Der Hitlergruß

 

„Nur raus hier, wieder in meinen ruhigen Garten mit der Schaukel’, hilflos sah das Mädchen auf die tobende Kinderschar.

Es war ihr erster Schultag. Sie stand mit ihrer Mutter, eine bunte Zuckertüte im Arm, auf einem großen Hof und sah die vielen Kinder, die wie aufgezogen durcheinander tobten. Warum waren sie so  laut? Sie wollte weg.

Sie wuselten durcheinander und schubsten sie mit ihren Zuckertüten. Sie hielt ihre Zuckertüte fest an sich gedrückt. Es durfte ihr nichts passieren. Sie war so schön bunt. Ihre Mutter hatte Äpfel und ein paar Bonbons rein gepackt.

Sie fand die Kinder  blöd und albern, die kleinen Mädchen mit den Hahnenkämmen auf dem Kopf und die Jungen mit den kurzen Hosen.  

Die kleine ältere Frau, die plötzlich vor den Kindern stand, erschien ihr wie eine Retterin. Sie hatte viele kleine Fältchen im Gesicht und trug einen großen grauen Dutt im Nacken.

„Ruhe!“, rief sie und sofort wurde alles still.

„Jetzt stellt ihr euch, immer zu zweit, hintereinander auf. Ihr nehmt euch bei den Händen. Wir gehen jetzt in unseren Klassenraum. Ich bitte die Eltern, hier zu warten. In etwa einer Stunde sind wir zurück.“

Sie  nahm ihre Zuckertüte in den linken Arm und ergriff mit der rechten Hand die schweißnasse eines kleinen Mädchens, das genauso ängstlich aussah, wie sie sich fühlte.

Der Klassenraum war kalt und ungemütlich. In den  grauen Wänden waren dunkle Löcher, die wie kleine Höhlen aussahen. Kamen da vielleicht kleine Käfer raus?

Sie mussten sich, wieder zu zweit, auf harte Holzbänke setzen. Die Tische waren schmutzig, voller Tintenflecke und eingeritzter Namen und Bilder. Der grüne blanke Fußboden, auf dem sie standen, stank nach Schmierseife. Sie schnüffelte ganz leise, damit sie niemand hörte. So roch es, wenn ihre Mutter die Küche gewischt hatte.

Sie  wollte ihre Zuckertüte auf ihren Schoß legen, der Tisch war ihr zu schmutzig, da mussten sie schon wieder aufstehen.

Die kleine Frau stand vor ihnen und erhob den rechten Arm. Ihr langer grauer Rock flatterte hin und her und die karierten Muster ihrer langarmigen Bluse bewegten sich unruhig. Das sah komisch aus.

„Heil Hitler“, sagte sie und die Kinder mussten auch den Arm nach oben recken und „Heil Hitler“ sagen.

„Ich heiße Fräulein Hennig und ich bin eure Lehrerin. Wir werden miteinander rechnen und schreiben lernen. Ich hoffe, ihr seid fleißig und brav, damit ihr diesem Mann Freude bereitet.“

Sie ging auf ein Bild zu, das an der grauen Wand neben der Tür hing. Es zeigte einen Mann, der lachte und sich  über eine Gruppe von Kindern beugte. Er hatte einen schwarzen Schnurrbart.

„Das ist euer Führer. Er heißt Adolf Hitler und er liebt Kinder.“ Fräulein Hennig erzählte noch viel mehr von dem Führer.

„Er baut große Straßen und er sorgt dafür, dass alle Leute Arbeit haben.“

Sie hatte noch nie etwas von Adolf Hitler gehört und sie fragte ihre Mutter, als sie wieder zu Hause waren.

„Ist Adolf Hitler auch dein Führer und wo wohnt er?“

Ihre Mutter hatte plötzlich eine tiefe Falte auf der Stirn.

„Adolf Hitler ist der Führer von uns allen und er wohnt in Berlin“, ihr Bruder Peter wusste es genau.

Die  Mutter sagte nichts, aber sie holte tief Luft, als atme sie die Worte ein, die sie hätte sagen wollen.  Gab es da noch etwas?

Irgendetwas stimmte nicht. Ihre Eltern sahen oft sorgenvoll aus. Sie sprachen viel Französisch. Das taten sie nur, wenn die Kinder etwas nicht hören sollten. Und oft wurden sie einfach aus dem Zimmer geschickt. Ihr gefiel das nicht. Warum durften Kinder viele Sachen nicht hören?

Aber diese Fragen vergaß sie bald. Sie lernte Buchstaben auf einer Schiefertafel mit Linien, die anzeigten, wohin man die Buchstaben setzten mussten. Sie lernte „rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf.“ Das war das kleine „i“. Aber sie muss wohl bald die lateinischen Buchstaben gelernt haben. Denn sie konnte sich nicht erinnern, dass sie je die deutsche Schrift benutzt hätte.

Es machte ihr Spaß und sie liebte ihre Lehrerin, obwohl sie täglich „Heil Hitler“ sagen musste. Sie hatte immer ein komisches Gefühl dabei.