Alexander

 

Die russischen Soldaten, mit denen sie zusammentraf, waren nett. Sie waren nicht betrunken und nicht gewalttätig.

Alexander bewachte eine Panzersperre, die mitten auf der Hauptstraße stand. Sie wunderte sich über dieses Holzgerüst. Es bestand aus Holzklötzen und engte die Straße auf beiden Seiten ein. Es sah ziemlich hässlich aus.

Alexander war ein friedlicher behäbiger Russe. Als er sie sah, fing er an zu weinen. Die Tränen liefen wie kleine Bäche durch die Falten in seinem Gesicht. Sie wunderte sich darüber, denn sie hatte ihm nichts getan.

Als er sich beruhigt hatte, sagte er: „Minjá sawút Alexander“,1 und schlug mit der rechten Hand auf seine breite Brust. Seine Stimme klang wackelig, weil er mit den Tränen kämpfte.

Sie wiederholte „Alexander“ und tippte mit ihrem Zeigefinger auf seine Brust.

„Da, da“,2 eifrig bestätigte er und sie schlug nun mit der rechten Hand auf ihre Brust und sagte:

„Bärbel.“

„Bärbel i Alexander, Bärbel i Alexander:“3

Wie ein kleiner Junge wiederholte er singend die Namen und tanzte dazu wie ein behäbiger Bär. „Bärbel“ sprach er aus, als hätte er Steine im Mund. Sie fand schön, wie er tanzte. Erstaunlich war, wie behände er sich bewegte, obwohl er ziemlich dick war.

Als Alexander wieder ruhig stand, sagte er: „Y minjá scheßt djéti. 4

Sie verstand nichts. Was für eine komische Sprache.

Er zeigte erst auf sie und schlug dann mit beiden Händen auf seine Brust. Er hielt ihr sechs Finger vor die Nase.

„Tanja, Boris, Tamara, Olga, Wladimir, Alec.“ Er bekam wieder feuchte Augen.

Jetzt verstand sie, was er sagen wollte. Er hatte sechs Kinder in Russland und sehnte sich nach ihnen. Deshalb weinte er, wenn er Kinder sah.

Sie besuchte Alexander täglich und er war froh darüber. Er langweilte sich an seiner Panzersperre. Es kamen ja auch keine Feinde, denn die Deutschen hatten sich alle versteckt. Jedenfalls sah man weit und breit keinen, vor allem kamen keine deutschen Panzer. Das bedauerte sie, denn sie hatte noch nie einen gesehen.