50 Jahre - 1970/71 bis 2020/21

 

Lebenszeit

50 Jahre – 1970/71 bis 2020/21

Die Party

Eine Freundin hatte sie eingeladen.

Sie saß neben einem jungen Mann. Er war schlank und schüchtern. Über der Stirn hatte er ein einsames Löckchen, das sich zu einem Ring kringelte.

Ihr Kleid war lang und dunkellila. Das fand er gut.

Er sah sie an, sie sah ihn an. Es war langweilig. Was kann man sich erzählen? Sie wusste, dass er Psychologe war und sie hatte vier Kinder. Also von den Kindern erzählen und Fragen zur Erziehung stellen. Aber nicht zu viel. Sie kannte ihn noch nicht.

 Die Freundin will kuppeln. Welchen Mann soll ich dir zu Silvester einladen? Ihre Wahl fiel auf den schweigsamen langweiligen Mann.

Du kannst mich ja mal anrufen, sagte er am nächsten Morgen. Sie musste bald fort, zu ihren vier Kindern.

 

Die Trompete und das Meerschweinchen

Sie wollte ihn anrufen, aber sie kannte seine Telefonnummer nicht. Sie fragte die Freundin.

Meinst du den von Silvester? Oh, oh, kicherte die Freundin. Sie bekam die Nummer und rief an.

Das Gespräch dauerte zwei Stunden. Die Kinder schliefen und sie lag auf der Frotteevorlage im Bad, das Telefon neben sich. Sein Kabel war zu kurz und das Gespräch zu lang.

Du kannst mich ja mal besuchen, mit den Kindern.

Eines Sonntags tat sie das. Ihr hellblauer Fiat war voller Kinder.

Er öffnete die Haustür. Er trug ein buntes Hemd und eine weiße Jeans.

Der Jüngste schoss in die Küche, holte sich einen Stuhl und wusch das Junggesellengeschirr ab. Super, den hast du gut erzogen.

Die anderen Kinder bliesen in die Trompete, verschreckten das Meerschweinchen und streichelten den orangefarbenen Fernseher.

Es gab Toastbrot und Kakao. Als sie gegangen waren,  gähnte der Gastgeber  laut. Dieser Nachmittag hatte ihn geschafft. Er ahnte noch nicht, was auf ihn zukommen würde.

 

Rummachen und Umzüge

Er kam zu Besuch, immer öfter. Die Söhne sprangen auf ihm herum und sie kreischten glücklich. Noch nie hat jemand so schön  mit ihnen rumgemacht.

Die Tochter wollte ihn erst nicht. Wenn er abends kam, setzte sie sich ans Klavier und spielte alles, was sie konnte. Sie wollte nicht, dass sie allein bleiben. Sie war eifersüchtig. Er blieb nicht über Nacht und es klappte oft  nicht wie geplant.

Er kümmerte sich um die Kinder, brachte sie in den Kindergarten, brachte sie zu der Großmutter, er wurde unentbehrlich.

Sein Vater besaß ein Häuschen im Sauerland, am Möhnesee. Die Familie machte dort Urlaub. Das Schwimmen ist köstlich, sagte eins der Kinder.

„Wann besuchen wir den netten Mann mit dem Meerschweinchen mal wieder“, der Jüngste hatte nicht begriffen, dass der nette Mann jeden Tag bei ihnen war.

Sie zogen aufs Land in ein schönes großes Haus. Er zog mit.  Sie hatten eine Wohnung, der untere Stock war für die Kinder. Sie lebten dort mit vielen Meerschweinchen und Goldhamstern. Es war immer etwas los. Die Nachbarn rümpften die Nase – so viel Freiheit und gefährliche Spiele. Matsch konnte man doch abgewaschen - es war ländlich.

Aber das Fahren zur Arbeit und in die Schulen wurde zu zeitaufwendig und mühsam. Sie zogen in ein Hochhaus in der Stadt, in den 5.Stock – eine Wohnung für die Mutter und drei Kinder, ein kleinere Wohnung für ihn mit einem Kind.

 

Die neue Stelle

Ihm wurde eine Stelle angeboten -  in einer anderen Stadt, weit weg. Eine gute Stelle und er sollte sie annehmen, fand sie. Sie hatte einen Job und  wollte erst fertig studieren.

Er nahm die Stelle an und wohnte allein in der anderen Stadt. Er langweilte sich. Das  Kindergeschrei und das Toben fehlten ihm. Er kam immer öfter zurück und brachte etwas Gutes zu essen mit. Wenn er kommt, gibt es endlich etwas Ordentliches zu essen, sagte die Tochter. Aber den Hummer wollten die Kinder nicht.

Sollte sie auch in die andere Stadt ziehen, mit ihm in eine enge Wohnung, ohne Job?

Dann müssen wir eben heiraten. Du kannst zu Ende studieren. Ich  verdiene genug. Sie weinte, aber er nahm ihr das nicht übel.

Der Jüngste sagte, wir heiraten ihn.

Es wurde auf der Hochzeit Cha Cha Cha getanzt und die Familie zog in die andere Stadt. Am nächsten Tag fuhren sie alle nach Dänemark. Eine Hochzeitsreise mit fünf Kindern. Die Tochter hatte eine Freundin mitgebracht. Der Jüngste musste auf einem Klappbett schlafen. Es machte ihm nichts aus.

 

Kinder, Kinder ,Kinder

Die Kinder wurden erwachsen. Die Tochter hatte einen drogensüchtigen Freund. Lange Gespräche, die nichts nutzten. Lange Jahre der Missverständnisse – niemand liebt mich, Partys mi Alkohol .

Alles im Rahmen des Normalen, sagte er. Sohn 1 hatte Freudinnen, die sich wie zu Haus fühlten. Was haben Sie im Kühlschrank?

 Er ging nach Amerika, bevor er schwierig wurde. Ein Jahr war er weg und kam erwachsen zurück

Es bleibt uns nichts erspart, sagte er, noch schlaftrunken, als  Sohn 2 eines Nachts von der Polizei nach Hause gebracht wurde. Er hatte mit einem Freund anarchistische Sprüche an die Wände von Unterführungen geschmiert. Bei dem Gerichtsverfahren bekam er Sozialstunden aufgebrummt. Sie hat zu ihrem Sohn gestanden. Du warst Klasse, sagte Sohn 2. Das war sein letzter freundlicher Satz.

Lange nächtliche Gespräche und Diskussionen. Sexualität, Politik, Moral, Lebenshilfe –unzählige Themen. Resignation angesichts der Argumente der Erwachsenen:  Euer Gelaber kann ich nicht mehr ertragen.

Ich mache, was ihr wollt. Ich will keinen Ärger,  sagte Sohn 3.

Erleichtert atmeten sie auf.

 

 Reisen

Die Kinder waren aus dem Haus. Was jetzt? Keine Schreckensmeldungen, keine Polizei mehr im Haus, keine nächtlichen Gespräche – was tun mit dem einen Kind, was mit dem anderen? Es war Zeit für die eigenen Probleme. Aber eigentlich gab es keine. Gab es wirklich keine? Kannten sie sich? Was jetzt tun? Sie waren ratlos.

Jetzt war die Zeit für gemeinsames Reisen gekommen. Ohne Kinder, nur sie beide standen im Mittelpunkt. Sie fuhren nach Holland, nach Mallorca, auf die Kanaren, nach Amerika, nach Samos und in die Toskana. Ihre schönste Reise ging später nach Hawai.

Sie waren frei. Ihre Gespräche waren ihre Themen, nicht die der Kinder. Was fühlte er, was fühlte sie? Hatte er jemals das Bedürfnis gehabt, auszusteigen aus der anstrengenden Familie? Er kann sich nicht erinnern. Hätte sie darunter gelitten? Sie weiß es nicht. Die Kinder waren das Wichtigste.

 

Das Haus

Sie kauften ein großes Haus in einer kleinen Stadt. Es war ein schönes Haus mit zwei Terrassen und einem Garten. Wenn die Kinder mit ihren Familien zu Besuch kamen, hatten sie genug Platz.

Fünf Enkel kamen auf die Welt, einer nach dem anderen.

Sie kamen zu Besuch, aber längere Aufenthalte von Enkeln waren nicht erwünscht. Sie wollten ihre Ruhe haben. Sie mussten auch noch arbeiten.

Als die Tochter starb, nahm er sie in den Arm. Er war bei ihr bis zur letzten Minute. In der Zeit wohnte die Tochter der Tochter bei ihnen. Sie wurde ihr fünftes Kind.

 

Berlin

Das Haus wurde zu groß. Ihre Berufszeit war zu Ende. Sie dachten noch  nicht an Veränderung. Aber es wurde langweilig. Nur wenige Kollegen und Freunde machten sich auf den Weg in die  kleine Stadt.

Auf zu neuen Ufern. Sie zogen nach Berlin, in die Wohnung von Sohn 1. Er lebte in London. Aber es kam anders, als sie erhofft hatten. Das Alter schlug zu und mit ihm die Arzttermine.

Aber sie waren zufrieden. Wenn es die große Liebe gibt, dann hat sie im Alter eine Chance. Jetzt achteten sie aufeinander. Nichts störte sie dabei. Keine Kinder, keine Enkel, nur sie beide waren wichtig: Der Rosenstrauß zum Geburtstag, der Stremellachs zum Brunch, der Whiskey am späten Nachmittag und ein freundlicher Blick, das Lachen über die Welt und das Kopfschütteln über die Politik.

Was will man mehr!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

29.12.20 22:11

Letzte Einträge: Mütter, Erstimpfung, Zwei Geburtstage..., Erholung auf dem Balkon

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