Russische Soldaten

Plötzlich liefen nur noch russischen Soldaten in Sollnitz herum. Ihre Sprache war komisch und sie trugen braune Uniformen. Es hieß, die Siegermächte hätten sich Deutschland aufgeteilt und im Osten wären jetzt die Russen.

Böse Gerüchte gingen um. Es wurde berichtet, dass die Russen die deutschen Frauen vergewaltigten. Das Mädchen hatte keine Ahnung, was vergewaltigen bedeutete. Aber etwas Gutes war es sicher nicht. Außerdem sollten die Russen dauernd Schnaps trinken und klauen sollten sie auch. Konnten Menschen so viele schlechte Eigenschaften haben, wie den Russen nachgesagt wurde? Es gab doch sicher auch nette Russen.

Das mit dem Trinken stimmte, wie sie selbst erlebte. An einem Nachmittag torkelte ein Russe die Treppe zu ihrem Zimmer hoch. Als er im Zimmer stand, schwankte er hin und her.

„Schnabes“, keuchte er „Frau und Schnabes.“

Dass er nicht richtig stehen konnte, war ein Glück. Die Mutter schob ihn langsam aus dem Raum.

„Hier gibt es keinen Schnaps und eine Frau sowieso nicht.“ An der Treppe ließ sie ihn los und lief schnell zurück ins Zimmer. Sie stellte sich wie ein Wachhund vor die Tür.

Der Russe torkelte die Treppe hinunter.

„Kein Schnabes, keine Frau.“

Die Russen sollten ziemlich unwissend sein. Es hieß, dass sie ihre Kartoffeln in der Kloschüssel waschen wollten und sich wunderten, dass die plötzlich weg waren. Diese Geschichte glaubte das Mädchen nicht. Kartoffeln waren zu schwer. So einfach konnte man sie nicht hinunterspülen, Aber dass die Russen mit dem Fahrradfahren Probleme hatten, das konnte sie sich vorstellen.

 Aber sie hatte Angst vor den Russen. Vor allem hatte sie Angst um ihre Mutter. Was konnte ihr alles passieren?

Ihre Mutter traf jeden Tag auf russische Soldaten, weil sie für die Angehörigen der russischen Besatzungsmacht arbeiten musste. Sie putzte, kochte und hob Schützengräben aus.

Sie erinnerte sich, wie sehnsüchtig sie und ihre Geschwister abends auf sie warteten. Sie standen am Fenster und hofften, bald das „blaue Pünktchen“ zu sehen. Das „blaue Pünktchen“ war die Mutter, die ein blaues Kleid trug. Es war ihr einziges Kleid. Es hatte weiße Tupfen und sein Blau strahlte, wenn sie um die Ecke kam.

Zu ihrer Beruhigung erinnerten sie sich unzählige Male an die Abenteuer, die die Mutter mit den Russen erlebt hatte. Sie war immer mit ihnen fertig geworden.

 „Weißt du noch, wie mutig sie war, als sie das Fahrrad geklaut hat?“

„Sie hat es zurück geklaut, weil es ihr gehörte“, erzählte Peter.

„Die Russen hatten es sich geholt. Ja, und dann hat sie es sich zurückgeholt. Ich weiß es genau, ich habe doch aufgepasst, falls jemand kommt. Das Rad stand auf einem Hof und da hat sie sich angeschlichen und wupp - da saß sie auf dem Rad und ist abgehauen und ich hinterher. Mensch, hatte ich Schiss!“

Sie wussten, dass sie kommt. Sie kam jeden Abend, erschöpft, aber sie kam. Was sollte aus ihnen werden, wenn sie nicht käme?