Varianten des Zusammenlebens

  • Varianten des Zusammenlebens


Ich fahre gern Tram. Man sieht viel von den Häusern. Sie ist nicht so voll, kein Gedränge, meistens ohne Verspätung. Manchmal fällt sie aus, aber dann kommt bald die nächste.

Heute ist Weißensee mein Ziel, zum Laufen oder Schwimmen.

Da sitzt eine Frau, mir gegenüber. Ein Handy klingelt in ihrer Tasche. Sie wühlt hastig. Wo ist es? Dann spricht sie, laut und aufdringlich, dann leise und liebevoll, fast tröstlich. Sie schiebt, wie nervös, immer wieder ihr langes Pony nach hinten auf den Kopf. Es ist zu lang und die schwarzen Strähnen fallen über ihre dicken dunklen Augenbraun. Ihre Beine mit den roten Lackstiefeln wippen. Mager ist sie und spitznasig.

Reg dich nicht auf - ich komme ja...“

Wer ist der Mensch am anderen Ende? Der Partner, die Mutter, eine Freundin?

Bis gleich...“, sie sieht müde aus.

Ein Treffen, mit wem?

Jetzt rutscht das Handy zurück in die Tasche. Sie steht auf, etwas behäbig, wartet auf die Türöffnung der Tram. Wohin geht sie jetzt?

Sie steigt aus. Der Schritt nach unten auf die Straße macht ihr Mühe. Hat sie Probleme mit den Beinen? Wie alt ist sie? Vielleicht fünfzig? Sie humpelt ein bisschen.

Wohin geht sie jetzt?

Zu ihrem Mann, nach Hause?

Es könnte sein, dass der Mann sich freut, sie zu sehen.

Endlich bist du da?“ Will er etwas von ihr?

Er umarmt sie.

Was gibt es heute Abend zu essen? Hoffentlich keine Pasta oder Pizza“,

er merkt nicht, wie müde sie ist. Er will sein Abendessen.

Damit bin ich nicht zufrieden. Gibt es keine andere Möglichkeit?

Wie wäre es, wenn er schon gekocht hätte.

Sie betritt die Wohnung und schnuppert.

Knoblauch? Nein, bitte nicht.

Er begrüßt sie – stolz, mit einem Glas Wein in der Hand.

Zum Wohl, meine liebe Frau, wie war dein Tag?“

Sie trinken und sie erträgt den Knoblauch an seiner Soße.

Warum soll sie Knoblauch essen, wenn sie nicht will? Ihm zuliebe oder des lieben Friedens willen?

Aber vielleicht gibt es auch Ehemänner oder Partner, die sie liebevoll begrüßen, umarmen und küssen.

Weißt du was? Wir gehen jetzt essen und dann gehen wir früh ins Bett.“

Oh, nein, bitte nicht – nicht jeden Abend Liebe. Sie ist so fertig.

Gibt es noch andere Varianten? Aber sicher!

Er sitzt auf dem Sofa, die Beine weit von sich gestreckt.

Wo warst du? Ich habe Hunger.“

Sie sieht ihn an, stumm, zuckt mit den Achseln.

Er steht auf, schlägt zu. Sie schwankt und fällt.

Ich habe Hunger.“

Sie steht auf und dann...?

Vielleicht steht morgen in der Zeitung: Notwehr nach ehelicher Gewalt. Hat sie ihn erschlagen?

Ich sitze noch immer in der Tram, in Gedanken bei der Frau.

Aber mit wem hat sie in der Tram telefoniert, wenn es nicht der Ehemann oder der Partner war?

Vielleicht war es ihre Mutter? Das würde ihre spätere liebevolle Ansprache erklären, das Senken der Stimme in Geduld.

Vielleicht sitzt die Mutter im Rollstuhl und wartet, wartet möglicherweise den ganzen Tag.

Endlich bist du da. Ich brauche meine Medikamente.“

War die Pflegerin nicht da?“

Die ist nie da“, die Mutter ist gebrechlich und nörgelt.

Die Tochter weiß, dass das nicht stimmt. Die Mutter ist sehr vergesslich..

Immer bin ich allein.“

Auch keine schöne Vorstellung.

Wie wäre es, wenn die Mutter noch frisch und rüstig wäre und ihr auch häufig die Kinder abnähme. Es sollte auch eine nette Person in ihrem Leben geben.

Aber sie hat Angst, dass die Mutter sich übernimmt und vielleicht an Corona erkranken könnte. Es heißt ja, dass man die Großmütter nicht als Babysitter nutzen sollte. Das wäre gefährlich.

Viellicht lebt die Frau aus der Tram allein und ist zufrieden damit. Vielleicht hat sie eine Freundin, mit der sie glücklich ist. Vielleicht hat sie mit einem ihrer Kinder telefoniert, die Hilfe brauchen. Es gibt so viele Varianten des Zusammenlebens und wer es schafft, sich die Besten an Land zu ziehen, der ist begnadet. Aber nur zufrieden und glücklich geht nicht. Meine Tram hält. Ich bin jetzt zufrieden und freue mich auf meine sportlichen Betätigungen. Niemand will etwas von mir. Ich mache nur das, was ich will, jedenfalls hier am Weißensee.






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5.9.21 10:37

Letzte Einträge: Mütter, 50 Jahre - 1970/71 bis 2020/21, Erstimpfung, Zwei Geburtstage..., Erholung auf dem Balkon

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