fläche mit dem weißen Streifen. Sogar ein bekannter Politiker wartete auf den Zug nach Berlin und lief auf und ab.

Die Bänke waren besetzt. Da war ein junges Ehepaar, das vergeblich versuchte, sein Baby zu beruhigen.

„Die haben kein Händchen für ihr Baby“, eine kleine alte Frau verzog ihr faltiges Gesicht. Sie wusste es natürlich besser. Sie war gerade auf einer Ayurveda-Kur gewesen. Da lernte man, wie viele Hände man hätte auflegen müssen, um das Kind zu beruhigen.

„Man muss nur die Hand auf seine Brust legen“, siehe da, die erste Hand wird erwähnt. Dass das Kind vor Müdigkeit schrie und immer wieder die Augen schloss, das war ihr und auch den Eltern entgangen. Sie rissen das Kind immer wieder aus dem beginnenden Schlaf.

Die Ayurveda-Frau lächelte eigentlich immer, es sei denn, sie nickte weg. Ihre Haare waren grau und hingen ihr auf die Schulter. Sie hatte etwas von einer Jüngerin. Sie trug einen langen lila Rock und ein lila Tuch. Hat die Farbe etwas mit der praktizierten Heilkunde zu tun?

Sie ernährte sich von eingeweichten Körnern und kleinen weißen Kräckern. Sie knackten laut zwischen ihren Zähnen.

Jetzt hatte unser Zug 40 Minuten Verspätung. Eine muntere dicke Frau setzte sich auf die Bank neben uns. Ihre schwarzen ausladenden Oberschenkel nahmen so viel Platz ein, dass ich meine Beine zusammenpressen musste, um sitzen zu können. Ihre schwarzen Haare krausten sich feucht über der Stirn.

„Solange wir am Leben sind…“, sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und wischte auf ihrem Handy herum.

Nach einer Weile verkündete sie:„Jetzt haben wir schon 80 Minuten Verspätung“, sie kicherte.

„Das macht nichts – immer positiv denken.“

Nach vier Stunden Verspätung kamen wir endlich zu Hause an.

Wir erfuhren, dass unser unfreiwilliger Aufenthalt vor Hamm von einem Berner Sennenhund verursacht wurde, der auf die Schienen gesprungen war. Das unübersichtliche Chaos der Fernverbindungen in Nordrhein-Westfalen war durch eine Störung der Oberleitung bei Duisburg entstanden.

Ein Trost blieb uns. Wir hatten auf dem Bahnsteig in Dortmund interessante Leute getroffen. Vor allem die Ayurveda-Jüngerin mit ihren lauten Kräckern hat uns gefallen. Sie war so leise und sanft.

12.4.19 08:42

Letzte Einträge: Übersiedlung, Der Aufbruch, Liebliches Land, Küsse in der Tram

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Gaby (24.4.19 11:34)
Liebe Barbara,
eine schöne Geschichte, die jeder Bahnbenutzer so oder ähnlich schon mehr oder weniger oft erlebt hat - eher öfter wenn er öfter fährt. Das Verspätungs-Bingo ist aber fantasievoll erweitert worden: Berner Sennhund! Gefällt mir. Demnächst kommt bestimmt der Wolf. Und immer noch gilt der alte Bahn- Werbespruch: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders:
Deutsche Bahn"...

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