Die Natalie

 

Die „Natalie“

 

Sie streckte sich noch einmal und setzte sich auf die Bettkante. Ja klar, jetzt war sein Kaffee und Kuchen fällig. Sollte er doch selber dafür sorgen. Er könnte in ein Café gehen.

Sie sah sich um. Überall noch kahle Wände. Aber sie konnte ihre Bücher erst dann holen, wenn sie Regale hatte. Also bestellen, mit dem Smartphone. Sie wischte und traf auf Ikea. Hier klickte sie ein Regalsystem an, das sie selbst  zusammen bauen konnte. So etwas hatte immer sie gemacht. Er hatte zwei linke Hände.

Sie rutschte von ihrer Bettkante herunter und ging in das Zimmer mit dem Balkon. Irgendetwas fehlte. Ein neues Sofa,ein bequemer Sessel und vor allem ein Fernseher. Aber da fehlte noch etwas. Ein Mensch vielleicht? Jemand, der allein durch seine Anwesenheit den Raum füllte, auch wenn er nicht sprach.

„Scheiße, warum ist er immer hinter mir her.“

Sie packte ihre Handtasche und verließ die Wohnung. Auf der Treppe hielt ihre rothaarige Nachbarin sie auf.

„Ich habe frischen Kaffee, wie wär`s?“

Jetzt war Charlotte fast dankbar. Sie musste nicht mehr darüber nachdenken, was sie jetzt tun sollte. Sie ließ sich in eine unordentliche Wohnung ziehen.

„Ich bin die Natalie, du bist die Charlotte, ich weiß.“

Zwei Dinge stießen Charlotte auf. Das Duzen und der Artikel vor dem Vornamen. Aber sie ließ auf einem harten Küchenstuhl nieder und nippte an einem dünnen Kaffee. Ihre Gastgeberin saß ihr gegenüber. Ihre breiten feisten Oberschenkel rutschten unter ihrem Rocksaum hervor. Ihre Arme waren ähnlich dicklich und die Ärmel ihrer geblümten Bluse spannten und hielten die Fettpolster fest, als könnten sie verloren gehen.

Sie stellte die Fragen, die zu jeder Neugierde gehörte.

Ehemann, Kinder, wo sind sie?

Charlotte antwortete einsilbig. Auf die Frage, warum sie allein wohnen wollte, antwortete sie nicht.

Natalie klärte sie über die Mitbewohner dieses Hauses auf.

„Du glaubst es nicht, wer in diesem Haus wohnt. Da kann einem angst und bange werden. Die beiden Lesben über dir wohnen schon seit ewigen Zeiten hier. Sie sind so hässlich, das kannst du dir nicht vorstellen. Und dann haben wir den Migrantenvater mit dem Kind, das noch nicht einmal grüßt, wenn man ihm begegnet. Vielleicht ist es geistig behindert.“

„Oder es kann die Sprache noch nicht“, Charlotte wurde zunehmend gereizter.

„Möglich, jedenfalls ist es ein Irrenhaus, in das du gezogen bist.“

Sie verabschiedete sich bald. Ihre Nachbarin störte das nicht. An der Wohnungstür meinte sie, dass sie auf eine gute Nachbarschaft hoffe und man sicher öfter Kaffee miteinander trinken könnte.

„Wenn du mal weg bist, dann kann ich deine Blumen gießen.“

„Das ist eine Idee“, aber Charlotte fürchtete, dass nicht nur Hilfsbereitschaft die Motivation war, sondern die Inspektion ihrer Wohnung.

Sie verließ das Haus und wusste nicht so recht, was sie tun sollte. Wie könnte sie ihren alten Buchladen in der Tucholskystraße erreichen? Das war nicht so schwierig. Sie nahm den Bus 142 und hielt in der Torstraße.

Der Buchhändler begrüßte sie freudig.

„Sie waren lange nicht hier.“

Charlotte reichte ihm die Hand.

„Ich hatte einige Probleme, aber das wird jetzt anders. Wie schön, mit einem Gleichgesinnten zusammen zu sein.

„Ich kann Ihnen den neuesten McEwan empfehlen. In dem Buch geht es um die Problematik der Entwicklung der Roboter allgemein und hier im speziellen.“

Charlotte nahm das Buch und setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke. Jetzt war sie glücklich. Niemand redete ihr dazwischen und sie konnte in Ruhe lesen.

Nach etwa einer Stunde klappte sie das Buch zu.

„Ich nehme es mit. Gibt es in nächster Zeit interessante Lesungen?“, fragte sie den Buchhändler.

Diese Stunde lesen hatte ihr gezeigt, was sie tun muss, um ihr inneres Gleichgewicht zu finden ohne die organisatorische Reglementierung durch einen Mann.

Der Buchhändler reichte ihr einen Prospekt.

„Hier können Sie nachsehen, wo und wann etwas gelesen wird.“

Sie bedankte sich und verließ den Laden.

 

8.11.19 10:16

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