Christliche Nächstenliebe

Das Mädchen wusste nicht, ob sie ein Ziel hatten und wie lange sie unterwegs waren. Die Mutter schob den Kinderwagen, sie und ihre Schwester stolperten nebenher. Sie war so müde. Isi murmelte Gebete und die Großmutter war ganz still. Sie liefen weg von dem Feuer, durch die Nacht. Der Himmel war rot. Konnte es sein, das die  Flammen mit ihnen liefen?

„Wo gehen wir hin?“ Sie legte ihre Hand auf den Arm ihrer Mutter.

„Nach Mildensee zum Pfarrhaus. Die Pfarrersleute werden uns sicher aufnehmen.“

Aber die Frau Pfarrer war sehr unfreundlich. Sie machte ein böses Gesicht.  Vielleicht mochte sie keine Kinder. Blond und groß stand sie vor ihnen und hob den Arm: „Heil Hitler!“

Die Mutter sagte nicht „Heil Hitler“, sondern „Es hat sich bald ausgehitlert.“

Die blonde Frau war empört.

„So etwas wie Sie sollte man gar nicht ins Haus lassen. Sie hatten es ja nie nötig, mit dem Zeichen unseres Führers zu grüßen.“

Die  Mutter war erschöpft und gereizt. Sie vergaß, vorsichtig zu sein.

„Hitler hat uns diesen schrecklichen Krieg eingebrockt. Tausende von Menschen sterben und verlieren ihr Zuhause. Unser Haus in Dessau steht in Flammen.“

Die Frau Pfarrer faltete die Hände wie zum Gebet und sprach mit sanfter Stimme: „Das ist die Passion unseres deutschen Volkes.“

Die Mutter sagte nichts mehr.

Die Suppe, die sie bekamen, war  sehr dünn und wässrig. Sie wurde  in Pappteller gefüllt und als die Mutter um Löffel bat, erklärte ihr die Pfarrersfrau, dass sie die Löffel eingepackt habe.

„Wer weiß, was morgen kommt. Vielleicht müssen wir fliehen. Es muss alles bereit sein.“

Warum musste die Pfarrersfrau denn fliehen? Ihr Haus brannte doch nicht.

Sie tranken. Die Pappteller ließen sich biegen und so konnten sie die Suppe durch eine kleine Trinktülle in den Mund fließen lassen. Es war nicht so einfach, weil die Flüssigkeit immer wieder daneben zielte.

Die Pfarrersfrau ließ sie täglich spüren, wie lästig sie ihr waren. Dass sie den Kindern die Kriegsspielzeuge ihrer Kinder schenkte, war keine milde Tat.  Sie wollte alles loswerden, was sie mit Hitler in Verbindung bringen könnte.

Das Mädchen schrieb einen Brief an ihre geliebte Lehrerin Fräulein Hennig. Ihre Mutter hatte ihn aufbewahrt.

„Meine liebe fräulein Hennig lebst du noch wir ind in mildense in pfarer Haus aufgenomen wor den ich habe an drei + zwanzig n merz geburtztag gehabt und habe eine große pupe begomen und die heist Inge ich habe vil geschenge begomen deine Schülerin Bärbel

Auf der Rückseite des kleinen gelben Zettels hatte sie ein Bild mit Fräulein Hennig und dem grauen Knoten gemalt. Ihr folgen mehrere kleine Mädchen: An erster Stelle Bärbel, dann Inge, anelise und Utte.

Die Frage „lebst du noch?“ war damals so üblich wie die Frage, die heute in Kinderbriefen steht: „Wie geht es dir?“

Die „vil geschenge“ mussten die Gaben von der Frau Pfarrer  gewesen sein. Ihre Mutter hatte ihr das Geburtstagsgeschenk schon früher, vor der Ausbombung  am 7. März, gegeben. Sie überreichte ihr  einen Bauernhof aus fester Pappe, den man zusammenbauen konnte.

„Den sollst du zum Geburtstag bekommen. Wer weiß, was bis dahin mit uns passiert ist. Spiele jetzt damit, dann hast du noch etwas davon.“

Sie behielt recht. Am 23. März stand das Pfarrhaus nicht mehr und der Bauernhof war verbrannt.