Ein fast normales Leben

So richtig normal war das Leben noch nicht, aber ein bisschen schon. Der Vater bekam eine Gemeinde zugeteilt. Er wurde Pfarrer an der Petruskirche in Dessau. Er musste jetzt nicht mehr mit dem Fahrrad von Dorf zu Dorf fahren. Die Gemeinde hatte ein richtiges Pfarrhaus, in der die Familie wohnen konnte. Jetzt hatten die Kinder richtige eigene Zimmer.

Das  Mädchen ging wieder in die Schule und sogar der kleine Christian wurde eingeschult.

Die Klassenräume hatten sich nicht verändert. Die Bänke waren hart und die Fußböden stanken immer noch nach Putzmittel. Abe es hing kein Hitlerbild an der Wand und die Lehrerinnen sagten normal guten Morgen. Es gab keinen Hitlergruß mehr.

Sie mochte ihre Lehrerinnen.  Fräulein Busse  wohnte in ihrer Nähe und das Mädchen besuchte sie gern. Sie war eine breit gebaute Frau mit dunklen krausen Haaren. Wahrscheinlich war sie jünger, als sie mir damals erschien.

Am deutlichsten erinnerte sie sich an Frau Besser. Sie war furchtbar hässlich. Sie trug eine Hochfrisur, aus deren Seitenrollen zottelige Haare hingen. So stellte sie sich den Struwelpeter vor. Und sie hatte Warzen. Unzählige große und kleine, dicke und flache Hautwülste verteilten sich über ihr Gesicht. Manchen wuchsen Haare aus der Mitte. Aber kein Schüler wurde frech und machte dumme Bemerkungen.

 

Aber etwas stimmte immer noch nicht. Die Eltern sahen wieder sorgenvoll aus, auch wenn sie nicht mehr Französisch sprachen und sie meistens im Zimmer bleiben durfte, wenn sie sich unterhielten.

„Gibt es denn wieder einen Hitler?“, fragte sie ihren Vater.

 „Nein, nein, Hitler hat sich das Leben genommen. Er ist tot. Aber jetzt dürfen die Leute immer noch nicht ihre eigene Meinung sagen.“

Sie verstand das alles nicht. Immerhin kam der Vater nicht wieder ins Gefängnis und er durfte auch predigen. Aber sonntags saßen Männer in der Kirche, die da nicht so recht hinpassten. Sie sangen die Choräle nicht mit und beteten auch nicht. Sie trugen graue lange Mäntel und Hüte. Die nahmen sie nicht vom Kopf. Das gehörte sich nicht.

„Das sind Spitzel von der Partei“, erklärte ihr Renate.

„Was sind Spitzel?“

„Das sind Leute, die hören wollen, ob unser Vater etwas gegen die Partei sagt.“

„Und was ist eine Partei?“

„Das finden sich Leute zusammen, die ein gemeinsames politisches Ziel haben. Bei uns hier ist es die SED. Die möchte uns alle beherrschen. Wir sollen alle die gleiche Meinung haben wie sie. Aber das gefällt unserem Vater nicht. Er ist für die Meinungsfreiheit der Menschen. Das gefällt der Partei nicht und deshalb schicken sie ihre Spitzel zu uns, damit sie hören, ob unser Vater Dinge sagt, die der Partei nicht passen.“

Ihr schwirrte der Kopf. Wie kompliziert das alles war. Sie fragte nicht weiter, obwohl ihr vieles noch nicht klar war. Aber das würde sie später fragen.