Klavierunterricht

 

Sie  vermied jede übertriebene Anstrengung, zur Empörung ihrer Geschwister. Wenn abgewaschen oder abgetrocknet werden sollte, verschwand sie auf der Toilette und blieb dort, bis alles erledigt war. Provozierend sang sie dann den Choral:

„Verzage nicht, du Häuflein klein...“

Renate war außer sich. Verständlicherweise rutschte ihr manchmal die Hand aus.

„Immer verziehst du dich aufs Klo und wir müssen alles allein machen. Du bist eine faule Ziege.“

Wenn ihr immer wieder gesagt wurde, wie faul und langsam sie sei, dann war sie es auch. Und sie übte nicht gern Klavier.

Aber wie sich das für Pfarrerskinder gehörte, musste die Voraussetzung für Hausmusik geschaffen werden.

Sie und ihre Schwester sollten bei Fräulein Streng Klavierunterricht bekommen. Der Name war lustig. Ob sie  auch streng war? Wie konnte sie so einen Namen haben? Ob es wohl auch Namen wie fleißig, faul oder traurig gab?

Und so kamen die Schwestern zu Fräulein Streng. Das erste Treffen fand an einem Nachmittag im September 1947 statt.

Fräulein Streng wohnte in der Nähe des Pfarrhauses. Man ging über den Funkplatz, dann links in einen großen Hof und gelangte durch eine Hintertür und über eine Treppe zum Eingang der Wohnung. Hier führte rechts ein langer Flur zu dem Musikzimmer. Wenn man das Zimmer betrat, fiel der Blick direkt auf den großen schwarzen Flügel.

Links auf einem Sofa saß die alte Mutter von Fräulein Streng. Sie war dick vermummt. Man sah ihren kleinen vogelartigen Kopf über einem Deckenberg herausragen. Die spärlichen weißen Härchen waren immer sorgfältig gekämmt und sie blickte die Klavierschüler scharf an. Sie verdiente den Namen „Streng“.

Ihre Tochter kam dem Mädchen schon alt vor, aber die Mutter schien unvorstellbar alt. Sie war während des Unterrichts immer dabei und kommentierte das Spiel der Schüler durch Grunzen. Missvergnügen wurde durch tiefes, Gefallen durch ein etwas helleres angezeigt.

Sie spielten vor. Der große schwarze Flügel beeindruckte sie. Zu Hause stand nur ein braunes altes Klavier.

„Bärbel ist begabt“, sagte Fräulein Streng kurz angebunden.

„Begabter als ihre Schwester.“

Renate war geknickt. Bislang waren ihre Fähigkeiten auf dem Klavier nie in Frage gestellt worden, weil sie fleißig übte.

Sie glaubte der Klavierlehrerin nicht. Renate spielte viel besser und ohne Fehler. Sie fand das ungerecht.

Das sah die Mutter auch so:

„Sie ist viel fleißiger und übt regelmäßig. Bärbel muss man immer an das Klavier schleppen.“

Sie mochte Fräulein Streng. Und so streng war sie gar nicht. Ihr Unterricht war neuartig. Ruhig und bestimmt bestand sie auf Regeln. Sie zeigte ihr, wie man richtig übt. Sie musste jedes Klavierstück auswendig spielen.

Nach einiger Zeit bekam sie Spaß daran. Sie begann zu üben. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie ehrgeizig. Und es stellte sich heraus, dass sie wirklich begabt war. Sie wurde Fräulein Strengs Musterschülerin.

Ihre politische Einstellung hat Fräulein Streng nie verraten. Sie war sehr vorsichtig und widmete sich nur ihren Klavierschülern. Wie viele Musiklehrer war sie Mitglied des FDGB. Das war der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund, die Einheitsgewerkschaft der DDR. Ob Fräulein Streng Mitglied der SED war, wusste niemand.