Wer hat meine Weihnachtsplätzchen gegessen?

Wer hat meine Weihnachtsplätzchen gegessen?

 

„Es ist nicht angekommen“, mein Sohn spricht wie ein Arzt, der seiner Patientin ein baldiges Ende verkünden muss.

„Wie, es ist nicht angekommen? Du machst Witze.“

„Nein, ich mache keine Witze. Dein Paket ist verloren gegangen“, ein kurzes Zögern, „oder es hat sich verspätet und kommt noch.“

„Seit wann braucht ein Paket nach London vier Wochen?“

„Tja..., ich sage dir Bescheid, wenn es doch noch kommt. Es kann natürlich sein, dass unser Postbote, na ja, geklaut wird er es nicht haben. Vielleicht hat er es unten an die Treppe gelegt, weil wir alle nicht da waren.“

Ich bin frustriert, zutiefst frustriert. Mein Weihnachtspaket! Weg, verschwunden. Ich packe ungern Pakete, aber dieses Weihnachtspaket hatte ich besonders sorgfältig vorbereitet und gepackt: Das teure Fotobuch von Annie Leibovitz für meine Enkelin, die Filmkassette „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ für meinen Enkel, das Nudelkochbuch für die ganze Familie. Etwas zum schnell Kochen. Die in London haben viel zu tun und wenig Zeit.

Und was war mit meinen Plätzchen, mit den weißen Butterplätzchen und den Sirupplätzchen nach dem Rezept meiner Urgroßmutter? Die würde sich im Grabe rumdrehen, wenn sie wüsste, dass ein Unbefugter ihre Plätzchen isst. Ich grolle mit den Postangestellten. Ist mein Paket in Deutschland geblieben oder in England verschwunden? Möglicherweise ist es irgendwo vom Fließband gerutscht und unter einem Regal oder einem Sortiertisch liegen geblieben. Da würde man es später finden und noch an die richtige Adresse schicken. Oder eine Postbeamtin findet es und hält ihr Ohr an das Paket. Klappert da nicht etwas? Eine Bombe? Ich weiß, dass das die Plätzchen sind, aber die Beamtin nicht. Wie entscheidet sie sich? Nein, das ist keine Bombe. Eine Bombe tickt, sie klappert nicht. Vielleicht ist da etwas für meine Kinder drin, denkt sie sich und nimmt das Paket mit.

Möglicherweise ist es schon auf meinem Postamt hier im Ort verschwunden? Den zwei Angestellten dort würde ich glatt zutrauen, dass sie ein so sicher verklebtes Paket unterschlagen. Der eine ist mufflig, der andere stumm. Der Stumme hat eine dicke Brille und ist älter. Ich habe gesehen, wie er meine Liebesgabe auf einen Pakethaufen geworfen hat, richtig gefühllos. Hat einer von den Beiden das Paket mit nach Hause genommen? Ein so teures Paket nach London enthält sicher etwas Wertvolles. Mit der Leibovitz können sie nichts anfangen. Sie sehen nicht so aus, als wären sie an schönen Fotografien interessiert. Vielleicht bieten sie es bei eBay an? Da würden sie ordentlich kassieren. Das Buch ist funkelnagelneu und hat sechzig Euro gekostet. Das Nudelbuch könnten sie brauchen oder ihre Frauen? Die beiden Postbeamten sehen nicht aus, als könnten sie kochen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich der Stumme mit der dicken Brille über das Nudelbuch beugt, um ein Rezept zu entziffern. Das macht eher seine Frau.

Ich schweife ab. Was ist mit der Filmkassette? Die können die Männer brauchen, wenn sie Kinder haben. Die müssten schon älter sein, so wie die Männer aussehen. Oder Enkel? Oder sie genießen selbst die lustigen Geschichten. Männer sind kindliche Gemüter, die sich gern an ihre Jugend erinnern. Welcher lesefähige Junge hat die Geschichten von Tom und Huckleberry Finn nicht geliebt?

Und was ist mit den Plätzchen? Die Plätzchen würden sie gern essen. Alle Leute essen sie gern. Der Gedanke, dass fremde Menschen eines meiner Plätzchen in den Mund schieben könnten, greift mir ans Herz. Ich gönne ihnen keine einzige der Mandeln, die in dem braunen Sirupteig der Sterne und Herzen stecken, keines der kleinen delikaten weißen Plätzchen, deren buttrige Krümel auf der Zunge zergehen und zum Weiteressen zwingen. Vielleicht sollte ich das nächste Mal ein paar Plätzchen vergiften und kennzeichnen, zum Beispiel mit einem gelben Guss. Dann wüsste meine Familie Bescheid, aber die Diebe nicht. Bei den Butterplätzchen könnte ich grüne Pünktchen verwenden.

Ich bremse mich. Warum müssen die deutschen Postangestellten die Bösen sein? Ich will ihre englischen Kollegen nicht unbedingt verdächtigen, aber die Briten sind auch Menschen und mögen Weihnachtsplätzchen. Mit der Leibovitz, den Filmen und dem Nudelbuch werden sie nichts anfangen können, die sind auf Deutsch. Ätsch! Ein bisschen Schadenfreude wäre erlaubt oder?

Was hatte meine Schwiegertochter gesagt? Wenn ihr Postbote die Leute nicht antrifft, legt er die Pakete auf die Briefkästen. Mein Paket passt nicht auf die Briefkästen in der Regency Street Flat 14. Es ist zu groß. Der Postbote legt es unter den Spiegel in der Lobby, gut sichtbar für die Hausbewohner, die an ihm vorüber kommen. Viele Leute kommen an meinem Paket vorbei. Wie könnten die aussehen? Da humpelt die alte Lady mit den blau gefärbten Haaren heran und beugt sich über das Paket, schüttelt den Kopf und murmelt: „Thats not for me!“ Sie verschwindet langsam in ihrer Wohnung im Parterre. Der dicke Mister Miller bleibt stehen, hebt das Paket stöhnend hoch und liest die Adresse. Sein Kommentar „Eh, for the noisemaker up there“ würde nicht für die Beliebtheit meines Sohns und seiner Familie im Hause sprechen. Mein Enkel spielt Schlagzeug und meine Enkelin Klavier. Mister Miller lässt das Paket auf den Boden fallen. Es ist ihm zu schwer, um es in den zweiten Stock zu tragen. Und was ist mit der zierlichen Japanerin, die laut schnatternd mit ihren Freundinnen den Hausflut betritt? Sie kümmert sich vermutlich nicht um das Paket, weil sie etwas Wichtiges zu besprechen hat.

Es wohnen noch andere Leute in diesem Haus. Kann man sich auf die verlassen? Wahrscheinlich nicht. Ich bin zurzeit bereit, jede Person zu verdächtigen, die in irgendeiner Weise mit meinem Paket in Berührung gekommen ist, sei es beruflich, sei es durch ein zufälliges Treffen oder Vorbeigehen. Das ist sehr ungerecht. Es kann sich nur um einen Dieb handeln.

Meine Schwiegertochter beschwert sich bei dem zuständigen Postamt, vergebens. Es kann nicht sein. Die Postboten müssen bei den Empfängern klingeln und einen Nachweis hinterlassen. Der Boss hält die Hand über seine Postboten. Es ist möglich, schreibt sie, die Amerikanerin mit ihrem zauberhaften Deutsch, dass „manche Pakete im gemeinsamen Eingang weglaufen“, nicht nur Weihnachtspakete, sondern auch Lieferungen mit Obst oder Gemüse. Ich sehe sie richtig, die großen und kleinen Pakete. Es wachsen ihnen Beinchen und sie laufen behände aus dem Hausflur. Oder sie leihen sich Beine bei einem Menschen, der sie freudig davonträgt.

Es stellt sich die Frage, ob mein Paket überhaupt bis in die Regency Street gekommen ist. Wie nett wäre es dann gewesen, wenn der Postbote das Paket bei einer Mitbewohnerin oder einem Mitbewohner abgegeben und meiner Familie einen Zettel in den Briefkasten geworfen hätte mit den Worten: Paket bei... Mein Sohn hätte das Paket abgeholt und dem Überbringer zum Dank ein Weihnachtsplätzchen angeboten.

Auf diese Weise wäre die Post ihrer Pflicht nachgekommen und meine Familie hätte sich über hilfsbereite Mitbewohner gefreut.

So war es nicht. Mein Paket ist verschwunden. Ich weiß nicht wohin, aber ich muss mich an den Gedanken gewöhnen, dass sich jemand, ob in Deutschland oder im Vereinigten Königreich, mit meinem Paket ein schönes Fest bereitet hat. Mein optimistischer Sohn meint zwar, dass das Paket noch ankommen würde. Ich bezweifle das. Und mich quält vor allem die Frage: Wer hat meine Weihnachtsplätzchen gegessen?

Meine Frage wurde nach fünf Wochen beantwortet. Niemand hatte sie gegessen. Die Plätzchen kamen, in tausend Krümel zerstoßen, wieder bei mir an - mit dem ganzen Paket. Es hatte eine Odyssee hinter sich. Angerissen und zerbeult sah es aus, so als wäre es in Sibirien losgeschickt und kilometerweit auf Güterzügen transportiert worden. Die Adresse konnte man kaum noch lesen.

Weder die englischen noch die deutschen Postboten haben sich an meinen Weihnachtsplätzchen vergriffen, ich tue hiermit offiziell Abbitte, mit einer Einschränkung. Warum haben es die englischen Postboten nicht geschafft, das Paket ordentlich zu den Adressaten zu bringen? Das spricht nicht für ihre Zuverlässigkeit.

Immerhin waren die Bücher und die DVD unverletzt. Die wuchtigen Stöße, die das Paket getroffen hatten, waren nicht durch ihre Verpackung gedrungen.

Aber die Plätzchen, was war mit den Plätzchen passiert? Sie waren nicht wieder zu erkennen. Die Herzen, Sterne und Monde

waren zu winzigen hellen und dunklen Krümeln geworden. Das Schütteln und Werfen des Pakets war ihnen nicht bekommen. Wenigstens waren die Plätzchen nicht von irgendwelchen Unbefugten gegessen worden.

Ich habe die Krümel noch verwendet. Sie dienten zur Verfeinerung von süßen Quarks und Obstsalaten. Und jedes Mal, wenn wir sie aßen, erinnerten wir uns daran, dass sie in London gewesen waren. Welchen Weg sie dorthin und zurück genommen hatten, wussten wir nicht. Ich glaube, dass es die einzigen Plätzchen oder Plätzchenkrümel auf der Welt waren, die eine derartige Reise hinter hatten. Sie gehörten in ein Museum, mit der Überschrift: Die weitgereisten Plätzchenkrümel. Sie hätten gut zu der Fettecke und den Käseklumpen von Joseph Beuys gepasst.

15.12.19 15:19

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


lifeminder / Website (3.1.20 05:10)
Hallo, b. Geschichten!

Ich habe dein Blog eben so richtig entdeckt. Was auch daran liegen könnte, dass ich mir Endlich Mal, sehr viel bewusster Zeit nehme, zu lesen, was andere Bloggschreiber hier zu erzählen haben.

Echt großartig erzählt! - Von der ersten bis zur letzten Zeile, ein Lesegenuss. - Ich freue mich auf mehr von deinen b. Geschichten!

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