Pizza und Wein

Pizza und Wein

 

Sie rollte ihren Koffer in das Schlafzimmer und öffnete ihn.

Seinen Inhalt legte sie auf das große Bett. Da konnten die Röcke und Blusen liegen bleiben, bis der Kleiderschrank kam. Es blieb noch Platz genug für sie.

Und jetzt? Wann wollten die Kinder kommen? Maria konnte erst morgen. Sie hatte einen wichtigen Termin. Sie war Journalistin. Morgen zum Frühstück wollte sie kommen. Phillip war in China. Er vertrat dort seine Firma. Da musste sie noch Geduld haben.

Was sollte sie jetzt tun?

Einkaufen natürlich. Wenn Maria morgen zum Frühstück kommen wollte…?

Sie brauchte etwas zu Abendessen. Essen gehen? Die Vorstellung, allein in einem Lokal zu sitzen, machte ihr Angst.

Hoffentlich gab es einen Lebensmittelladen in der Nähe.

Sie war unschlüssig. Sonst war immer alles geordnet. Es war klar, wo eingekauft wurde und klar war auch die Vorratswirtschaft. Das hatte sie auch immer organisiert. Aber die Wünsche kamen von ihrem Mann. Fleisch, Fisch oder Kartoffelsuppe. Das waren seine Spezialitäten. Jetzt sollte sie für sich allein sorgen. Konnte es sein, dass es die Erwartungshaltung ihres Mannes war, die sie dazu brachte, alle so zu organisieren, wie es ihm genehm war? Vielleicht war sie so an seine wortkargen Forderungen gewöhnt, dass sie es nicht allein konnte?

Sie schüttelte diesen Gedanken ab.

„Jetzt reiß dich zusammen. Es wird schon einen Laden geben.“

Sie brauchte ihren Geldbeutel. In dem Taxi hatte sie ihn noch. Fahrig wühlte sie in ihrer Handtasche.

Wenigstens gab es diesmal keine Kommentare.

„Immer diese Wühlerei…“

Na ja, er musste nicht einkaufen. Er hatte seinen Geldbeutel in der Arschtasche, wie er immer sagte, und da wurde er ihm schon mal geklaut. Das konnte ihr nicht so leicht passieren. Wenn sie ihr Geld nicht fand, dann sicher der Dieb auch nicht.

Es war wirklich ihr Geld. Sie bekam jeden Monat eine gute Pension. Gegen ihre jahrelange Berufstätigkeit als Lehrerin hatte er nichts einzuwenden. Sie brachte Geld ins Haus. Es war aber selbstverständlich, dass der Haushalt lief und die Kinder betreut waren.

Sie nahm ihre Handtasche und öffnete die Wohnungstür. Vorsichtig sah sie in das Treppenhaus. Wartete hier die neugierige Mitbewohnerin auf sie?

Nein, die Luft war rein. Aber vor der Haustür stand sie und rauchte. Charlotte versuchte schnell an ihr vorüber zu gehen, aber sie wurde am Ärmel zurück gehalten. Ein Schwall von muffigem Rauch kam ihr entgegen.

„Wenn Sie einkaufen wollen, dann gehen Sie am besten rechts und dann wieder links. Da ist gleich ein großes Einkaufszentrum. Sie sehen eher wie Bio aus. Da gibt es auch einen Laden an der Ecke.“

„Danke, ich werde schon etwas finden.“

Sie befreite ihren Arm und lief schnell die Straße hinunter. Wieso sah sie wie Bio aus?

Sie kaufte im Supermarkt ein, eine Pizza und eine Flasche guten Rotwein. Den würde sie genießen, ohne die kritischen Blicke ihres Mannes bei jedem Tropfen, den sie sich eingoss. Er sah nicht sie an, sondern immer nur das Glas.

Als sie zurück kam, war die neugierige Nachbarin nicht mehr da. Sie kam unbehelligt in ihre Wohnung.

Sie schob die Pizza in den Ofen.

Dann öffnete sie die Weinflasche und schnupperte an

dem Flaschenhals. Wo sind die Gläser? Hatte ihre Tochter

nicht eine Kiste mit den wichtigsten Küchengeräten

bereitgestelt?

Charlotte fand ein Glas. Sie goss sich etwas Wein ein

und trank, nicht stürmisch, sondern bedacht und

genießerisch.

Die Pizza duftete und ein köstlicher Hauch zog durch

die Wohnung. Sie fand einen kleinen Hocker, den der

Vorbesitzer vergessen hatte. Den stellte sie auf den

Balkon, deponierte das Weinglas und den Teller mit

der Pizza auf seiner abgenutzten Sitzfläche. Sie wollte

gerade in das erste Stück Pizza beißen, als ihr Handy

klingelte.Natürlich lag es in ihrem Schlafzimmer auf

dem Bett.

"Hallo", ihre Tochter war dran.

"Wie geht es dir in deiner eigenen Wohnung?" 

"Gut, gut, ich nehme gerade mein erstes Abendessen

auf meinem Balkon ein. Pizza und Wein."

"Das klingt perfekt. Ich komme morgen so um acht

Uhr zum Frühstück."

Sie saß wieder vor ihrer Pizza. Während sie kaute,

wanderten ihre Blicke über die steinernen Wände des

Balkons. Die leeren Blumenkästen mussten dringend

gefüllt werden. 

Warum meldete er sich nicht? War ihm egal, dass sie

weg war? Er wusste doch gar nicht, was er essen

sollte. Das hätte sie vielleicht besser vorbereiten

müssen. Verdammt, jetzt meldete sich wieder ihr

schlechtes Gewissen. Warum müssen die Frauen

immer für das Wohlergehen der Männer sorgen? 

Sie nahm noch einen Schluck Wein. Vielleicht half der

ihr, den Mann zu vergessen, der sie 35 Jahre lang zu

seiner Haushälterin gemacht hatte. 

Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen.

 

 

16.10.19 16:06

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