Schaukeln Se mal

Schaukeln Se mal...


Es ist ein Bäckerladen, aus dem es duftet. In seinem Schaufenster locken süße Leckereien. Vier Menschen stehen davor, zwei sind im Laden. Sie müssen warten, wegen Corona. Deshalb haben sie einen Mundschutz in den Gesichtern und stehen artig im geforderten Abstand.

Ich stehe an zweiter Stelle, hinter einem Kinderwagen, vermutlich mit einem Kind darin. Wer sollte eine leeren Kinderwagen mit sich führen. Es ist mir egal. Es interessiert mich nicht. Ich fühle mich auch nicht bemüßigt, mich über den Wagen zu beugen, nachzusehen und „tatata“und „ei, ei, ei“ zu machen.

Der Vater, vermutlich ist er es, trägt einen dunklen Mantel und eine schwarze Mütze, die ihm weit in die Stirn reicht. Der Mundschutz ist auch dunkel. Er beschäftigt sich mit seinem Handy und schaukelt mit der linken Hand den Kinderwagen. Er schweigt und liest. Sein Kontakt mit dem Kind ist das Schaukeln.

Eine sehr dicke Frau steht hinter mir, ganz in schwarz gekleidet, mit silbernen Ketten und Armreifen behängt. Sie stöhnt.

Diese Warterei, wie in der DDR...“

Na ja, immerhin geht es hier nicht um Klopapier oder Sauerteigbrot, sondern um Croissants, Schrippen und Vollkornbrötchen. Schon besser, nicht wahr?

Hinter ihr steht ein älterer Mann, der wippt. Er dehnt seine Fußsohlen - Fuß auf die Zehenspitzen, dann auf die Hacken. Ist es Ungeduld oder das Nutzen der Zeit während des Wartens.

Eine alte Dame, dünn und weißhaarig, komm aus dem Laden. Sie steigt vorsichtig die zwei steilen Stufen herunter. Das müsste mal geändert werden, wenigstens mit Handläufen rechts und links.

Der Vater ist dran. Er steckt sein Handy weg und wendet sich mir zu.

Schaukeln Se mal...“, etwas verblüfft nehme ich den Griff des Kinderwagens in die Hände und schaukle. Der Vater verschwindet im Bäckerladen und ich schaukle unermüdlich. Mal sehen, was ich hier eigentlich schaukle. Ich riskiere einen Blick in den Kinderwagen.

Ein hässliches Baby mit einem dicken Kopf sieht mich an. Seine grüne Mütze hängt ihm fast in die Augen. Es sieht mich und verzieht seinen Mund, als wollte es schreien. Nein, bitte nicht. Ich starre in den Wagen, in die wässrigen Augen des Säuglings. Das wirkt. Kein Gebrüll, kein Protest.

Siehst du, ich habe schon manches Baby ruhig gestellt. Wie gut, dass ich so etwas wie dich nicht mehr hüten und betreuen muss. Ich schaukle und schaukle, bis der Vater mit einer großen Tüte Backwerk aus dem Landen kommt.

Ich löse meine inzwischen fast festgewachsenen Finger von den Kinderwagengriff.

Danke“, murmelt der Vater, greift nach dem Wagen und schaukelt sein Kind die Straße entlang. Jetzt fängt das Baby an zu schreien. Warum eigentlich? Habe ich besonders gut geschaukelt? Sein Handy muss er stecken lassen, denn er muss schaukeln und eine große Tüte backfrische Leckereien festhalten. Drei Hände hat der Mensch nun mal nicht, obwohl aktive Handybenutzer es gut fänden.

Sein Baby schreit. Bei mir hat es Ruhe gegeben. Warum? Das ist genauso rätselhaft wie sein Geschrei beim Auftauchen des Vaters. Vielleicht sollte er die Technik des starren Blicks lernen.












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23.5.21 11:33

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