Ein Wurstbrot für sie

Ein Wurstbrot nur für sie

Es ist ein Abteil 1.Klasse.

Der Mann sitzt am Fenster, die Frau neben ihm auf dem mittleren Platz.

Er sieht nach draußen, sie sieht in ihr IPad. Er sitzt gerade und stützt sich mit dem rechten Arm auf seine linke Hand, die über seinem rundlichen Bauch liegt. Die rechte Hand stützt sein Kinn, wobei deren Finger seine Wange streicheln. Er wendet sich nicht nach rechts oder links. Er nimmt keinen Kontakt auf, weder zu ihr noch zu den anderen Reisenden. Resigniert beobachtet er die Windräder, die draußen vorbei laufen.

Die Frau ist so dick, dass sich Falten ihres weißen Pullovers bis auf seine Armlehne drängen. Ihr Rücken ist ihm zugewandt. Sie hat ihr IPad auf das Gepäck gelegt, das den Platz an der Tür besetzt. Sie liest. Ihre feisten Beine sind so weit in das Abteil gestreckt, dass der gegenüber Sitzende seine Beine nach rechts schieben muss.

Sie hat glatte schwarze schulerlange Haare, in der Mitte gescheitelt. Ihre Mundwinkel hängen tief nach unten, als hingen viele kleine Päckchen an ihnen, die sie unglückich machen. Ihre Augen sind müde, hoffnungslos müde.

Gehören die beiden Reisenden zusammen? Möglicherweise nicht. Kein Hauch von Nähe, keine Worte, keine Berührung. Sie isst ihr Wurstbrot allein.

Aber irgendetwas ist doch zwischen ihnen. Der Zug hält in Hamburg Hbf. Sie holt ihren Geldbeutel aus der Tasche und dreht sich zu ihm.

„Willst du was trinken?“

Er schüttelt den Kopf.

 

9.1.20 11:58

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