Güsten

 

Güsten war der fünfte Wohnort der Familie, seitdem ihr Haus in der Askanischen Straße in Flammen aufgegangen war. Sie musste zwischen 1945 und 1951 fünf Umzüge bewältigen.

Peter zog nicht mit nach Güsten. Er hatte das Abitur in Dessau gemacht und studierte jetzt in Tübingen. Renate kam nur am Wochenende nach Hause. Sie blieb in Dessau, um auch das Abitur zu absolvieren.

Es war nicht so einfach, denn das neue Pfarrhaus“ war nicht gerade pflegeleicht. Es war kalt und mit seinen Riesenräumen als Wohnort für eine Familie nicht besonders geeignet. Es war ziemlich alt mit seinen hohen Fenstern und seiner bröckeligen Fassade. Die Risse zeigten Reste von gelber Farbe.

Es hieß, ein anhaltinischer Fürst hätte es ehemals für seine Geliebte gebaut.

Die Geschichte mit der Geliebten fand sie romantisch. Sie sah den Fürsten in seiner Kutsche vorfahren. In Samt und Seide gekleidet stieg er aus und eilte zum Eingang hinauf. Die Tür öffnete sich und er warf sich in die Arme seiner Geliebten, die ihm durch den schmalen langen Flur entgegenlief. Sie empfing ihn mit rosigen weichen Armen, die in weiten Spitzenärmeln steckten, und führte ihn die Treppe hinauf in das größte Zimmer des Hauses, in dem ein riesiges Himmelbett mit einem weißen Baldachin stand.

An dieser Stelle brachen ihre Fantasien ab, weil sie sich nicht so recht vorstellen konnte, was sie dann taten.

 

Das warme Zentrum war das Wohnzimmer mit dem großen braunen Kachelofen. Für die Familie war er sehr wichtig. Im Winter saßen sie alle auf seiner Bank und wärmten ihren Rücken. In seiner Röhre lagen Ziegelsteine, die erhitzt wurden, um dann vor dem Schlafengehen unter die Bettdecken geschoben zu werden. So schauderten sie nicht ganz so sehr, wenn sie sich abends unter die dicken Daunendecken schoben. An die Eiskristalle, die sich im Laufe der Nacht um den Mund herum entwickelten, gewöhnten sie sich.

Die Küche lag im Kellerbereich. Sie hielt sich gern dort auf. Hier gab es einen uralten Herd, der befeuert werden musste. Daneben stand eine Grude. Das war ein Metallkasten, in dem Kohlegries unter einem Gitter glühend gehalten wurde, um Essen warm zu halten und zu garen. Sie saß gern auf der Grude, weil ihr Deckel warm war.

 

Hinter dem Haus lag ein wunderschöner Garten. Die Wiesen waren nicht mehr so gepflegt wie wahrscheinlich zu Fürstens Zeiten, aber man erkannte noch die parkähnlichen Anlagen. Es gab sogar einen Pavillon, in dem man rasten konnte.

Auf dem Hof, den man überqueren musste, um in den Garten zu gelangen, stand ein alter Taubenturm. Die Tauben flogen ein und aus und sorgten für den Dünger, der im Garten verwendet wurde. Außerdem schmeckten sie nicht schlecht, wenn sie gebraten auf den Tisch kamen.

Das Haus lag am „Kleinen Markt“. Der hübsche kleine Platz hieß mit Recht so. Er war quadratisch und hatte in seiner Mitte grün bewachsene Steine und mehrere grüne Bäume. Zwischen den Bäumen stand ein langer Mast, auf den ein Lautsprecher montiert worden war. Aus diesem Gerät lärmten mittags um zwölf Uhr die wichtigsten Mitteilungen des Bürgermeisters und der Regierung der DDR. Zwischen den Meldungen wurde Musik angeboten.

„Ach, es hat schon seinen Sinn, dass ich Wasserträger bin...“, das war eine Variante, die die Bewohner des Kleinen Markts täglich begleitete. Die zweite sollte wohl die Liebhaber der ernsteren Musik beglücken. Eine Sängerin schluchzte aus dem Lautsprecher: „Ach, ich habe sie verloren...“

Gluck hätte sich gewundert, wozu diese Arie aus seiner Oper „Orpheus und Eurydike“ benutzt wurde.