Nachkriegsalltag

 

Die Familie wurde erneut umgesiedelt.

Alexander weinte wieder.

„Auf Wiedersehen, kleines Mädchen“, er legte seine Hand auf ihren Kopf. Diesen Satz hatte er sicher vorher geübt und es klang auch etwas holprig.

Iwan gab ihr die Hand.

„Alles Gute“, er nahm ihre Hand in seine beiden Hände.

Sie wollte gar nicht weg. Hier hatte sie Freunde gefunden und hier gab es dank Iwan genug zu essen. Aber vielleicht war es doch gut. Da, wo sie jetzt hinzogen, musste die Mutter möglicherweise nicht so viel arbeiten.

Es stimmte. Für die Russen musste sie nicht mehr arbeiten, aber es gab genug anderes zu tun.

Sie zogen in ein Behelfsheim, das in einer kleinen Siedlung in Großkühnau lag, einem kleinen Ort nahe Dessau. Das waren kleine Wohnhäuser, die in Vierereinheiten aneinandergebaut waren. Auch hier war es sehr eng und es gab keinen großen Baum für das Mädchen. Das kleine Haus hatte zwei Zimmer. Neben einem winzigen Schlafzimmer mit zwei Stockbetten und einem Kinderbett gab es einen größeren Raum. Hier wurde gekocht und gewohnt. Geradeaus an der Längswand stand ein Herd, der befeuert werden musste. Jeden Tag sammelten das Mädchen und ihre Geschwister im Wald einen Behnert voller Kleinholz.

„Immer müssen wir in den Wald und Holz suchen“, ihre Schwester protestierte.

„Womit sollten wir den Herd anmachen, heizen und kochen?“ Die Mutter hatte recht. Es gab nichts anderes als das Holz aus dem Wald.

In der Mitte des größeren Raums stand ein großer Esstisch, davor eine  Bettcouch, die als Sitz- und Schlafgelegenheit genutzt wurde. Hier schlief die Mutter, wenn die Großmutter zu Besuch war.

Die Familien, die in den Vierereinheiten wohnten, halfen und unterstützten sich gegenseitig.

Frau Miller, die mit Mann und Sohn in dem Häuschen hinter ihnen wohnte, war eine großzügige Frau. Sie teilte mit der Familie, wann sie nur konnte. Sie sah, wie die Mutter kämpfte, um ihre vier Kinder satt zu bekommen.

„Ich habe nur einen Sohn, aber Sie haben vier hungrige Kinder. Da müssen wir doch teilen.“

Sie hatte recht. Die Kinder hatten immer Hunger und das tat weh. Das Frühstück bestand aus einer Tasse Rotzucker und einem trockenen Brot oder einem Teller Mehlsuppe. Und mittags gab es drei kleine Kartoffeln. Die Portionen wurden grammgenau verteilt. Keiner sollte zu kurz kommen. Die Mutter versuchte, Abwechslung in den Küchenzettel zu bringen. Aber die Suppe aus Baumrinde, Schreibers Nährsuppe genannt, oder die Kohlrabiblättersuppe - die Kohlrabis selbst verzehrten die Besatzungssoldaten – aß das Mädchen nicht, trotz großen Hungers. Diese bitteren schlammigen Flüssigkeiten waren dem Mädchen zuwider.

Auch Frau Graustein war eine große Hilfe. Sie war die Frau des Pfarrers von Großkühnau und hatte Kontakt zu den örtlichen Bauern. Sie sorgte dafür, dass die Familie Milch hatte und auch sonst einige Extras bekam.

Die Mutter bemühte sich um einen normalen Alltag. Renate und Peter besuchten die Schule in Dessau und das Mädchen verbrachte mit dem kleinen Bruder ruhige Tage in der Umgebung des Behelfsheims. Ihre Schule hatte noch nicht wieder angefangen.

Sogar ein Klavier hatte die Mutter aufgetrieben. 100 Mark hatte es gekostet. Jede Woche kam Fräulein Fischer und unterrichtete die drei größeren Kinder. Wie die Mutter ein Klavier und dazu eine Klavierlehrerin aufgetrieben hatte, das war ein Rätsel. Das Klavier stand in der Wohnküche und nahm sehr viel Platz weg.

So war es noch enger in dem kleinen Behelfsheim. Außerdem hatte sie keine Lust zum Klavierspielen. Da musste man ja üben und das störte. Aber es blieb ihr nicht erspart. Sie musste ans Klavier und wenn sie nicht wollte, wurde sie an das Instrument geschleppt.