Vollüberwachung

Vollüberwachung

 

Du träumst noch. Du suchst deine Schulklasse in einem Haus mit vielen Treppen und Fluren. Du bist zu spät.

Mit einem Ruck wachst du auf. Der Wecker! Hattest du den Wecker nicht gestellt?

Dein Mann steht an deinem Bett und sieht dich prüfend an. So sieht er dich immer an, wenn du seiner Ansicht nach etwas vergessen hast.

„Hast du daran gedacht, dass du die Kleine in die Kita bringen wolltest?“

„Ja, aber später. Was zeigt denn die Uhr?“

„8 Uhr. Ich bringe sie jetzt. Dann kommst du wenigstens pünktlich in deine Schule.“

„Mein Unterricht beginnt erst später und ich wollte die Kleine auf dem Weg in die Schule in die Kita bringen. Das haben wir gestern Abend besprochen.“

„So, haben wir das oder hast du alles in deinem dritten Glas Wein versenkt?“

„Halte die Klappe, wie ist das mit deinen drei Bierchen?“ Das denkst du nur. Sonst gibt es Ärger.

Dein Mann holt die Kleine aus ihrem Zimmert und verlässt die Wohnung.

Du duscht und ziehst dich in Ruhe an, frühstückst und machst dich auf den Weg in die Schule. Natürlich erwischt dich die neugierige Nachbarin, als du mit deinem Rad aus dem Haus kommst. Sie trägt heute eine Kittelschürze mit roten Tulpen.

„Na, wieder knapp dran.“ Du ignorierst sie und schwingst dich auf dein Rad.

Natürlich bist du pünktlich. Deine Schulleiterin achtet sehr darauf. Sie hat recht. Es ist nicht gut, wenn du erwartest, dass die Schüler pünktlich sind und du selbst zu spät kommst.

Heute ist ein gelungener Tag. Deine Schüler sind sehr willig und du bist richtig gut. Sie verstehen, was du von ihnen willst. Das ist ein Glück. Denn die Eltern haben auf dem letzen Elternsprechtag gemeckert. Ihre Kinder lernten in Englisch zu wenig. Woher wollen sie das wissen? Sie kümmern sich doch gar nicht um ihre Sprösslinge. Sie wollten dich nur kontrollieren.

Nach der fünften Stunde willst du die Schule verlassen.

Die Beratungslehrerin hält dich auf.

„Hast du an die Noten für das Halbjahr gedacht? Ich habe sie noch  nicht in meinem Fach gefunden. Du bist immer später dran.“

„Blöde Kuh, immer hinter den Kollegen her.“ Auch das denkst du nur.

Du holst dein Rad und fährst zu Rewe. Mit einem Einkaufswagen läufst du an dem Wachmann vorbei, der sich in schöner Lageweile am Eingang herumdrückt. Eigentlich kann er nichts ausrichten, wenn er im Eingangsbereich vor den Kassen steht. Vielleicht bekommt er Signal von den Kameras, die mit Sicherheit im Verkaufsraum installiert sind. Als Kundin gehöre ich zu den Personen, die überwacht werden müssen. Auch bei Rossmann wandern scharfäugige Wachmänner zwischen den Kunden hin und her.

Du greifst zu Eiern, Obst und Fleisch. Du zögerst vor dem Stand mit den Süßigkeiten. Aber nein, die Vernunft siegt. Du willst auch nicht zu viel Geld ausgeben. Dein Mann achtet sehr auf die Ausgaben für den Haushalt. Aber nur, wenn du einkaufst. Er gibt ungeordnet Geld für Dinge aus, die im Nachhinein weggeworfen werden, weil sie nicht in den Haushaltsplan passen.

Du fährst nach Hause, lädst deine Einkäufe ab und machst dir einen Kaffee. Du setzt dich auf einen Küchenstuhl und  legst deine Beine hoch.

Ein bisschen Ruhe. Niemand will etwas von dir. Jetzt kannst du machen, was du willst. Niemand beobachtet dich.

Aber das soll nicht sein. Das Telefon klingelt. Deine Mutter ist dran.

„Du hast dich seit zwei Wochen nicht gemeldet. Und von einem Besuch ist nicht die Rede. Du warst seit vier Wochen nicht bei mir. Was treibt du eigentlich den ganzen Tag?“

„Willst  du wirklich eine Liste machen? Ich bin berufstätig, wie du weißt, versorge ein Kind und einen Haushalt. Ich schaffe es nicht, dich öfter zu besuchen. Du bist gesund und kannst reisen. Warum suchst du dir nicht Freundinnen, mit denen du Karten spielen oder ins Kino gehen kannst. Außerdem hast du Söhne. Sie wohnen nicht weit weg. Aber das sind die Goldsöhnchen, die können nichts falsch machen.“

Sie ist beleidigt und legt auf.

Das Telefon klingelt wieder.

Der Kollege Bernd.

„Warum hast du Uschi Müller nach Hause geschickt? Sie  geht in meine Klasse und wenn sie jemand nach Haus schickt, dann bin ich das.“

„Die Schülerin hatte, wie so oft, schwere Migräne. Ich habe die Mutter angerufen und da ich die unterrichtende Lehrerin war, habe ich Uschi mit einer Begleitung nach Hause geschickt. Ich habe versucht, dich auf deinem Handy zu erreichen, um dich zu informieren. Aber du hast nicht reagiert.“

„Du hättest mich über WhatsApp informieren können.“

„Du weißt, dass ich weder WhatsApp noch Facebook nutze. Ich begebe mich ungern in die Fänge von Herrn Zuckerberg.“

Der Kollege grunzt etwas Verächtliches und beendet das Gespräch.

Du siehst auf die Uhr. Das wird knapp. Du musst die Kleine aus der Kita holen. Du steigst in die Tram. Gibt es hier auch eine  Kamera? Ja, natürlich, an der Decke. Du bist versucht, ihr eine lange Nase zu machen oder die Zunge raus zu strecken. Aber das tut man nicht. In der Tram beobachten dich die anderen Fahrgäste. Und die Kamera registriert das auch.

Die Erzieherin wartet schon.

„Wieder zu spät. Das dritte Mal in dieser Woche. Ich brauche auch mal Feierabend.“

Zu Hause sitzt dein Mann bei seinem ersten Bier auf dem Sofa.

„Wann gibt es Essen? Was hast du den ganzen Tag gemacht? Ich konnte dich nicht auf deinem Handy erreichen.

Fragte er dich aus Interesse oder wollte er dich kontrollieren?

Nach dem Essen willst du dich zurückziehen. Du bist müde und willst ins Bett gehen.

„Wie, schon ins Bett?“

Hast du an diesem Tag nur ein Mal etwas tun dürfen, das nicht irgendwie moniert oder kontrolliert wurde? Ja sicher, die morgendliche Dusche und das Frühstück blieben unkommentiert und auch die Tasse Kaffee nach dem Einkauf wurde nicht hinterfragt. Es war niemand da, der dich beobachtet hat. Und eine Kamera gibt in es in deiner Küche und auch in deinem Bad nicht.

25.2.20 16:31

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