Bombenangriff

 

Das Mädchen verstand das alles nicht. Warum mussten sie jede Nacht aus ihren Betten steigen und in den Keller rennen. Sie waren noch ganz verschlafen und verwirrt. Einmal zog sich Peter nackt aus und band sich seine grüne Gartenschürze um den Bauch. Er schlief noch.

Sie hatte mitbekommen, dass die Amerikaner und Engländer möglichst viele deutsche Menschen umbringen wollten. Das war ein totaler Krieg, so hieß es. Deshalb flogen sie mit ihren schrecklichen Flugzeugen über die Städte und warfen Bomben. Aber warum? Es hieß, dass Hitler auch Bomben warf, aber in England und Frankreich. Sie verstand nicht, was sie damit zu tun hatten. Sollten sie doch Hitler umbringen. Sie hatten doch niemand etwas getan.

Ihr Vater war weg. Man hatte ihn zum Militär eingezogen. E sollte jetzt als Soldat kämpfen und nicht mehr von der Kanzel predigen. Ihre Mutter musste alles allein machen. Sie war für das Haus und die Kinder verantwortlich. Sie jagte die Kinder Tag und Nacht in den Keller, immer dann, wenn die Sirenen jaulten und die Flugzeuge anflogen.

Jeden Tag und jede Nacht gab es Bombenangriffe. Die Sirenen heulten und sie rannten in den Keller. Wenn das während der Unterrichtszeit passierte, dann wurden die Kinder nach Hause geschickt. Sie hatte fürchterliche Angst, wenn sie durch die Straßen lief. Ihre Mutter stand in der Haustür und wartete auf sie und ihre beiden älteren Geschwister.

„Schnell, schnell in den Keller.“

Auch nachts hieß es „schnell, schnell, aufstehen. Wir müssen in den Keller.“

Der Keller war bequem eingerichtet. Ein Stockbett machte es möglich, dass die Kinder sich hinlegen konnten. Es gab Stühle und in einem Regal gab es Gläser mit Eingemachtem. Zu trinken gab es auch genug.

Und dann kamen die Flugzeuge. Man hörte sie erst leise brummen. Sie wurden immer lauter, gefährlich laut. Wie ein Schwarm großer Vögel flogen sie mit ungeheurem Getöse über die Stadt hinweg.

Schon beim ersten Brummen war ihr eiskalt vor Angst. Panisch hielt sie sich die Ohren zu, wenn sie dieses grollende Lauterwerden hörte. Sie hatte schreckliche Angst vor den Bomben, aber das drohende Motorengeräusch der Flugzeuge war noch unerträglicher.

Eines Nachts waren sie wieder im Keller. Sie saß auf dem Schoß ihrer Großmutter, ihre Schwester Renate saß neben Isi, der Gemeindeschwester. Peters Stuhl war leer. Er war mit seiner Schulklasse in einem Jugendlager

Christian lag im Kinderwagen, der vor den Füßen ihrer Mutter stand. Während draußen die englischen Flieger lärmten, hielt sie den Griff des Wagens so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden. Sie bewegte den Wagen auf und ab. Das beruhigte Christian und sie auch.

„Heute ist es besonders schlimm“, sagte die Mutter, „hier in Dessau gibt es Junkers. Die Engländer haben es auf die Fabrik abgesehen.“

„Was ist denn Junkers? Ist das ein Mann?“ Sie konnte sich nicht vorstellen, dass nur wegen eines Mannes so viel Bomben fallen müssen. Außerdem lenkte es sie von ihrer  Angst ab, wenn sie mit ihrer Mutter sprach.

„Das war einmal ein Mann. Jetzt heißt nur noch die Fabrik so. In der Fabrik werden Militärflugzeuge gebaut. Deshalb wollen die Engländer sie zerstören.“

Sie konnte nicht weiter fragen, weil ihre Mutter den Finger auf ihren Mund legte.

Als hätte ein englischer Flieger sie entdeckt, brummte er tief über ihr Haus hinweg. Sie steckte den Kopf zwischen ihre Beine und quetschte die Ohren fest an ihre Schenkel. Plötzlich explodierte etwas über ihren Köpfen. Es splitterte und krachte  und die Wände in dem Keller wackelten.

„Sie haben unser Haus getroffen“, die Großmutter sagte das mit leiser ungläubiger Stimme.

Isi fing an zu jammern.

„Wie kommen wir hier raus? Gott sei uns gnädig, wie kommen wir hier raus?“

Sie fing laut an zu beten.

„Luise, halt den Mund. Jammern hilft jetzt nichts.“

Die Mutter wurde energisch. Man sah ihr an, wie entschlossen sie war.

„Bleibt auf euren Stühlen sitzen, bis ich nachgesehen habe, wie wir hier herauskommen. Hoffentlich ist die Tür nicht verschüttet.“

Die Mutter tastete sich vorsichtig die Kellertreppe hinauf und schob die schwere eiserne Tür auf.

Sie verschwand im Treppenhaus.