Isi und der Floh

 Sie hieß eigentlich Luise Spitzbart. Ihr Vater nannte sie Schwester Luise. Das war auch besser, denn Spitzbart ist kein guter Nachname. Er gehört ans Kinn von Männern, rund oder spitz. Aber ein Name ist er nicht. Es gibt komische Nachnamen. Sie  hatte schon von einem Herrn Kohlenklau oder von einer Frau Fischschwanz gehört. Aber Spitzbart ist etwas Besonderes.

Die  Kinder nannten sie Isi. Sie wohnte in der unteren Wohnung des Pfarrhauses und gehörte zur Familie. Das kleine Mädchen besuchte sie gern. Jedes Mal hatte Isi etwas Leckeres - entweder Vanillepudding oder ein Stückchen Kuchen. Sie fühlte sich wohl bei Isi, weil sie nichts von ihr wollte.

Sie war die Gemeindeschwester in der Gemeinde ihres Vaters, der Pfarrer war. Sie war eine Diakonisse.

„Was ist eine Diakonisse?“ fragte sie. Sie kannte nur Hornissen und die waren nichts Gutes.

„Diakonissen leben normalerweise zusammen in einem Haus und helfen in der Kirche. Manchmal leben sie auch in den Gemeinden, so wie ich bei euch. Ich gehe zu den Armen und Kranken, in die Krankenhauser und ich helfe deinem Vater, wo ich kann.“

„Warum hast du keinen Mann?“

„Wir Diakonissen dienen dem lieben Gott und arbeiten in der Kirche. Sie sind immer lieb und freundlich und sie wollen keinen Mann und keine Kinder. Ich brauche ja auch keine Kinder. Ich habe ja dich und deine Geschwister.“

„Warum ziehst du immer das gleiche Kleid an?“

„Die Diakonissen verpflichten bescheiden zu leben. Ich habe eine Schwesterntracht. Das ist das schwarze Kleid, das du kennst und ich trage eine weiße Haube, wie alle Diakonissen.“

Sie hätte sehr gern gefragt, wie es unter der Haube aussieht, aber das hat sie dann doch gelassen.

Ein Erlebnis wird sie nie vergessen. Sie hat Isi noch deutlich vor Augen. Breit füllte sie die Öffnung ihres Küchenfensters und schüttelte mit gewaltigen Bewegungen ihre schwarzen Kleider aus. Sie  hatte sie noch nie ohne diese Riesengewänder gesehen. Jetzt trug sie einen weiten Kittel und ihre weiße, wie in Papier gefaltete Haube, bebte in der Erschütterung. Warum setzte sie dieses steife Ding nie ab?

„Was machst du da?“ Sie stand vor dem Fenster und sah zu ihr hoch.

„Ich habe einen Floh. Diese bündige Information machte sie erst mal sprachlos. Was war ein Floh?.

Sie war erst vier Jahr alt und unerfahren. Mit Ungeziefer hatte sie noch nichts zu tun.

„Was ist ein Floh?“

„Das ist ein unangenehmes winziges Tier, das beißt.“

„Hat es dich schon gebissen? Wohin hat es dich gebissen?“

Dazu äußerte sich Isi nicht. Sie schüttelte unentwegt.

„Wo findet man denn einen Floh?“

„Der springt einen an, wenn er in einer Familie ist, die sich nicht wäscht und ein bisschen stinkt.“

Diese Auskunft machte sie  sehr nachdenklich. Bekommt man einen Floh, wenn man sich nicht wäscht?

„Jetzt hör auf mit der Fragerei.“ Isi holte die langen Bahnen ihres schwarzen Kleines von Fenster weg und schloss es.

Sie hatte Isi täglich nach ihrem Floh gefragt und war ihr sicher auf die Nerven gegangen. Aber sie fand den Floh spannend.