Umsiedlung

Bisher war das Mädchen nur freundlichen und hilfsbereiten Menschen begegnet. Die Leute in der Gemeinde des Vaters und natürlich die Familie waren immer liebevoll zu ihr.

Die Erfahrung, die sie mit der Pfarrersfrau gemacht hatte, war ihr neu. Diese Art von Ablehnung war ihr fremd und verwirrte sie.

„Tschüss, du eklige Nazipfarrerin“, diesen unfreundlichen Gruß schickte sie in Gedanken an die Pfarrfrau, als die Familie sie verließ. Sie musste in eine neue Unterkunft ziehen.

Ein Kastenwagen mit zwei mageren Pferden transportierte sie und ihren kläglichen Besitz nach Sollnitz, einem kleinen Dorf in der Nähe von Dessau. Sie saßen auf harten Bänken, die mit jedem Schlagloch in Gefahr gerieten, umzufallen. Der Kinderwagen mit dem kleinen Christian schwankte gefährlich und musste während der gesamten Fahrt festgehalten werden.

Wie friedlich begrüßte sie dieses kleine Dorf mit Häusern ohne Löcher in den Dächern. Hohe Bäume mit sprießenden grünen Blättern säumten seine Hauptstraße. Es war Frühling und die Luft war warm und sauber. Es war so ruhig hier. Keine Bomben, kein Feuer, keine unfreundlichen Menschen.

Ein Bauer vermietete ihnen ein Zimmer für 50 Mark. Das konnte die Mutter zahlen, weil sie von der Kirche 800 Mark Unterstützung bekommen hatte.

Das Zimmer war sehr sparsam eingerichtet. Es gab einen Tisch und fünf harte Holzstühle. Zwei große und drei kleinere Betten reihten sich gedrängt an die Wände.

In diesem Zimmer lebten und schliefen sie alle, manchmal auch die Großmutter aus Berlin. Christian schlief am Fußende des Bettes der  Mutter. Ihre Füße waren jeden Morgen feucht, weil er sie nass gemacht hatte.

Später kam ihr Bruder Peter dazu. Der Vater eines Schulkameraden hatte ihn und seinen Sohn mit einem Pferdewagen aus dem Kinderlager in Güsten geholt.

Zu Fuß  hatte sich der Zwölfjährige zu ihnen durchgeschlagen und stand mager und erschöpft in dem kleinen Zimmer.

„Hier bin ich“, und er fuhr mit den Händen durch seine struppigen und verschwitzten Haare.

Jetzt war es noch enger in dem Zimmer. Wenn die Großmutter da war, blieb für das Mädchen und Peter nur ein Bett. Sie schliefen abwechselnd auf dem Boden.

Die Enge war quälend, aber sie fand eine Lösung für sich. Es gab einen Nussbaum in dem Garten des Hauses. Er hatte zwar keine Schaukel, aber sie  konnte in seinen Ästen sitzen, wenn sie Ruhe brauchte und  nachdenken wollte. Hier fühlte sie sich  beschützt und sicher.