Orgeldienste – am Heiligen Abend

Sie war inzwischen eine passable Orgelspielerin und das machten sich die Nachbargemeinden Amesdorf und Osmarsleben zunutze. Das waren zwei kleine Orte nahe Güsten. Also wurde die 15jährige Pfarrerstochter aus dem Ort Güsten engagiert. Sie war billig und es wurde erwartet, dass sie diese Dienste willig erfüllte. Sie spielte Gottesdienste, Trauungen, Taufen und Beerdigungen. Für jede Amtshandlung bekam sie 5 Mark.

Es war nicht so einfach, diese Orte zu erreichen. Busse gab es nicht, von Zügen ganz zu schweigen.

Aber sie hatte ein Rad. Es war außerordentlich primitiv. Von mehreren Gängen konnte man nur träumen und es hatte eine Vollgummibereifung. Da sie mit diesem Gerät mehrere Kilometer fahren musste, war sie schließlich im wahrsten Sinne „gerädert“. Sie spürte jeden Stein, jeden Stoß zwischen ihren Beinen und sie brauchte einige Zeit, bis sie auf der Orgelbank bequem sitzen konnte.

 

Es war das Weihnachtsfest 1953. Am Heiligen Abend sollte sie in Amesdorf und in Osmarsleben die Christvesper spielen. Sie sollte um 18 Uhr in Osmarsleben und um 19.30 Uhr in Amesdorf sein. Von Güsten aus musste sie etwa 7 Kilometer zurücklegen, und das bei Schnee, Glätte und eisigem Wind.

Es war unsäglich kalt. Die Kirche war auch kalt und die Orgel machte wieder, was sie wollte. Sie hatte keinen elektrischen Motor, der die benötigte Luft in die Pfeifen blies und der Spielerin die Möglichkeit gab, Töne zu erzeugen. So musste die Küsterin mit der Kraft ihrer Beine für den erforderlichen Wind sorgen. Sie stand auf zwei Balken und trat auf und ab. So versorgte sie einen Blasebalg mit Luft, der sie an die Pfeifen weitergab. Aber die Luftzufuhr funktionierte nicht ganz wie sie sollte. Zu Beginn jeden Spielens gelangte Luft in alle Pfeifen. Das gesamte Orgelwerk dröhnte über die Köpfe der Gemeinde hinweg. Es quietschte, sauste und brummte. Und die Menschen fragten sich, warum die Organistin, bevor sie die Choräle intonierte, erst einmal auf alle Tasten schlug.

Einen Vorteil hatte die Blasebalgkonstruktion. Man war unabhängig vom Strom, der immer mal abgeschaltet wurde. Das waren die Stromsperren in der DDR.

Und das passierte auch an diesem Abend. Das Orgelwerk war gerad mit jammerndem Gewimmer erstorben. Sie spielte die Einleitung zu dem Lied „O du fröhliche…“ und dann die erste Strophe. Plötzlich lag die Kirche in tiefer Dunkelheit. Nur die Kerzen auf dem Weihnachtsbaum flackerten. Geübt, wie sie war, fand sie die richtigen Tasten und konnte die unverdrossen singende Gemeinde begleiten. Ein Glück, dass es die Küsterin gab, die wacker den Blasebalg bediente.

In Amesdorf kam sie zu spät an. Es hatte begonnen zu schneien und sie kam nur langsam vorwärts. Vorwurfsvoll sahen der  Pfarrer und der uralte Küster sie an.

„Welche Lieder soll ich denn spielen? Sie haben mir keine genannt.“

„Ich bin davon ausgegangen, dass du sie ohne Vorbereitung spielen kannst. Du nimmst doch immer nur das Gesangbuch mit der Melodie.“

„Aber ich muss doch wissen, welche Melodie gesungen werden soll.“

Nachdem sie trotz aller Widrigkeiten an der Orgel saß, die zum Glück einen richtigen Motor hatte, intonierte sie den ersten Choral und begann zu spielen. Was war denn das? Die Gemeinde sang ja etwas ganz anderes? Sie nahm die Hände von den Tasten und lauschte. Der Herr Pastor hatte ihr ein falsches Lied genannt.

Sie ließ die Gemeinde eine Strophe allein singen und fügte sich dann bei der zweiten mit der Begleitung ein. Erst bei den bekannten Weihnachtsliedern herrschte weihnachtliche Einigkeit zwischen den Gläubigen und ihr.

Aber sie hatte einen weiteren Kampf auszufechten.

Der uralte schrumpelige Küster stand neben ihr und zog die Register der Orgel, wie er so Lust hatte. Mal brummte der Bordun, mal schrillten die Pfeifen.

Es war unerträglich.

„Lassen Sie das“, zischte sie ihm zu, aber es nutzte nichts. Ungerührt zerrte er an den Knöpfen und sah sehr selbstzufrieden aus.

Die Rückfahrt nach Hause war der Höhepunkt dieses Weihnachtsabends. Es schneite inzwischen dichter und der scharfe Wind trieb ihr die Flocken ins Gesicht. Bei jedem Tritt hatte sie das Gefühl, gegen eine zähe weiße Wand zu fahren. Dann versagte das Licht an ihrem Rad und sie sah gar nichts mehr.

Sie musste ihr Rad zu Fuß nach Hause führen.

Als sie endlich dort ankam, liefen ihr die Erschöpfungstränen über das Gesicht und sie konnte kaum noch stehen. Sogar der Vater war sehr mitfühlend.

„Jetzt legst du dich erstmal hin und ruhst dich aus. Wenn wir den Heringssalat essen, dann sagen wir dir Bescheid.“

Jetzt ging es ihr schon besser. Es war gemütlich und warm und sie musste nicht mehr in die kalte Nacht. Niemand wollte etwas von ihr.