Ausgebombt

Sie starrte auf die Kellertür, hinter der ihre Mutter geschwunden war.

‚Lieber Gott, lass ihr nichts passieren. Was soll dann mit uns werden?’ In ihrer Brust saß ein dicker Kloß, der immer größer wurde. Wann kommt sie endlich wieder?

Und die Mutter kam. Der Kloß wurde kleiner, so erleichtert war sie.

„Hier unten brennt das Treppenhaus noch nicht. Wir können durch die Haustür auf die Straße.“

Nachdem die Mutter ihr  und ihrer Schwester eine feuchte Windel um den Kopf geschlungen hatte, sogar der kleine Christian bekam einen feuchten Vorhang, wuchtete sie den Kinderwagen die Treppe hinauf. Isi hatte sich inzwischen beruhigt und half ihr. Vorsichtig stiegen sie in das Erdgeschoss hinauf. Es war so heiß wie in einer Backstube. Renate wollte die Kellertreppe nicht nach oben steigen. Sie saß auf einer der schon warmen Stufen und schrie gellend um Hilfe.

„Jetzt kann uns niemand helfen. Komm, nimm dich zusammen.“

Die Mutter schleppte sie die Treppe hoch.

Der Flur war erfüllt mit Nebel, der über die Treppe nach unten zog  Die blauen Birnen, die im Flur in die Lampen eingeschraubt waren. sorgten für eine gespenstische Atmosphäre. Sie sollten eigentlich verhindern, dass der Feind sie entdeckt. Jetzt hatte er sie trotzdem erwischt und die blauen Birnen leuchteten immer noch.

Die Tür zum Hof stand offen. Glühende Steine flogen durch den Hof und den Garten. Der Birnbaum mit ihrer geliebten Schaukel brannte lichterloh.

Benommen stolperten sie durch das Erdgeschoss auf die Straße.

Die Straße brannte. Es brannte alles, auch die Kirche schickte hohe Flammen in die Luft. Aus den Fenstern, da wo ihr Wohnzimmer war, schlugen Flammen, die wie lange viereckige Zungen an den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser leckten.

Feuerstürme trieben Abfälle und Papierfetzen durch die Luft. Es war heiß. Funken stoben über die Fußwege und Menschen wurden auf Bahren weggetragen. Sie sah einen toten Mann, der eine schwarze Glatze hatte, weil ihm die Haare weggekohlt waren. Im Gesicht hatte er rote Flecken. Es stank nach Verkohltem. In den Geruch von verbranntem Holz mischte sich etwas, über das sie nicht nachdenken wollte.

Ein Mann, der Blockwart in der  Wohngegend, kam angerannt und rief der Mutter zu: „Laufen Sie um Ihr Leben.“

 „Haben wir jetzt kein Haus mehr?“ Das konnte sich das Mädchen nicht vorstellen.

„Nein, unser Haus brennt.“

Plötzlich schrie die Mutter auf.

„Die Schuhe!“

Sie ließ den Kinderwagen los und hastete zurück, auf das brennende Haus zu.

„Halt, was hast du vor?“

Die Großmutter lief hinter ihr her und hielt sie fest.

„Ich will die neuen Schuhe retten. Ich habe doch gerade neue Schuhe für die Kinder gekauft. Wir brauchen sie so dringend.“

„Bist du verrückt geworden? Eure Wohnung brennt doch. Die Schuhe gibt es wahrscheinlich nicht mehr. Denk an die Kinder!“

Sie durfte nicht in das Haus zurück. Wie schwere Säcke hingen die Kinder an ihr, die Großmutter und Isi versperrten ihr den Weg. Sogar der kleine Christian spürte die Anspannung. Er brüllte seinen Protest aus seinem Wagen heraus. Die Mutter konnte sich nicht bewegen. Unglücklich sah sie aus.

„Die schönen neuen Schuhe.“