Weiterbildung

Die Erinnerungen an die Schulen, die sie besucht hat, sind sehr spärlich. Einige Lehrer hat sie noch klar vor Augen, aber sie weiß nicht mehr, was im Unterricht passierte. Waren die Lehrer besonders streng, hat es bei einigen Lehrern Spaß gemacht? Bei welchem Lehrer lernte man am meisten. Wie haben sich die Schüler verhalten?

Aber die Lehrer waren nett zu ihr. Herr Popendicker ließ sie nicht spüren, dass sie Pfarrerstochter war. Er war ein älterer Herr und nahm vermutlich die politischen Possen einer weiteren Diktatur nicht ernst. Wahrscheinlich mochte er, wie auch die anderen Lehrer, ihre stille zurückhaltende Art. Außerdem war sie eine gute Schülerin und das gefiel ihnen mit Sicherheit, auch wenn die Partei Pfarrerskinder  als „unsozialistische Relikte“ ansah, die nicht in den Arbeiter- und Bauernstaat gehörten.

Auf der Schule in Güsten traf sie endlich auf eine richtige Freundin. Es war ihr erster Tag. Sie stand einsam und hilflos inmitten der tobenden Kinderschar.

„Bist du neu hier?“

Ein hübsches Mädchen mit großen blauen Augen stand plötzlich vor ihr und sah sie freundlich an. Schon fühlte sie sich besser.

„Wie heißt du denn?“

„Ich heiße Bärbel“, Sie sagte das leise und vorsichtig. Es konnte ja sein, dass sie sich wieder von ihr abwandte.

„Ich heiße Renate“, und sie nahm sie um die Schulter und zog sie in den Kreis der anderen Kinder, die sie erwartungsvoll ansahen. Mit dieser Geste war klar, dass sie dazu gehörte und sie war unbeschreiblich erleichtert.

Als sich dann herausstellte, dass Renate auch in die siebte Klasse ging und sie den gleichen Klassenlehrer hatten, war ihr Glück groß. Sie waren beide fleißige Schülerinnen und rivalisierten bei Klassenarbeiten und letztlich bei der Abschlussprüfung am Ende der achten Klasse. Das trübte die Freundschaft nicht.

Sie verbrachten jede freie Minute miteinander. Renate spielte Geige und sie konnten miteinander musizieren. Sie stahlen Kirschen und Äpfel von den Bäumen auf den Feldern, wenn sie mit dem Rad unterwegs waren. Die Bücher wurden getauscht und sie versuchten sogar, wenn auch mit wenig Erfolg, das Nähen zu lernen.

Sie fühlte sich wie neu. Konnte das Leben so heiter und glücklich sein? Bisher war es nur trübe und voller Angst gewesen. Aber jetzt sah alles anders aus.

Sie waren beide Mitglieder der Jungen Gemeinde. Diese kirchliche Jugendorganisation war der Partei ein Dorn im Auge. Sie verbreitete Gerüchte, nach denen bei den Treffen der Jugendlichen sexuelle Rituale stattfinden sollten. Der Pfarrer und die Jugendlichen zögen sich nackt aus.

Tante Marlise, die Schwester ihres Vaters, eine humorige Dame, pflegte sie zu ermahnen, wenn sie zu den Treffen ging.

„Kind, erkälte dich nicht.“

 Sienahmen nicht an der Jugendweihe teil, aber sie wurden am 25. Mai 1952 konfirmiert. Sie saß neben Renate, inmitten feierlich angezogener Mädchen und Jungen. Die Kirche war kalt und sie kämpfte mit einer tropfenden Nase und einer vollen Blase.

Der Vater stand auf der Kanzel und führte sie in das erwachsene Christenleben ein. Das machte er gut. Mit Humor und Ernsthaftigkeit traf er den Ton, den Jugendliche in dieser Zeit brauchten. 

Sie sah ihren Vater auf der Kanzel stehen. Wie ein Standbild der Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit sah er aus.

‚Wann hast du diese Forderungen erfüllt? Warum kannst du nicht so sein, wie du es von deinen Konfirmanden erwartest’, dachte sie und erinnerte sich an die anderen sogenannten guten Christen, denen sie begegnet war. Wie schlecht hatte Frau Pfarrer Kirchert die Familie behandelt, als sie kein Dach mehr über dem Kopf hatte.

Mussten die Vertreter Gottes nicht Vorbild für die Menschen sein, die ihnen anvertraut waren? Sie zweifelte an der Botschaft Gottes, an seinen Vertretern und an ihrem Vater.

Er las ihren Konfirmationsspruch laut und deutlich vor.

„Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; er wird’s wohl machen.“

Wie würde der Herr es wohl machen? Er hatte sich bisher nicht besonders angestrengt. Sie musste dreizehn Jahre alt werden, um zu merken, dass das Leben schön sein kann. Vorher gab es nur Angst vor Bomben und Granaten und die Sorge um die Mutter.

Etwa zwei Monate später wurde ihr klar, wie es der Herr und der Staat mit ihr vorhatten. Am 6. Juli 1952 wurde ihr bei der Zeugnisausgabe verkündet, dass sie die weiterführende Oberschule nicht besuchen dürfe. .

Herr Popendicker sah sie mitleidig an und sagte nur: „Schade! Du darfst nicht auf die Oberschule.“

Sie hatte ein gutes Zeugnis. Neben vielen Zweien prangten die Einsen in Mathematik und Biologie.

Ihre Freundin Renate durfte auf die Oberschule. Eigentlich gehörte ihr Vater als Zahnarzt auch zu den verhassten Intellektuellen. Aber offenbar war er politisch völlig unverdächtig.

Der Vater nahm es sehr leicht, dass sie nicht auf die Oberschule durfte. Es war ein Zeichen dafür, wie gering sein Interesse für sie war und wie wenig er sie kannte.

„Das ist doch nicht so schlimm. Ich habe es ja immer gesagt. Bei meinen Söhnen ist es der Verstand und bei meinen Töchtern die weibliche Schönheit.“

Sein menschliches Verständnis und sein politischer Widerstand bezogen seine Kinder nicht mit ein. Dass dieser Staat, den er bekämpfte, ihr die Möglichkeit einer höheren Schulbildung versagte, war ihm gleichgültig.

Aber es ging dann irgendwie weiter.  

Sie fuhr jede Woche einen Tag nach Dessau, lernte Englisch, Französisch und Latein bei zwei alten Pensionären und widmete sich intensiv dem Klavier, der Orgel und später auch der Violine.

Der Vater fand ihre Weiterbildungsbemühungen überflüssig.

„Diese Stunden kosten Geld. Ist es denn wirklich nötig, dass Bärbel sich dauernd in Dessau herumtreibt. Sie soll dir im Haushalt helfen,“ sagte er zu der Mutter, „und Instrumentalunterricht kann sie in Aschersleben oder Staßfurt nehmen.“

Diese Bemerkung konnte sie nicht so stehen lassen.

„Ihr habt mich schließlich in die Welt gesetzt und habt dafür zu sorgen, dass ich eine richtige Ausbildung bekomme. Peter und Renate konnten das Abitur machen. Ich habe die Chance nicht. Also muss ich auf eigene Weise weiterkommen.“

Sie tobte nicht, sie brüllte nicht, aber sie sagte klar und deutlich ihre Meinung. Der Vater schwieg verblüfft. Merkwürdigerweise hat ihr die Mutter diesen Ausbruch übelgenommen. Sie sah sie verletzt an.

Neben ihrer privaten Ausbildung musste sie eine Berufsschule besuchen. Man wies sie der Landwirtschaftlichen Berufsschule in Giersleben zu. Auch hier waren die Lehrer sehr nett zu ihr.

„Barbara ist in ihren Leistungen und in ihrem Verhalten vorbildlich.“ Diese und ähnliche Beurteilungen bekam sie in jedem Halbjahr. Dass sie die Schularbeiten während des Unterrichts unter dem Tisch erledigte, bemerkte niemand.

Sie weiß bis heute nicht, wie sie es geschafft hat, in den Fächern Tierzucht, Ackerbau und Pflanzenbau eine Zwei zu bekommen. Ihre Erfahrungen beschränkten sich auf Hühner und Kaninchen. Der Vorschlag, Kühe mit dem Kraftfutter Löwenzahn zu ernähren, wurde ihr verziehen.

1953 gewann sie den Frieda Hockauf Preis für gute Leistungen. Frieda Hockauf war eine Weberin, die einen Fünf-Jahres-Plan übererfüllt hatte. Der Preis war das Buch „Tom Jones“ von Henry Fielding, eine Medaille und rote Nelken. Ihr wurde ein Jahr Schulbesuch erlassen.

Sie stand auf der Bühne in der Aula der Berufsschule und wurde mit Glückwünschen überschüttet.

„Du hast vorbildlich gearbeitet. Du bist eine würdige Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik. Mach weiter so!“

Sie konnte die Fassung nur mit Mühe bewahren. Der Schulleiter, der sie so lobte, wusste genau, wie das Pfarrerstöchterchen zur Deutschen Demokratischen Republik stand. Sie fragte sich, wie es möglich war, dass eine Pfarrerstochter einen solchen Preis errang.

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiterbildung

Die Erinnerungen an die Schulen, die sie besucht hat, sind sehr spärlich. Einige Lehrer hat sie noch klar vor Augen, aber sie weiß nicht mehr, was im Unterricht passierte. Waren die Lehrer besonders streng, hat es bei einigen Lehrern Spaß gemacht? Bei welchem Lehrer lernte man am meisten. Wie haben sich die Schüler verhalten?

Aber die Lehrer waren nett zu ihr. Herr Popendicker ließ sie nicht spüren, dass sie Pfarrerstochter war. Er war ein älterer Herr und nahm vermutlich die politischen Possen einer weiteren Diktatur nicht ernst. Wahrscheinlich mochte er, wie auch die anderen Lehrer, ihre stille zurückhaltende Art. Außerdem war sie eine gute Schülerin und das gefiel ihnen mit Sicherheit, auch wenn die Partei Pfarrerskinder  als „unsozialistische Relikte“ ansah, die nicht in den Arbeiter- und Bauernstaat gehörten.

Auf der Schule in Güsten traf sie endlich auf eine richtige Freundin. Es war ihr erster Tag. Sie stand einsam und hilflos inmitten der tobenden Kinderschar.

„Bist du neu hier?“

Ein hübsches Mädchen mit großen blauen Augen stand plötzlich vor ihr und sah sie freundlich an. Schon fühlte sie sich besser.

„Wie heißt du denn?“

„Ich heiße Bärbel“, Sie sagte das leise und vorsichtig. Es konnte ja sein, dass sie sich wieder von ihr abwandte.

„Ich heiße Renate“, und sie nahm sie um die Schulter und zog sie in den Kreis der anderen Kinder, die sie erwartungsvoll ansahen. Mit dieser Geste war klar, dass sie dazu gehörte und sie war unbeschreiblich erleichtert.

Als sich dann herausstellte, dass Renate auch in die siebte Klasse ging und sie den gleichen Klassenlehrer hatten, war ihr Glück groß. Sie waren beide fleißige Schülerinnen und rivalisierten bei Klassenarbeiten und letztlich bei der Abschlussprüfung am Ende der achten Klasse. Das trübte die Freundschaft nicht.

Sie verbrachten jede freie Minute miteinander. Renate spielte Geige und sie konnten miteinander musizieren. Sie stahlen Kirschen und Äpfel von den Bäumen auf den Feldern, wenn sie mit dem Rad unterwegs waren. Die Bücher wurden getauscht und sie versuchten sogar, wenn auch mit wenig Erfolg, das Nähen zu lernen.

Sie fühlte sich wie neu. Konnte das Leben so heiter und glücklich sein? Bisher war es nur trübe und voller Angst gewesen. Aber jetzt sah alles anders aus.

Sie waren beide Mitglieder der Jungen Gemeinde. Diese kirchliche Jugendorganisation war der Partei ein Dorn im Auge. Sie verbreitete Gerüchte, nach denen bei den Treffen der Jugendlichen sexuelle Rituale stattfinden sollten. Der Pfarrer und die Jugendlichen zögen sich nackt aus.

Tante Marlise, die Schwester ihres Vaters, eine humorige Dame, pflegte sie zu ermahnen, wenn sie zu den Treffen ging.

„Kind, erkälte dich nicht.“

 Sienahmen nicht an der Jugendweihe teil, aber sie wurden am 25. Mai 1952 konfirmiert. Sie saß neben Renate, inmitten feierlich angezogener Mädchen und Jungen. Die Kirche war kalt und sie kämpfte mit einer tropfenden Nase und einer vollen Blase.

Der Vater stand auf der Kanzel und führte sie in das erwachsene Christenleben ein. Das machte er gut. Mit Humor und Ernsthaftigkeit traf er den Ton, den Jugendliche in dieser Zeit brauchten. 

Sie sah ihren Vater auf der Kanzel stehen. Wie ein Standbild der Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit sah er aus.

‚Wann hast du diese Forderungen erfüllt? Warum kannst du nicht so sein, wie du es von deinen Konfirmanden erwartest’, dachte sie und erinnerte sich an die anderen sogenannten guten Christen, denen sie begegnet war. Wie schlecht hatte Frau Pfarrer Kirchert die Familie behandelt, als sie kein Dach mehr über dem Kopf hatte.

Mussten die Vertreter Gottes nicht Vorbild für die Menschen sein, die ihnen anvertraut waren? Sie zweifelte an der Botschaft Gottes, an seinen Vertretern und an ihrem Vater.

Er las ihren Konfirmationsspruch laut und deutlich vor.

„Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; er wird’s wohl machen.“

Wie würde der Herr es wohl machen? Er hatte sich bisher nicht besonders angestrengt. Sie musste dreizehn Jahre alt werden, um zu merken, dass das Leben schön sein kann. Vorher gab es nur Angst vor Bomben und Granaten und die Sorge um die Mutter.

Etwa zwei Monate später wurde ihr klar, wie es der Herr und der Staat mit ihr vorhatten. Am 6. Juli 1952 wurde ihr bei der Zeugnisausgabe verkündet, dass sie die weiterführende Oberschule nicht besuchen dürfe. .

Herr Popendicker sah sie mitleidig an und sagte nur: „Schade! Du darfst nicht auf die Oberschule.“

Sie hatte ein gutes Zeugnis. Neben vielen Zweien prangten die Einsen in Mathematik und Biologie.

Ihre Freundin Renate durfte auf die Oberschule. Eigentlich gehörte ihr Vater als Zahnarzt auch zu den verhassten Intellektuellen. Aber offenbar war er politisch völlig unverdächtig.

Der Vater nahm es sehr leicht, dass sie nicht auf die Oberschule durfte. Es war ein Zeichen dafür, wie gering sein Interesse für sie war und wie wenig er sie kannte.

„Das ist doch nicht so schlimm. Ich habe es ja immer gesagt. Bei meinen Söhnen ist es der Verstand und bei meinen Töchtern die weibliche Schönheit.“

Sein menschliches Verständnis und sein politischer Widerstand bezogen seine Kinder nicht mit ein. Dass dieser Staat, den er bekämpfte, ihr die Möglichkeit einer höheren Schulbildung versagte, war ihm gleichgültig.

Aber es ging dann irgendwie weiter.  

Sie fuhr jede Woche einen Tag nach Dessau, lernte Englisch, Französisch und Latein bei zwei alten Pensionären und widmete sich intensiv dem Klavier, der Orgel und später auch der Violine.

Der Vater fand ihre Weiterbildungsbemühungen überflüssig.

„Diese Stunden kosten Geld. Ist es denn wirklich nötig, dass Bärbel sich dauernd in Dessau herumtreibt. Sie soll dir im Haushalt helfen,“ sagte er zu der Mutter, „und Instrumentalunterricht kann sie in Aschersleben oder Staßfurt nehmen.“

Diese Bemerkung konnte sie nicht so stehen lassen.

„Ihr habt mich schließlich in die Welt gesetzt und habt dafür zu sorgen, dass ich eine richtige Ausbildung bekomme. Peter und Renate konnten das Abitur machen. Ich habe die Chance nicht. Also muss ich auf eigene Weise weiterkommen.“

Sie tobte nicht, sie brüllte nicht, aber sie sagte klar und deutlich ihre Meinung. Der Vater schwieg verblüfft. Merkwürdigerweise hat ihr die Mutter diesen Ausbruch übelgenommen. Sie sah sie verletzt an.

Neben ihrer privaten Ausbildung musste sie eine Berufsschule besuchen. Man wies sie der Landwirtschaftlichen Berufsschule in Giersleben zu. Auch hier waren die Lehrer sehr nett zu ihr.

„Barbara ist in ihren Leistungen und in ihrem Verhalten vorbildlich.“ Diese und ähnliche Beurteilungen bekam sie in jedem Halbjahr. Dass sie die Schularbeiten während des Unterrichts unter dem Tisch erledigte, bemerkte niemand.

Sie weiß bis heute nicht, wie sie es geschafft hat, in den Fächern Tierzucht, Ackerbau und Pflanzenbau eine Zwei zu bekommen. Ihre Erfahrungen beschränkten sich auf Hühner und Kaninchen. Der Vorschlag, Kühe mit dem Kraftfutter Löwenzahn zu ernähren, wurde ihr verziehen.

1953 gewann sie den Frieda Hockauf Preis für gute Leistungen. Frieda Hockauf war eine Weberin, die einen Fünf-Jahres-Plan übererfüllt hatte. Der Preis war das Buch „Tom Jones“ von Henry Fielding, eine Medaille und rote Nelken. Ihr wurde ein Jahr Schulbesuch erlassen.

Sie stand auf der Bühne in der Aula der Berufsschule und wurde mit Glückwünschen überschüttet.

„Du hast vorbildlich gearbeitet. Du bist eine würdige Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik. Mach weiter so!“

Sie konnte die Fassung nur mit Mühe bewahren. Der Schulleiter, der sie so lobte, wusste genau, wie das Pfarrerstöchterchen zur Deutschen Demokratischen Republik stand. Sie fragte sich, wie es möglich war, dass eine Pfarrerstochter einen solchen Preis errang.