Neidhammel

Neidhammel

Du läufst über den Flur und drückst die Hand auf deinen Bauch. Du hast Hunger, schrecklichen Hunger. Die letzten Kekse sind verzehrt, Dein Magen knurrt so laut, dass du dich genierst, wenn du an Leuten vorbei gehst. Getrunken hast du auch nicht genug. Du bleibst stehen und testest die Haut auf deinem Handrücken. Bleibt sie hoch aufgerichtet stehen, wenn du sie nach oben ziehst? Es dauert ein bisschen, bis dein Handrücken wieder normal ist, aber so dramatisch scheint es nicht zu sein. Du läufst auf die nächste Toilette und saugst an dem Wasserhahn. So, jetzt geht es ein bisschen besser, aber Hunger hast du immer noch.

Es ist schon spät abends, du hast lange gearbeitet. Eigentlich müsstest du längst zu Hause sein. Aber der Chef hatte noch Aufgaben für dich.

„Es macht Ihnen doch nichts aus, die Protokolle noch zu tippen. Ich brauche sie morgen ganz früh. Und das Buffet müsste auch noch entsorgt werden.“ Entsorgt, wie das klingt. Der Ausdruck hat etwas Unangenehmes.

Am späten Nachmittag hattest du das Buffet vorbereitet. Der Chef erwartet Gäste, feine Gäste. Generaldirektoren, Banker und Autobauer. Du hast vorgestern ein Catering bestellt. Mit einer Kollegin hast du das Buffet gestaltet, mit Blümchen, Kerzen und leuchtend grünen Servietten, die du zu kleinen Schiffchen gefaltet hattest. Es sind leckere Sachen, die du anmutig in Stellung gebracht hast. Fischchen, eine Schinkenplatte und duftende Bouletten, Melonen und Meerrettich für den geräucherten Lachs, der so sauber gerollt auf dem weißen Teller liegt, versetzt mit Sahnehäubchen. Nicht zu vergessen ist die Käseplatte mit dem reifen Camembert und dem Kräuterfrischkäse, dem jungen Gouda und dem stark riechenden Limburger und die Oliven, die großen mit den Mandelstücken. Die Obstplatte leuchtet in vielen Farben. Da sind die roten Himbeeren, die grünen Kiwis in Scheiben und diegoldenen Mangos. Da steht das Dessert, Erdbeeren mit Sahne und Vanillepudding, in kleinen schmalen Gläsern. Du drapierst die Sektbläser und legst die Flaschen in den Kühlkübel.

Du liebst den köstlichen Mischduft eines Buffets: fruchtig, herb, süßlich und sauer, eine Kombination von Sinnenlust und Geruchsorgien. Aber du fragst dich, was mit den Köstlichkeiten wird, die nicht gegessen werden, die Reste des so liebevoll arrangierten Buffets. Was wird mit den Sektresten, die lauwarm, ohne Prickelbläschen in den Gläsern herum stehen. Trinken will sie sicher niemand mehr.

Jetzt, am Abend, nach den Protokollen, die du noch schreiben musstest, hast du richtigen Hunger, schmerzhaften Hunger. Die Suppe in der Kantine hat nicht vorgehalten. Du beginnst mit dem Aufräumen des Buffets. Frau Überkant, die den Raum zu reinigen hat, hilft dir. Es fällt schwer, diese Essensreste in Folie zu packen oder weg zu werfen. Es duftet noch immer so herrlich, auch wenn es nur Reste sind, die Bouletten, ihr zarter Fleischgeruch, der Camembert und die Leberwurst.

Frau Überkant steckt sich eine Olive in den Mund. Neidisch siehst du ihr zu. Warum nicht? Du streckst deine Hand aus und greifst auch zu. Dann auch ein Gürkchen und vielleicht ein Cocktailtomate? Jetzt aber genug, weiter einpacken. Aber die Bouletten, sie duften so köstlich. Es sind noch fünf. Ob vier oder fünf, das merkt doch niemand.

Du greifst zu einem der ersehnten Fleischklößchen, nimmst ein bisschen Senf und ein Stück Brot und legst alles auf einen Teller. Dann setzt du dich auf einen Stuhl.

Frau Überkant tut es dir gleich, füllt ihren Teller und schiebt einen Stuhl neben den deinen. Gemütlich wird gespeist. Sonst wird es weggeschmissen und es wäre so schade um die leckeren Sachen. Du willst ja nicht alles essen.

„Ich wünsche guten Appetit“, ein Kollege aus der Verwaltung kommt vorbei, „und einen schönen Abend.“

Ein bisschen ertappt fühlst du dich schon. Du wusstest, dass es vor einiger Zeit erlaubt war, Buffets zu plündern, wenn sie nicht mehr gebraucht wurden. Aber hatte sich etwas geändert?

Als dein schlimmster Hunger gestillt ist, hast du das Buffet endgültig abgeräumt und du bist heiter und satt nach Hause gegangen.

Am nächsten Morgen, du bist noch nicht lange im Haus, wirst du zum Chef beordert. Du ahnst, was kommt. Der Kollege gestern Abend…

9.2.20 11:44

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


MondSchwester / Website (22.2.20 18:46)
Ist das der Versuch einer Diät?

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