Der Vater

Er war ein kluger Mann und er konnte ihr viel erklären. Er war politisch aufrecht. Wie schon im 3.Reich war er mutig und stand immer auf der Seite der ungerecht Behandelten.

Er erklärte ihr die politischen Verhältnisse in Ost und West, er schilderte die Unterschiede zwischen der Deutschen Demokatischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland.

Sie wusste nicht, ob es ihren Geschwistern anders ergangen war, aber sie hatte nie das Gefühl, dass er sich wirklich für sie interessierte und dass er sich für sie einsetzte. Das Kümmern um die Kinder war Aufgabe der Mutter.

Ein Erlebnis würde sie nie vergessen. Die Familie wohnte jetzt in dem Pfarrhaus der Petrusgemeinde in Dessau. Wenn man das Haus betrat, kam man in einen großen dunklen Flur, der zu dem Büro des Vaters und in den Gemeindesaal führte.

Dieser dunkle Flur war der Ort, an dem ihr Vater ihr nachdrücklich klarmachte, wie wenig er ihr vertraute.

„Hallo, Bärbel, kommst du mal bitte?”

Sie lief die Treppe hinunter und stieß auf ihre Eltern, die bei einer ihr unbekannten Frau und einem Jungen standen.

„Die war’s, der habe ich das Buch gegeben.” Der Junge wies mit beiden Händen auf das Mädchen.

„Was ist los? Was willst du von mir?“

Sie stellte sich eng neben ihre Mutter.

Der Vater stand bei der Frau und dem Jungen, auf der anderen Seite.

„Das ist Stefan, ein Schulfreund deines Bruders, und seine Mutter. Stefan sagt, er habe dir ein Buch gegeben, das du an Peter weiterreichen solltest.“

Die Atmosphäre war so kalt wie der Flur.

„Welches Buch will er mir gegeben haben?“

„Peter hatte Stefan ‚Winnetou’ von Karl May geliehen. Er wollte das Buch endlich zurückhaben.“ Die Mutter versuchte, ihr die Situation zu erklären.

„Und Stefan behauptet nun, er hätte es längst zurückgegeben und zwar dir.“ Die Stimme ihres Vaters klang so bestimmt und kühl, als säße er bei Gericht und sie wäre die Angeklagte.

Wie kam dieser Bursche dazu, so etwas zu behaupten. Sie war ganz sicher, dass sie ihn noch nie gesehen hatte. Seine dickliche stämmige Figur wäre ihr aufgefallen.

„Du weißt es genau, das war irgendwann nachmittags. Da hast du vor der Haustür gestanden und ich habe dir das Buch gegeben. Du hast mir versprochen, gleich zu deinem Bruder zu gehen und es abzuliefern.“

„Ich habe dich noch nie gesehen. Dein Gesicht hätte ich nie vergessen. Wer weiß, was du mit dem Buch angestellt hast.“ Sie nahm die Hand ihrer Mutter.

„Kann es sein, dass du es nicht mehr weißt oder das Buch irgendwo verloren hast? Das wäre dir zuzutrauen, unordentlich genug bist du ja.“

Dieser Satz war typisch für ihren Vater. Seinen Kindern glaubte er zuletzt.

Die Mutter griff ein.

„Hier steht Aussage gegen Aussage. Wenn Bärbel sagt, sie kennt diesen Jungen nicht, dann glaube ich ihr das.“

Die Mutter des Jungen hatte bisher geschwiegen.

„Stefan, wenn du weißt, wo das Buch ist, dann gib es zu. Die Situation ist so peinlich.“

Sie sah die Mutter an.

„Frau Pfarrer, mein Junge ist kein Engel. Aber wenn er sagt, dass er das Buch Ihrer Tochter gegeben hat...“

Der Vater drehte sich zu dem Mädchen und sah sie durchdringend an.

„Kannst du mir in die Augen sehen? Hast du gelogen?“

Sie hielt seinem Blick stand, aber sie war fassungslos. War das der Vater, der sie stützen, der ihr vertrauen sollte?

Die Mutter bemerkte ihre Aufregung.

„Ich finde es unglaublich, dass du deine Tochter so einfach auf die Stufe mit diesem Bengel stellst. Sie hat sich das Buch nicht ausgeliehen. Und für die ordnungsgemäße Rückgabe war Stefan und sonst niemand zuständig. Nicht Bärbel hat das Buch verschlampt, sondern wahrscheinlich Stefan. Sie ist deine Tochter, also solltest du ihr glauben.“

Stefans Mutter zog ihr Portemonnaie aus der Tasche.

„Es ist mir alles so peinlich, Herr Pfarrer. Ich möchte, dass Ihr Sohn sich einen neuen Winnetou kauft.“

Sie drückte dem Vater einen Geldschein in die Hand, griff ihren Sohn unsanft am Arm und zog ihn zur Haustür.

„Komm jetzt!“

Der Junge folgte ihr langsam, nicht ohne dem Mädchen einen erbitterten Blick zuzuwerfen.

Der Vater atmete auf, als sich die Haustür hinter ihr schloss.

„Na, das wäre überstanden.“

Das Mädchen brach in Tränen aus. Die Mutter nahm sie in den Arm und wiegte sie hin und her.

„Was ist denn jetzt schon wieder los?“ Der Vater verstand nichts. Aber die Mutter begriff den Kummer ihrer Tochter.

„Was du deiner Tochter heute angetan hast, ist dir wohl entgangen. Du darfst eins nicht vergessen: Kinder haben auch Gefühle, nicht nur deine Gemeindemitglieder.“

Der Vater wollte schon in sein Büro gehen, als er plötzlich stehen blieb. Er sah nachdenklich aus.

„Ach was, sie soll sich nicht so haben!“

Er verschwand.

Das war also der Vater, der für sie da sein, der ihr vertrauen sollte. Er war ein guter Pfarrer, ein gebildeter und politisch aufrechter Mann, aber er interessierte sich offenbar nicht sonderlich dafür, was seine Kinder fühlten und dachten.