Iwan

 

Als sie ihren täglichen Besuch bei Alexander machen wollte, traf sie auf einen anderen Russen.

„ Alexander?“, fragte sie.

Der neue Russe würde sicher verstehen, dass sie Alexander suchte. Aber der antwortete doch tatsächlich auf Deutsch.

„Der muss jetzt an anderer Stelle aufpassen.“

„Und wie heißt du?“

„Iwan ist mein Name und ich bin Lehrer in Russland.“

„Hast du auch sechs Kinder wie Alexander?“

„Nein, noch nicht“,

Ein Lehrer aus Russland , der Deutsch sprach und keine Kinder hatte.

Er sah viel schicker aus als der etwas rundliche Alexander. Er war jünger und sah richtig flott aus in der Uniform und dem Käppe, das er auf dem Kopf trug.

„Wo wohnst du?“

Sie zeigte auf das Haus direkt neben der Panzersperre.

„Hast du Geschwister und wo sind deine Eltern?“

„Ich habe drei Geschwister. Meine Mutter muss für die Russen arbeiten und mein Vater ist noch im Krieg.“

Iwan sah sie an, als fiele ihm erst jetzt auf, dass die deutschen Feinde auch Kinder und Frauen hatten.

„Habt ihr genug zu essen?“

Als sie mit der Antwort zögerte, nahm er sie bei der Hand und führte sie in ein Lager, in dem viele Soldaten hin und her liefen. Er ging auf ein Zelt zu. Dort wurde gekocht. Sie roch es und ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Iwan füllte einen großen Topf  mit Fleisch und Soße. Er drückte ihr das Gefäß in die Hand und sah sie freundlich an.

„Hier, bring das deiner Familie. Morgen kannst du wiederkommen und dir etwas zu essen holen.“

Auch wenn es Pferdefleisch war, es schmeckte der Familie unglaublich gut. Iwan war wirklich ein netter Russe.

Er hat der Mutter einmal in einer schwierigen Situation geholfen. Es hätte  böse ausgehen können. Um Wasser zum Abwaschen zu holen, war sie zu einem der Wasserwagen gegangen und wollte den Hahn öffnen, um einen Eimer zu füllen. Plötzlich hielt sie den Hahn in der Hand. Er war abgebrochen. Erstarrt vor Angst stand sie vor dem Wagen, als ein russischer Soldat auf sie zulief.

„Kommen zu Kommandant, schlimm, schlimm! Gleich gehen zu Kommandant.“

Ehe mein  Mutter begriffen hatte, was möglicherweise jetzt auf sie zukommen könnte, griff Iwan ein.

„Das ist doch kein Problem, das lässt sich leicht reparieren.“ Und der Soldat ließ sie in Ruhe.

Man musste gar nicht so viel Angst vor den Russen haben.

Sie lebten mit ihnen und konnten auf die Straße gehen, ohne Angst vor Granaten zu haben. Iwan gab ihnen etwas zu essen und Alexander weinte, weil er Sehnsucht nach seinen Kindern hatte. Das kleine Sollnitz wurde bedeutungslos, weil es keine  deutschen Soldaten mehr gab, die sich hier hätten verstecken können.