Der Vater kehrt zurück

 

Eines Tages stand ein dünner kleiner Mann vor der Tür. Er hatte kurze strubbelige Haare und eine Brille auf der Nase. Die Brillengläser waren kreisrund und hatten schmale Ränder aus Metall. Er hatte dünne Lippen und sein Kopf wirkte viereckig, weil sein Kinn so knochig war.

Irgendwie kam er ihr bekannt vor.

„Willst du deinem Vater keinen Kuss geben?“ Und er nahm sie in die Arme und das unrasierte Kinn zerkratzte ihr Gesicht. Sie stieß ihn weg. Was wollte dieser Mann von ihr? Sie hatte vergessen, dass sie einen Vater hatte. Mit diesem abgerissenen Mann wollte  sie nichts zu tun haben.

„Wer ist denn da?“

Die Mutter kam zur Tür.

„Martin, du lebst -  Gott sei Dank bist du heil wieder da!“

Zum Erstaunen des Mädchens weinte sie. Wenn man sich freut, weint man doch nicht. Und sie weinte noch, als er in ihren Armen lag. Er legte seinen Kopf auf ihre Schulter, wie ein kleiner Junge, der endlich wieder bei seiner Mutter ist. Er war erschöpft und müde.

„Jetzt bist du zu Hause, jetzt wird alles gut.“

Ihre Gedanken liefen wie kleine Spinnen hin und her. Sie liebte ihre Mutter und einen Vater wollte sie nicht haben. Sie war sicher, dass sie keinen Vater brauchten. Die Mutter machte ja alles gut. Sie sorgte für Essen und war immer für sie da.

Als der Vater in den Krieg zog, war sie vier Jahre alt. Sie hatte wenig Kontakt zu ihm und ihre Erinnerung war verschwommen. Jetzt, mit acht Jahren, konnte sie sich nicht vorstellen, mit einem Vater zu leben. Wie sollte das denn gehen? Sie hatten eine Mutter und wenig Platz in dem kleinen Haus.

Das sah der kleine Christian auch so.

„Kann der Vater nicht woanders schlafen? Hier ist es schon so eng.“

Er musste sich erst daran gewöhnen, dass es Väter gab. Er war drei Monate alt, als der Vater eingezogen wurde.

Die Bettcouch im Wohnzimmer wurde seine Schlafstatt. Er war unzufrieden mit dieser Wohnsituation. Das ließ er an meiner Mutter aus.

„Wie kannst du mir so eine Wohnung zumuten?“

„Zumuten? Was heißt hier zumuten? Ohne diese Wohnung säßen wir auf der Straße. Während du im Krieg warst, hat es hier auch Krieg gegeben. Unser Haus ist zerstört worden, wir mussten irgendwo unterkommen. Glaube nicht, dass das so einfach war. Ich bin froh, dass wir hier wohnen können. Hast du wirklich gedacht, dass du bei deiner Rückkehr ein unverändert bequemes Leben führen kannst?“

„Nein, das habe ich nicht erwartet. Aber diese Bruchbude ist schrecklich. Und die Kinder sind so laut. Ein bisschen Rücksicht könnt ihr schon auf mich nehmen.“

Sie beobachtete ihren Vater. Er sah müde und blass aus. Warum ging es ihm so schlecht? Er war doch jetzt wieder zu Hause und wurde von der Mutter verwöhnt. Er bekam die größten Essensportionen und musste nichts im Haushalt tun, noch nicht einmal Holz sammeln. Da musste es ihm doch gut gehen.

Im Krieg war er Sanitäter. Schießen musste er nicht.

„Was ist ein Sanitäter?“, fragte sie ihn.

„Das sind Soldaten, die sich um die kranken Kameraden kümmern.“

Also hatte er es doch nicht so schlimm im Krieg wie die Familie. Er war nie ausgebombt worden. Aber vielleicht hatte er andere schlimme Erlebnisse.

Bald musste er seinen Dienst als Pfarrer wieder aufnehmen. Er betreute kleine weit auseinander liegende Gemeinden und musste immer mit dem Fahrrad fahren, was ihm sehr schwer fiel. Völlig kaputt kam er dann nach Hause. Er hatte ein krankes Herz aus dem Krieg mitgebracht.

Eigentlich tat er ihr leid. Wenn er seine Predigten vorbereiten wollte, dann musste er sich mit einem Stuhl in den Wald setzen. Im Haus war keine Ruhe.

Er erwartete von der Mutter, dass sie ihm half und ihm das Leben schön machte. Sie war sein „Mütterchen“. Das Mädchen fand das komisch. Sie war doch ihre Mutter und nicht seine.

Jetzt hatte die Mutter fünf Kinder.