Amtsenthoben

 

Der  Vater kam von einer Beerdigung nicht nach Hause. Ihre Mutter wartete. Da klingelte das Telefon. Sie nahm den Hörer und drückte ihn an ihr Ohr, immer fester. Ihre Fingerknöchel wurden ganz weiß. Dann  packte sie eine Tasche.

„Wo gehst du hin?“,  sie griff nach der  Mutter, als sie die Treppe zur Haustür hinunter hasten wollte.

„Ich muss zu deinem Vater und ihm seine Zahnbürste bringen.“

„Kann er sich nicht heute Abend die Zähne putzen.“

„Nein, er ist im Gefängnis.“

In  einem Gefängnis waren doch nur Diebe und Mörder. Ihr Vater hatte doch nichts angestellt. Im Gegenteil, er half den Leuten in seiner Gemeinde. Er besuchte sie und tröstete sie, wenn sie Kummer hatten oder krank waren. Sie wusste das. Sie hatte ihn einmal zu einer alten Frau begleitet, die in einem Rollstuhl saß. Sie konnte nicht mehr sprechen und ihre Hände griffen immer nach ihrem Vater. Sie zitterte und die Spucke lief ihr aus dem Mund.

„Sie hat Multiple Sklerose. Das ist eine Nervenkrankheit.“

Sie wollte ihren Vater nicht fragen, was Nerven sind.

Er kam nach drei Tagen wieder aus dem Gefängnis.

„Es war gar nicht so schlimm“, erzählte er, „ich habe mit den Gefängniswärtern Skat gespielt.“

 Aber er wurde amtsenthoben. Er durfte nicht mehr predigen oder Leute taufen und beerdigen. In der kleinen Georgenkirche stand ein Vertreter auf der hübsch verzierten Kanzel und predigte auf die frommen Leute herunter.

„Warum darf Vater nicht mehr predigen?“

 Ihre Mutter hatte Schwierigkeiten, die Frage zu beantworten.

„Er hat eine andere Meinung als seine Kollegen. Und du weißt, dein Vater sagt immer seine Meinung.“

Da hatte sie recht. Aber warum wurde er bestraft? Jeder hatte doch mal eine eigene Meinung. Da musst noch mehr dahinter stecken.

Eines Tages stand ein junger Mann vor der Haustür.  Sie öffnete ihm. Klein, aber stramm und aufrecht, stand er da. Seine blonden Haare waren kurz. Sie sahen wie ein Helm aus. An den Seiten waren sie ausrasiert. Die Stoppeln ekelten sie. Stoppeln ekeln sie immer.

„Heil Hitler!“ Er streckte seinen Arm nach oben. Ihr Vater sagte: „Guten Tag!“

Der  junge Mann verzog sein Gesicht, aber er schwieg dazu.

„Mein Name ist Oldenburg. Ich soll Sie in der Gemeinde vertreten.“

Der Vater bat ihn in sein Amtszimmer und sie konnte nicht hören, was sie sprachen.  Warum konnte ihr Vater nicht mehr in der Gemeinde sein? Er war doch nicht krank.

Sie sah auf die Tür des Amtszimmers, hinter der ihr Vater mit dem jungen Mann verschwunden war.

Plötzlich wurde sie aufgerissen und der junge Mann rannte mit Riesenschritten zur Haustür und verschwand.

Die Mutter kam hastig die Treppe herunter.

„Was ist denn los?“

„Ach, das war der junge Mann, der mich in der Gemeinde vertreten sollte. Ich habe ihn gefragt, ob er mich auch für einen Judenknecht hielte und da ist er wütend abgehauen.“

Was war denn ein Judenknecht? War das ein Schimpfwort? Warum sollte ihr Vater ein Judenknecht sein?  Was war ein Jude und was war ein Knecht?